1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Journalisten im Exil

"Dear Germany... ich will Steuern zahlen"

Wie blicken geflüchtete Journalisten auf ihr neues Leben in Deutschland? In der DW-Videoserie "Dear Germany" erzählen fünf Männer und Frauen von Frust, Glück - und überraschenden Einblicken in ihre neue Heimat.

Video ansehen 02:08

Dear Germany | "Manchmal ergibst du keinen Sinn"

"Dieses Projekt gibt uns Hoffnung", sagt Moses Ebokorait aus Uganda. "Man hat das Gefühl, endlich wieder produktiv sein zu dürfen." Ebokorait ist Investigativ-Journalist. In seiner ostafrikanischen Heimat berichtete er über Korruption und Vetternwirtschaft. Ein gefährlicher Job, für den er, wie er sagt, "einen hohen Preis" bezahlen musste. Auf einer Deutschlandreise erfährt er von seinem Chefredakteur, dass ihn zuhause das Militär sucht. Ebokorait beantragt daraufhin Asyl - und kann bleiben. Seit acht Jahren lebt der Journalist nun in Deutschland. Sein neues Leben ist zwar sicher, aber sicher nicht einfach. In seinem Hauptberuf wieder Fuß zu fassen, hat er bislang nicht geschafft. Stattdessen baut er Webseiten und bloggt, muss jedoch mit Sozialhilfe seinen Lohn aufstocken.

Video ansehen 02:03

Dear Germany | "Frieden und Sicherheit sind nicht alles"

So wie Ebokorait mussten auch viele andere Journalisten in den vergangenen Jahren ihr Heimatland verlassen. Sie kommen aus Kriegs- und Krisengebieten oder wurden in pressefeindlichen Staaten wegen ihrer kritischen Berichterstattung verfolgt. DW wollte von ihnen wissen: Wie geht es ihnen - ein, zwei oder eben acht Jahre nach ihrer Flucht? Wie denken sie über ihre neue Heimat? Was frustriert sie, worauf hoffen sie? Was wäre, wenn sie einfach mal alles aufschreiben könnten, einen Brief an Deutschland verfassen? Die Idee von "Dear Germany" war geboren. 

Endlich wieder "Newsroom-Gefühl"

Fünf Journalisten aus Syrien, Uganda, Afghanistan, Pakistan und Aserbaidschan, darunter auch der ehemalige Enthüllungs-Reporter Ebokorait, haben sich auf das Projekt eingelassen. Gemeinsam mit der DW schrieb jeder Teilnehmer einen offenen Brief an Deutschland. So unterschiedlich wie die Lebensläufe der geflüchteten Journalisten, so unterschiedlich fielen auch die Videobotschaften bei "Dear Germany" aus.

Video ansehen 02:13

Dear Germany | "Deutschland gibt uns keine echte Chance"

Während die einen tiefe Einblicke in ihr Leben gewährten, hielten sich andere lieber bedeckt  - auch aus Angst, ihr noch laufendes Asylverfahren negativ zu beeinflussen. Allen gemein ist, dass sie die Zeit in den Redaktionsräumen der Deutschen Welle, vor und hinter Kamera, genossen haben. "Das Schönste war, dass ich endlich wieder dieses Newsroom-Gefühl hatte", erzählt ein Journalist aus Pakistan, der in Deutschland seinen Lebensunterhalt in einem Fast-Food-Laden verdient und lieber anonym bleiben möchte. 

Die Taliban töteten ihren Mann und sieben Kollegen

Auch die 34-jährige afghanische Journalistin Shakila Ebrahimkhil ist dankbar für die Erfahrung bei "Dear Germany", wie sie sagt. Ihr Lebensweg war mehr als steinig. Ein Schicksalsschlag führte sie in die Medien: Ihr Mann wurde von den Taliban getötet. Sie entschloss, sich mit zivilen Mitteln gegen die Terrorherrschaft zu wehren und als Journalistin beim größten afghanischen Fernsehsender zu arbeiten. Ihre Themen hatten es in sich: Korruption, Frauenrechte und "Warlords". Ebrahimkhil arbeitete unter höchster Lebensgefahr.

Video ansehen 02:06

Dear Germany | "Der Journalismus wurde meine große Liebe"

2016 sprengten die Taliban schließlich einen Wagen des Senders in die Luft, sieben Kollegen starben und 20 wurden verletzt. Die Star-Reporterin bekam per Video Morddrohungen. Sie floh nach Deutschland und lebt mittlerweile mit ihren Kindern in einer hessischen Kleinstadt. "Obwohl wir hier in Sicherheit leben und alles haben, was wir brauchen, ist das Leben nicht einfach. Wir müssen bei Null anfangen", sagt sie in ihrem Brief an Deutschland. Ihre Kinder haben bereits Pläne, die Tochter möchte Fußball spielen lernen, der Sohn Soldat werden. Ebrahimkhil hofft ebenfalls auf eine Zukunft - als Journalistin. "Liebes Deutschland, ich will ein vollwertiges Mitglied deiner Gesellschaft werden, meine Steuern zahlen wie jeder andere."

Viele wollen ausreisen - so lange sie noch können

Häufig sind es vor allem engagierte Journalisten wie Ebrahimkhil und Ebokorait, die vor Repressionen fliehen müssen. Für ihre kritische Berichterstattung werden sie drangsaliert, bedroht, verfolgt oder sogar getötet. Viele fürchten nicht nur um sich, sondern auch um ihre Familien. Und das leider zu Recht: Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" zählte für das vergangene Jahr insgesamt 74 Morde an Medienschaffenden, 53 wurden gezielt wegen ihrer Arbeit getötet. Andere starben während eines Einsatzes. Die gefährlichsten Länder für Journalisten sind nach wie vor Syrien, Afghanistan, Mexiko, der Irak und der Jemen. Doch auch aus Ländern wie Aserbaidschan und der Türkei müssen zunehmend immer mehr Journalisten fliehen, sagt Jens-Uwe Thomas von "Reporter ohne Grenzen". Kritische und unabhängige Medien werden nach und nach dicht gemacht; Reporter bedroht oder auch an der Ausreise ins Ausland behindert.

Video ansehen 02:04

Dear Germany | "Du bist ein wahrer Freund der Pressefreiheit"

Nach ihrer Flucht nach Deutschland müssen sie ganz von vorne anfangen - und sich oftmals zunächst von ihrem Traumberuf verabschieden. Der Prestigeverlust wiegt schwer. "Das ist sicherlich frustrierend. Gerade auch für gestandene Leute, die in ihrem Heimatland einen guten Ruf hatten und hoch angesehen waren", sagt Thomas. Mittlerweile gibt es immer mehr Exilmedien und Projekte, die explizit geflüchtete Journalisten ansprechen. Bei dem Projekt "Amal, Berlin" berichten beispielsweise geflüchtete Journalisten aus Syrien, Afghanistan, Iran und Ägypten über das Weltgeschehen. Auch das "Refugee Radio" in Stuttgart bietet eine Plattform. Trotz erster Initiativen: Nur wenige werden es schaffen, wieder als Journalist arbeiten und davon leben zu können, sagt Thomas von "Reporter ohne Grenzen". Auch für die Teilnehmer des DW-Projekts "Dear Germany" ist die Zukunft ungewiss. Ein selbstgegründeter Verein für geflüchtete Journalisten, so ein Teilnehmer, könnte vielleicht bei der Jobsuche helfen.

 

Dear Germany | Fünfteilige Video-Serie

Realisation und Konzept: Madelaine Meier
Kamera und Schnitt: Madmo Cem Adam Springer
Redaktion: Verica Spasovska

Audio und Video zum Thema