#DearSister - Aufschrei der Muslima | Welt | DW | 08.03.2017
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Weltfrauentag

#DearSister - Aufschrei der Muslima

Sie wollen sich nicht mehr länger von Männern die Welt erklären lassen. Mit der Twitter-Kampagne #DearSister machen Musliminnen weltweit ihrem Ärger Luft. Es geht um Alltagssexismus in der muslimischen Welt.

Mona Eltahawy (Getty Images/The Women's Media Center/B. Ach)

Will sich nichts von muslimischen Männern vorschreiben lassen: Die ägyptische Feministin Mona Eltahawy

Sie können es einfach nicht mehr hören: "Warum bist du nicht verschleiert?" "Musst du wirklich Karriere machen - wann kriegst du dann Kinder?" "Warum trägst du Make-Up?" Abfällige, abwertende Kommentare - mitten aus dem Alltag von muslimischen Frauen, die jetzt auf Twitter öffentlich gemacht wurden.

Unter dem Hashtag #DearSister berichten sie, was sie tagtäglich alles von muslimischen Männern zu hören bekommen. Es ist ein digitaler Aufschrei von Musliminnen weltweit, die es satt haben, sich weiter von muslimischen Männern bevormunden und belehren zu lassen. Es erinnert an den deutschen Hashtag #Aufschrei vor vier Jahren, unter dem Tausende Frauen von sexistischen Erfahrungen erzählt haben.

"Warum hasst Ihr uns so?"

"Dear Sister", liebe Schwester, so fangen häufig Belehrungen an, in denen Männer meinen, ihren muslimischen Glaubensschwestern erklären zu müssen, wie die Welt zu funktionieren hat: Wie sie sich zu kleiden haben, und wie sie sich bitteschön verhalten sollen. Alles unter dem Deckmantel des "richtigen" Islam.

Die erste, die unter #DearSister ihrem Frust freien Lauf ließ, war die ägyptische Feministin und Journalistin Mona Eltahawy. Mit dieser Anrede begann auch eine Mail an Eltahawy, in der ein muslimischer Mann ihr sein Weltbild aufdrücken wollte.

Mona Eltahawy ist Gegenwind gewohnt. Sie schreibt Bücher mit Titeln wie "Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt". Doch diesmal reichte es ihr: "Spar dir deine Vorträge, egal, ob du ein Fremder bist oder ein Bekannter. 'Sister Mona' ist nicht interessiert", konterte Eltahawy auf Twitter.

Ungebetene Ratschläge

Dann rief sie andere muslimische Frauen dazu auf, ihre persönlichen Erfahrungen mit Sexismus im Alltag und ungebetenen Vorträgen von Männern zu twittern. Dies war die Geburtsstunde des Hashtags #DearSister.

Mona Eltahawy hat mit #DearSister offenbar einen Nerv getroffen. Innerhalb von wenigen Stunden berichteten der BBC zufolge Tausende Musliminnen auf Twitter, was sie sich alles schon anhören mussten.

Die Userin Hijabispeeks twittert: "#DearSister, du bist zu eigensinnig und forsch. Beruhige dich, hab mehr Schamgefühl. Kein Mann will eine Frau mit zu vielen Meinungen heiraten."

Männer dürfen alles

#DearSister prangert die Doppelmoral an, die in vielen muslimischen Kulturen vorherrscht: Dass Männer alles dürfen - und Frauen in ein enges, normatives Korsett gezwängt werden. Zum Beispiel, wenn es um Sex vor der Ehe geht. So beschwert sich Twitter-Userin Ladan über diesen Spruch eines muslimischen Mannes: "#DearSister, ich habe mit einigen Frauen geschlafen, aber ich will eine Jungfrau heiraten, die nie etwas mit einem Mann laufen hatte."

Auch eine andere Muslimin beklagt sich über die doppelten Standards: "#DearSister, ich werde so viele Frauen daten, wie ich kann, bis es mir reicht. Dann brauche ich eine jungfräuliche und fromme Frau."

Oft geht es auch darum, wie sich muslimische Frauen korrekt zu kleiden haben. So schreibt Shafiqah Othman aus Malaysia: "#DearSister, wie kann ich mit dir über den Islam sprechen, wenn du so gekleidet bist". Sie berichtet auch von Männern, die es unangenehm fanden, mit ihr gemeinsam an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen - weil sie ihre Haare gefärbt hat.

Die Debatte um Alltagssexismus in muslimischen Kulturen bringt natürlich auch Kritiker auf den Plan. Konservative, muslimische Männer fühlen sich angegriffen. Andere sehen sich in ihren Vorurteilen bestätigt und setzen islamophobe Tweets ab.

Manche Twitterer weisen dann daraufhin, dass es darum geht, patriarchale Strukturen anzuklagen und nicht den Islam an sich. Und auch Musliminnen, die selbst von Frauenfeindlichkeit betroffen sind, üben Kritik am Medien-Hype. "Frauen brauchen keine Hashtags wie #DearSister", twittert eine Frau. Nur die Politik könne echte Veränderungen bringen.

Mona Eltahawy jedenfalls, die Initiatorin, dürfte zufrieden sein mit der Welle, die sie in den sozialen Netzwerken losgetreten hat. Gegenüber der BBC sagte sie, #DearSister soll eine Plattform für muslimische Frauen und Mädchen sein. Ein Ort, an dem sie offen sprechen können - und gehört werden. Sie selbst überlege, all die Erfahrungen dann in einem Buch zusammenzutragen.

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