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Asien

"Dear Leader" - Abrechnung mit Nordkoreas Regime

Vom Gefolgsmann zum Überläufer: Früher zählte Jang Jin Sung zur nordkoreanischen Elite. 2004 floh er, lebt heute in Südkorea. Jetzt hat er ein Buch geschrieben - und gibt Einblicke in das totalitäre System des Landes.

Es sollte der Höhepunkt seines Lebens sein. Ganz genau erinnert Jang Jin Sung sich an den Tag vor 14 Jahren, an dem er seinem "Geliebten Führer", dem damaligen nordkoreanischen Diktator Kim Jong Il, zum ersten Mal persönlich gegenüberstehen sollte. "So etwas wird inszeniert wie ein Treffen mit Gott persönlich, etwas, von dem man sein ganzes Leben lang träumt." Vor dem großen Ereignis sei er sehr aufgeregt gewesen, berichtet Jang Jin Sung im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Kim Jong Il (links) und Jiang Zemin beim Händeschütteln (Foto: picture-alliance/dpa)

Kim Jong Il (hier im Jahr 2000 mit dem damaligen chinesischen Präsidenten Jiang Zemin, r.) herrschte in Nordkorea von 1994 bis zu seinem Tod Ende 2011

Mit ruhiger Stimme erzählt er am Telefon, was damals in ihm vorging. "Ich habe Kim Jong Il als Übermenschen angesehen. Ich war davon überzeugt, dass jemand wie er noch nicht einmal wie alle anderen auf die Toilette gehen muss." Eine Vorstellung, die sich mit dem Bild deckte, dass Jang Jin Sung im Auftrag der nordkoreanischen Führung verbreitete. Der heute 43-Jährige arbeitete nach dem literaturwissenschaftlichen Studium an der elitären Kim-Il-Sung-Universität in der sogenannten "Abteilung der vereinigten Front", in dem für Spionage, Diplomatie und Außenpolitik zuständigen Ministerium. Damit war er Teil der durchorganisierten Propaganda-Maschinerie Pjöngjangs, er verfasste verherrlichende Texte über das Leben in Nordkorea und Gedichte zu Ehren des Diktators.

Desillusionierende Begegnung

Dann kam der große Moment. In seinem Buch "Dear Leader", das in diesem Monat im US-Verlag Random House erschienen ist, beschreibt Jang Jin Sung ihn so: "Alle erstarren zu Stein. Ohne den Kopf zu bewegen, fixiere ich mit meinen Augen einen Punkt in der Mitte des Torbogens, wo Kim Jong Ils Gesicht gleich erscheinen wird." Dem Führer direkt in die Augen zu blicken ist strengstens verboten, außerdem müssen sich alle vor der Begrüßung mit Handschlag die Hände desinfizieren. Rückblickend sagt Jang, das Erlebnis sei für ihn sehr enttäuschend und ernüchternd gewesen. "Es gab einen großen Unterschied zwischen der Darstellung Kim Jong Ils in der Öffentlichkeit und dem Mann, der da vor mir stand. Mir wurde klar, dass die gottgleiche Aura, die ihn umgab, nur ein Ergebnis der Propaganda war - von der ich ironischerweise selbst ein Teil war."

Das war der Moment, an dem Jang begann, seine bis dahin komplett linientreue Weltsicht zu hinterfragen. Das Bild vom unfehlbaren Führer habe einfach Risse bekommen, sagt er. Verstärkt wurde dieses Gefühl ausgerechnet durch seine Arbeit im Ministerium. "Ich hatte Zugang zu ausländischen Büchern. Was dort zu lesen war, deckte sich überhaupt nicht mit dem, was den Menschen in Nordkorea über den Rest der Welt vermittelt wurde."

Tanzende Menschen in landesüblicher Kleidung in Pjöngjang (Foto: Reuters/KCNA)

Volkstanz in Pjöngjang zu Ehren von Kim Jong Il: Im April 2013 tanzen die Menschen auf den Straßen von Pjöngjang, um den 20. Jahrestag der Ernennung Kim Jong Ils zum Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission zu feiern

Erhellende Lektüre

Er will sein Wissen mit Freunden teilen und verleiht die Bücher, was strikt verboten ist. Als die Geheimpolizei davon Wind bekommt, flieht Jang, um einer Verhaftung zuvorzukommen. Über den Grenzfluss Tumen gelingt es ihm, sich nach China abzusetzen, wo er in der südkoreanischen Botschaft um Asyl bittet. Bis auf ein paar Manuskripte lässt er alles in Nordkorea zurück.

Über sein Privatleben und seine Familie möchte er im Interview nicht näher sprechen, darauf weist seine Dolmetscherin gleich zu Beginn des Gesprächs hin. Es ist gut möglich, dass Jangs Angehörige an seiner Stelle für die Flucht bestraft wurden, denn Sippenhaft ist in Nordkorea weit verbreitet. "Ich habe große Angst um sie", sagt er dann doch noch. "Aber ich möchte die Welt darüber aufklären, was in Nordkorea wirklich vor sich geht. Ich möchte den Flüchtlingen eine Stimme geben. Wenn ich das nicht tue, ist meine Flucht umsonst gewesen."

Aus diesem Grund gründet Jang Jin Sung, der heute in Seoul lebt, das Nordkorea-Nachrichten-Portal New Focus International, auf dem er und seine Mitarbeiter regelmäßig über Entwicklungen in dem abgeschotteten Land berichten. Ein gefährlicher Job. "Ich habe Drohungen von Seiten des nordkoreanischen Innenministeriums erhalten." Rund um die Uhr steht er deshalb in seiner neuen Heimat Südkorea unter Personenschutz. "Auch unsere Informanten versuchen wir, nach Kräften zu beschützen. Wir arbeiten mit falschen Namen und verschlüsseln unsere Kommunikation. Wir müssen einfach sehr viele Vorsichtsmaßnahmen treffen."

Menschenmenge vor den Statuen Kim Il Sungs und Kim Jung Ils in Pjöngjang (Foto: Getty Images)

Allgegenwärtiger Personenkult: Im ganzen Land sind - wie hier in der Hauptstadt Pjöngjang - Statuen von Staatsgründer Kim Il Sung und seinem Sohn Kim Jong Il zu sehen

Presselob für Memoiren

Neben seiner Arbeit für New Focus International schreibt Jang Jin Sung unter dem Titel "Dear Leader - Geliebter Führer" seine Lebensgeschichte auf. Darunter der durchaus reißerische Untertitel: "Nordkoreanischer Chefpropagandist enthüllt schockierende Wahrheiten über das Regime". Das Buch gebe "seltene Einblicke in das Funktionieren eines totalitären Staates, geschrieben aus der Perspektive eines Autors, der einst dem inneren Zirkel der Macht angehörte", schrieb der britische Guardian. Ähnlich sieht es Spiegel-Autorin Susanne Koelbl. Die schrittweise Wandlung eines angepassten Mitglieds der Führung zu einem Zweifler und schließlich zum Staatsfeind sei eine "fesselnde Geschichte", die "die Art und Weise, wie die Welt dieses geheimnisvolle Land sieht, verändern wird". Auch im Economist wurde das Buch gewürdigt. "Mr. Jang erhebt nicht den Anspruch, aus dem engsten Kreis Kim Jong Ils zu berichten. Aber als einer seiner Hofdichter im Inneren der Legenden-Maschinerie wirft er ein neues Licht auf den ideologischen Unterbau der Kim-Dynastie."

Nordkorea-Experten allerdings halten sich mit einem abschließenden Urteil über Jang Jin Sung, seine Wandlung und seine Mission zurück. Gerade bei Überläufern, die früher einmal eine hohe Position innerhalb der Machtstrukturen in Pjöngjang eingenommen hätten, sei eine Einschätzung oft schwierig, hieß es auf verschiedene Anfragen der Deutschen Welle.

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