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Kultur

Debüt voller Wucht - "Tore tanzt"

Sie schaffte es gleich mit ihrem ersten Spielfilm ins offizielle Festivalprogramm von Cannes - und das als einzige Deutsche. Die Regisseurin Katrin Gebbe liefert mit "Tore tanzt" eine verstörende Passionsgeschichte.

Gleißende Sonnenstrahlen, Natur-Romantik. Idyllischer könnte ein Film nicht anfangen. Wären da nicht die harten Beats unter den Bildern. Ein schlaksiger Blondschopf wird in einem See getauft. Tore ist ein sogenannter Jesus-Freak. Er hört Punkmusik, trägt eine abgewetzte Lederjacke und lebt zusammen mit anderen gläubigen Außenseitern in einer Art christlicher Kommune. In ihrem Universum ist Gott "cool" und eine Irokesenfrisur kein Widerspruch zum Rosenkranz, den man um den Hals trägt.

Realität als Vorlage

Als der naive Tore merkt, dass nicht alle den Glauben so konsequent leben wie er, verlässt er die Kommune. Er freundet sich mit dem dubiosen Benno an und zieht kurzerhand zu dessen Familie in den Schrebergarten. Was als spontane Freundschaft beginnt, wird allmählich zur Tortur. Benno beginnt, Tore zu misshandeln. Erst wird das Essen rationiert, dann gibt's Schläge. Schließlich muss der völlig verwahrloste Junge für die Familie anschaffen gehen. Tore erleidet die Demütigungen als Gottes Prüfung, als Akt der Nächstenliebe.

Film Tore tanzt von Katrin Gebbe, Copyright: Junafilm

Qualen ertragen als Gottesprüfung

Genau diese grenzenlose Opferbereitschaft macht den Film so verstörend. "Dabei gab die Realität die Vorlage", erzählt die Regisseurin Katrin Gebbe. 2009 hatte ein Ehepaar einen geistig behinderten Jungen über Monate im Keller gefangen gehalten und zu Tode gequält. Die 30-Jährige hatte davon in der Zeitung gelesen. Sie hatte gerade ihr Regiestudium in Hamburg abgeschlossen und suchte nach einem Stoff für den ersten Spielfilm.

"Wie ein Sechser im Lotto"

Zusammen mit der Produzentin Verena Gräfe-Höft, die ebenfalls in Hamburg studiert hat, stemmte sie das Projekt gegen alle Widerstände. Ein Film ohne eine klassische Liebesgeschichte, noch dazu ein sperriges Thema und relativ unbekannte Schauspieler. Die Erfolglosigkeit schien programmiert. Und dann passierte das kleine Wunder.

Regisseurin Katrin Gebbe in Cannes, Foto: picture alliance / dpa

Regisseurin Katrin Gebbe in Cannes

Die Low-Budget-Produktion wurde in diesem Jahr nach Cannes eingeladen, zu einem der renommiertesten Filmfestivals der Welt, noch dazu als einziger deutscher Beitrag im offiziellen Programm. "Das war natürlich großartig, vor allem für mich als junge Filmemacherin", meint Katrin Gebbe voller Stolz. "Es fühlte sich an wie ein Sechser im Lotto."

Spirale der Gewalt

Dabei löste ihr Film an der Croisette ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Neben Standing Ovations gab es auch laute Buhrufe. Als "voyeuristische Freakshow" kritisierten ihn einige. Als "moderne Passionsgeschichte" feierten ihn andere.

Filmplakat Tore tanzt, Copyright: Junafilm

Freakshow oder Passionsgeschichte? Dieser Film polarisiert

Fest steht: "Tore tanzt" lotet Grenzen aus. Der Zuschauer wird ganz unmittelbar hineingezogen in eine Spirale aus Misshandlungen und Demütigungen. Das ist in einigen Momenten in der Tat unerträglich.

Und doch beeindruckt die Kompromisslosigkeit, mit der Katrin Gebbe dieses Martyrium bis in den letzten Winkel ausleuchtet. "Natürlich geht es auch um Gewalt", so die junge Regisseurin. "Aber diese Brutalität ist nicht eingebettet in ein Genre, wie zum Beispiel in einem Horrorfilm. Sie resultiert aus dem Alltag heraus. Und das macht das Ganze so eindringlich."

Bilder, die wehtun

Wie viel Leid kann ein einziger Mensch im Namen Gottes überhaupt ertragen? Provoziert Tore gar mit seiner grenzenlosen Naivität den Sadismus? "Tore tanzt" verweigert allzu simple Antworten. Wie leicht hätte die Figur eines naiven Christen in die Karikatur abgleiten können. Aber Katrin Gebbe vermag es, weder den Glauben zu heroisieren noch das Böse zu verurteilen. Vielmehr legt sie Schicht für Schicht Zweifel und Unsicherheiten frei - auf beiden Seiten. Es sind Bilder, die wehtun und die in ihrer Wucht nachhallen.

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