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Hintergrund

DDR und Kuba: Zwei ungleiche Brüder

Ab 1960 geriet Kuba in Abhängigkeit von den Staaten des Ostblocks, auch die DDR pflegte enge Beziehungen zur sozialistischen Karibikinsel. Doch das Verhältnis zwischen Havanna und Berlin war nicht ohne Spannungen.

Fidel Castro am 14.6.1972 am Brandenburger Tor, Foto: Bundesarchiv

Fidel Castro zu Besuch im Bruderstaat 1972 Bundesarchiv: Bild 183-L0614-040

Als die von Castro geführten Truppen im Januar 1959 in Havanna einmarschierten, da war noch niemandem auf der Welt so richtig klar, wohin die Revolution dieser bärtigen, ausgemergelten Guerilla-Kämpfer führen sollte, das ideologische Programm war noch völlig offen. Castro plädierte für einen "dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus", im Westen wie im Osten war man auf Beobachterposten. Doch die Praxis ließ wenig Raum für diesen "dritten Weg": Nachdem die USA 1961 ein Wirtschaftsembargo gegen Kuba verhängt hatten, alle diplomatischen Beziehungen zu der Karibikinsel abbrachen und die von den USA unterstützte Invasion in der Schweinebucht scheiterte, verkündete Fidel Castro offiziell den "sozialistischen Charakter" der Revolution, der Ostblock wurde fortan zum wichtigsten Verbündeten.

Leipzig 1985: Kekse für ihre Gäste backen diese jungen Kubaner mit der Betreuerin Karin Kroszewsky (2. v. r. ) in Leipzig, Foto: Waltraud Grubitzsch/ Bundesarchiv

Kekse backen für die Solidarität Bundesarchiv: Bild 183-1985-1216-013

Nach anfänglicher Skepsis klinkte sich auch die DDR ein – unter anderem aus der Notwendigkeit heraus, sich durch die von der BRD ausgegebene Hallstein-Doktrin alternative Wirtschaftspartner zu suchen. "Wir freuen uns sehr über das große Interesse der DDR, die Handelsbeziehungen mit Kuba auszubauen", stellte der damalige kubanische Industrieminister, Ernesto Ché Guevara, 1962 in Leipzig sichtlich zufrieden fest. Im selben Jahr kommen erste kubanische Studenten in die DDR, umgekehrt schickte diese Ingenieure und Wissenschaftler auf die Tropeninsel. Doch die Beziehungen zwischen den Bruderstaaten waren nicht ohne Spannungen.

Lieber Guerillero als Staatsmann

Zu unterschiedlich waren die Gesellschaften und ihre Vorstellung von Sozialismus: Castro war lieber Guerillero als Staatsmann und gekränkt, als die Sowjetunion in der Raketenkrise mit den USA verhandelte, ohne ihn zu konsultieren. Und Kubas Versuche, die Revolution nach Afrika und Lateinamerika zu exportieren, sorgten in der DDR für heftige Debatten, sagt der Historiker Prof. Michael Zeuske: "Umstritten war die Rolle des Ché und seine Auffassung von Voluntarismus." Kubas Vision, Sozialismus würde sich nicht, wie in der marxistisch-leninistischen Revolutionstheorie angenommen, automatisch durch die Strukturen und Klassenverhältnisse einstellen, sondern müsse vielmehr von einer kleinen Gruppe von Revolutionären vorangetrieben werden, schürte Misstrauen bei den SED-Genossen: "Man wollte natürlich nicht, dass das auf die DDR übergreift und die Studenten plötzlich Akteure für eine eigene Vorstellung von Sozialismus werden", so der Kuba-Experte.

Fidel Castro (l.) überreichte nach der Unterzeichnung des Kommuniques am 19.6.72 Erich Honecker (Mitte) eine Landkarte der Republik Kuba, Foto: Koard, Bundesarchiv

Widmung an den Bruderstaat: 1972 überreichte Castro Honecker eine Kuba-Karte. Sie zeigt eine Insel, die den Namen " Ernst Thälmann" trägt, und deren Südseite "Strand DDR" heißt. An diesem Strand schlugen die kubanischen Truppen die amerikanischen in der Schweinebucht zurück. Bundesarchiv: Bild 183-L0619-026

"Reifeprozess" von Ulbricht gelobt

Ab 1968 erfolgte nicht zuletzt aufgrund des Scheiterns einiger kühner Wirtschaftsexperimente Kubas ein Umschwenken zur kühlen Planwirtschaft der Sowjetunion, was auch von der DDR als "Reifeprozess" gelobt wurde. 1972 wurde Kuba Vollmitglied im "Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW). Die DDR half beim Aufbau des Bildungssystems und der maroden Industrieanlagen, spendete Motoren und Maschinen, kaufte kubanischen Zucker und Zitrusfrüchte zu überhöhten Preisen. Dafür durfte die DDR ein bisschen von den Tropen träumen. Doch so richtig warm wurden die beiden Bruderstaaten nicht miteinander, Fidel Castro blieb ein schwer berechenbarer Partner mit eigenen Ambitionen in der Welt der Blockfreien. Und auch auf wirtschaftlicher Ebene kam es immer wieder zu Klagen: die  Kuba-Orangen waren zu sauer, die Zuckerquoten wurden nicht eingehalten, die Preise auf dem Weltmarkt sanken und viele Investitionsprojekte, die als Austausch gedacht waren, konnten in der DDR nicht verrechnet werden.

Die ersten Arbeiter kommen

So wurde Ende der 1970er Jahre das "Regierungsabkommen über die Qualifizierung bei gleichzeitiger Beschäftigung" abgeschlossen: Fortan wurden keine kubanischen Studenten mehr über den Ozean geschickt, sondern die chronisch nach Arbeitskräften ringende DDR bekam kubanische Vertragsarbeiter. Mit insgesamt rund 30.000 Männern und Frauen machten die Kubaner bald die viertgrößte Gruppe in der DDR aus. Von der Karibik in den kühlen DDR-Alltag - Zeuske, dessen Familie damals engen Kontakt zu Kuba hatte, musste oft als Vermittler zwischen den Kulturen einspringen: "Ich musste immer den Betriebschefs und den VLB-Chefs die kubanische Mentalität erklären, zum Beispiel in Bezug auf die Arbeitsmoral, das Zeitmanagement oder Freizeitverhalten von Kubanern", so Zeuske.

Juan, Vertragsarbeiter in Kuba, Foto: Herrberg

Souvenir: Das Hemd hat Juan in der DDR gekauft

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Manchmal mussten wir um 5 Uhr aufstehen, obwohl ich nie gut schlafen konnte in den Mehrbettzimmern im Wohnheim", erinnert sich Julia, die in einem Textilbetrieb in Karl-Marx-Stadt arbeitete, "denn wegen der Schichtarbeit war immer ein Kommen und Gehen." Und die trink- und feierfreudigen Kubaner trieben so manchen Nachbarn zum Wahnsinn. Die kalten Temperaturen, die harte Arbeit in den Fabriken, teils mit veralteter Technik, dann abends noch Sprachkurs: "Wir Kubaner sind gute Arbeiter, doch wurden unter den neuen Bedingungen viele krank", weiß Julia. 60 Prozent ihres Lohnes – rund 1200 Mark brutto – flossen außerdem direkt nach Kuba zurück, erst später einigte man sich darauf, den Kubanern Anreize wie Extraarbeit, so genanntes "Ferngeld" zu geben – oder die Möglichkeit, DDR-Waren ins Heimatland auszuführen. Noch heute sind Havannas Straßen voll von Motorrädern der sächsischen Marke "MZ", bei Julia stehen ein DDR-Kühlschrank und ein ostdeutscher Kassettenrekorder im Wohnzimmer. 

Wiedervereinigung und "Periodo Especial"

In der DDR sei der Sozialismus von Anfang an ein von oben verordneter gewesen, der Vergleich mit der weiter entwickelten BRD immer präsent, meint Juan, der 1988 mit einem UNESCO-Stipendium nach Leipzig kam. In Kuba galt die DDR immer als "Mekka des Sozialismus, ein Land mit einer enormen Entwicklung", sagt er. Dass sich die DDR-Bürger ständig mit der BRD verglichen und nach "drüben" schauten, führte bei den Kubanern zu Unverständnis: "Es gab vielleicht in der DDR eine Mangelwirtschaft, aber verglichen mit Kuba war sie ein Paradies!" Juan fragte sich oft, worüber sich die Ostdeutschen eigentlich beschweren.

Als in Deutschland die Mauer fiel, wurden alle Studenten und Arbeiter sofort nach Kuba zurück beordert. Die Euphorie der Wiedervereinigung habe man zwar auch in Kuba geteilt, sagt Zeuske, doch die Konsequenzen – Verschlechterung der Lebensbedingungen, Rückgabe von Eigentum, Entmachtung der DDR-Eliten – sei von Havanna sehr kritisch beobachtet worden. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks war die Brüderschaft vorbei und auch wirtschaftlich stand Kuba, das vorher 85 Prozent seiner Ex- und Importe mit den RGW-Staaten abgewickelt hatte, plötzlich alleine da: "Dann kam diese 'Periodo Especial', die Spezialperiode in Friedenszeiten", erinnert sich Julia, "es gab nichts mehr: keine Arbeit, nichts zu essen, die Wirtschaft war total zusammen und die US-Blockade traf uns mit voller Wucht!"

Hätte sie damals gewusst, wie es kommen würde, wäre sie in der DDR geblieben, sagt sie heute, doch damals, Mitte 20, hatte sie Heimweh. Jorge konnte in Deutschland bleiben, für ihn sei die Wende eine riesige Chance gewesen, sagt er: "Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt: Kapitalismus ist nicht so schlimm, wie es uns damals in Kuba verkauft wurde, er ist aber auch nicht die Lösung aller Probleme, wie sich viele DDR-Bürger damals und viele Kubaner heute noch erträumen."

'Komitee für die Solidarität mit dem Kubanischen Volk' 1961 in Berlin, Foto: Krüger/ Bundesarchiv

Am 16.1.1961 konstituierte sich in Berlin das "Komitee für die Solidarität mit dem Kubanischen Volk" - zur Feier des Tages sangen kubanische Studenten ihr Freiheitslied. Bundesarchiv: Bild 183-79632-0002

Kuba heute

Rund zwei Millionen Kubaner leben heute im Ausland, die "Remesas", die Rücküberweisungen, machen neben Tourismus und Nickelexport die wichtigste Devisenquelle des Staates aus. Längst ist Kuba eine Zwei-Klassen-Gesellschaft geworden, die Unzufriedenheit wächst trotz Raúl Castros vorsichtigen Reformen: "Im Alltag ist vieles schlechter als in der DDR, die Wohnsituation ist fatal, die Arbeitsmoral im Keller, viele Reformprozesse wären nötig", meint der Experte Zeuske. Doch die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen seien nicht mit denen in der DDR damals zu vergleichen: "In Kuba gibt es eine entschlossene und extrem zentralisierte Führung, die werden nicht krank und treten ab, selbst wenn Castro krank ist, halten die die Fahne hoch!", so der Historiker. Raúl Castro ist nicht nur Staatsoberhaupt, Chef der Streitkräfte und des Geheimdienstes, die Partei ist auch Kubas einziges und wichtigstes Wirtschaftsunternehmen. Wünschenswert wäre "eine Marktwirtschaft von unten zuzulassen", so Zeuske, "die grundsätzlichen Strukturen und Errungenschaften des Sozialismus zu erhalten, aber mehr Raum für Eigeninitiative zu schaffen. Ich sag hier immer zu den offiziellen Kubanern: 'Ihr seid die letzten, die beweisen können, dass Reformen im realen Sozialismus funktionieren können, ihr müsst sie nur machen!"

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Ina Rottscheidt

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