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Deutschland

DDR-Heimkinder klagen an

"Kindheit im Heim" - hinter dem harmlos klingenden Titel einer Ausstellung verbergen sich die Gräuel sozialistischer Umerziehung in der DDR. 30 Jahre später kämpfen die Opfer immer noch um Anerkennung und Entschädigung.

Renate Viehrig-Seger steht vor einem Foto, das sie im Alter von 17 Jahren zeigt. Doch sie hält nicht inne, sondern wendet ihren Blick ab. Das Bild bringt schmerzvolle Erinnerungen an ihre Jugend zurück. Sie dreht sich um und verlässt den Raum.

Vor wenigen Wochen hat die Mittfünfzigerin zum ersten Mal über ihre Jugend gesprochen - bei einer Anhörung in Leipzig über sexuellen Missbrauch an Kindern in der DDR. Ergebnis: Missbrauch war dort weit verbreitet, und zwar sowohl in der eigenen Familie als auch in Kinderheimen.

"Sozialistische Umerziehung"

Nun hängt das Jugendfoto von Renate Viehrig-Seger in der Ausstellung "Geschichte der Kindheit im Heim" im Großen Waisenhaus Potsdam, einer Ausstellung auch über ihr Leben. "Ich weiß, dass mir persönlich keine Gerechtigkeit mehr widerfahren wird", sagt sie und zieht dabei an ihrer Zigarette. "Aber ich kann dazu beitragen, dass dies nicht noch einmal passiert, indem ich das Unrecht bezeuge", fügt sie hinzu.

Renate Viehrig-Seger 1975 (Privat)

Missbrauchsopfer Viehrig-Seger (1975)

180 Tage verbrachte Renate Viehrig-Seger in Torgau in der berüchtigten DDR-Anstalt für schwer erziehbare Kinder. Insgesamt 150 solcher Heime gab es damals, zwischen 1964 und 1989 waren rund 4000 Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren in einer dieser Einrichtungen eingesperrt und sollten zu "sozialistischen Personen" umerzogen werden.

Viele von ihnen waren "aufmüpfige" Kinder, die die Schule schwänzten oder von zu Hause weggelaufen waren. Andere wurden eingewiesen, weil sie vom SED-Regime geschmähte Rockmusik hörten oder ihren Lehrern Widerworte gaben. In vielen Fällen jedoch hatten die Kinder keinerlei Unrecht begangen. Das Regime wollte stattdessen ihre Eltern bestrafen, weil diese etwa Protestbriefe unterzeichnet hatten oder angeblich planten, in den Westen auszureisen.

Aber viele Heimkinder kamen tatsächlich aus schwierigen Elternhäusern - auch Renate Viehrig-Seger, deren Eltern zehn Kinder hatten. Schon früh wurde Viehrig-Seger von ihrem Vater sexuell missbraucht. In ihrer Not wandte sie sich an die Behörden, hoffte zunächst, dass sie beschützt würde, wenn offizielle Stellen davon wüssten. Doch dies erwies sich als Irrtum. Denn Missbrauch war in Ostdeutschland ein Tabu-Thema.

DDR-Anstalt für schwer erziehbare Kinder in Torgau (um 1978) (DIZ Torgau)

DDR-Anstalt für schwer erziehbare Kinder in Torgau (um 1978): Systematische Misshandlungen

Zwar stand auch in der DDR sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen unter Strafe, Tätern drohte laut Strafgesetzbuch mehrjähriger Freiheitsentzug. Entsprechende Konsequenzen zogen die Behörden aber oftmals nicht - so auch im Fall von Renate Viehrig-Seger. "Die haben gesagt, ich spinne", erinnert sie sich. Sie begann zu stehlen, in der Hoffnung erwischt und deshalb aus der Obhut ihrer Eltern genommen zu werden. Der Plan ging auf. 1975 kam sie nach Torgau in die Anstalt für schwer erziehbare Kinder. Doch dort gingen die Qualen weiter. Viehrig-Seger berichtet, dass sie allein in eine Zelle gesperrt und vom Anstaltsleiter vergewaltigt wurde.

Bleibende Narben

Sexueller Missbrauch, systematische Misshandlungen und die schockierenden Bedingungen in den DDR-Kinderheimen sind mittlerweile dokumentiert. Zu den "Erziehungsmethoden" gehörten der Entzug von Nahrung, Vergewaltigung, Schläge, Isolation in Zellen ohne Tageslicht und das gewaltsame Untertauchen des Kopfes in einer dreckigen Kloschüssel.

Die Heimkinder, die jahrelang als Lügner und "nutzlose Versager" beschimpft wurden, brauchten Jahrzehnte, bis sie ihr Leid in Worte fassen konnten. Erst seit kurzem treffen sie sich zu regelmäßigen Gesprächsrunden. Und erst 2012 brachte die Bundesregierung einen Fonds zur Entschädigung der ehemaligen Heimkinder in der DDR auf den Weg. Gesetzlich steht ihnen seitdem eine "Opfer-Rente" in Höhe von 300 Euro monatlich zu.

Geld allein reicht nicht

Doch die Frist, eine Entschädigung zu beantragen, lief im September 2014 aus - zu diesem Zeitpunkt hatten viele Betroffene noch gar nichts von dem Fonds gehört. "Für mich ist der Fonds ein Versuch, uns Betroffene ruhig zu stellen und uns nicht rehabilitieren zu müssen", sagt Roland Herrmann, der als 14-Jähriger sechs Monate lang in einem Kinderheim in Bad Freienwalde in Brandenburg verbrachte. "Viele haben sich von dem Geld blenden lassen."

Schlafraum eines DDR-Kinderheimes (DIZ Torgau)

Schlafraum eines DDR-Kinderheimes: Als "nutzlose Versager" beschimpft

Roland Herrmann will sich damit nicht zufriedengeben. Genauso wichtig wie Geld sei vielen Betroffenen eine offizielle Rehabilitierung, in der das ihnen vom Staat zugefügte Leid anerkannt wird.

Das Problem liegt allerdings in der Beweisführung. Denn als die Kinderheime nach dem Mauerfall geschlossen wurden, verschwanden die Unterlagen und damit auch die Beweise. Dies erklärt auch, warum keiner der Peiniger aus den Gefängnissen, wie die Heime von den ehemaligen Insassen genannt werden, jemals angeklagt oder verurteilt wurde.

Hinzu kommt die Mauer des Schweigens aus Scham und Schuldgefühlen."Hinzukommt, dass die ehemaligen DDR-Heimkinder selbst geschwiegen haben, da sie Angst vor erneuter Stigmatisierung und Schuld- oder Schamgefühle hatten", weiß Gabriele Beyer, Vorstandsvorsitzende der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau.

Schmerzhaftes Schweigen

Der erste Schritt zur Wiedergutmachung sei deshalb die Errichtung der Gedenkstätte Torgau 1997 gewesen. "Es war der erste Ort, die erste Anlaufstelle, wo man sich für die Schicksale der Betroffenen interessierte und diese ernst genommen hat. Die Gedenkstätte will zeigen, was diese Menschen alles durchgemacht haben", sagt Beyer. "Es geht darum, dafür ein Bewusstsein zu schaffen."

Auch Renate Viehrig-Seger denkt so. Sie führt regelmäßig Besucher durch die Gedenkstätte Torgau und erzählt dabei ihre eigene Geschichte. Dies helfe ihr mehr bei der Verarbeitung ihrer Vergangenheit als eine Therapie oder mögliche Entschädigungszahlungen.

Blick in eine Zelle im Dunkelzellentrakt des ehemaligen Jugendwerkhofes in Torgau (picture-alliance/dpa/P. Endig)

Jugendwerkhof-Zelle: Schläge, Vergewaltigung, keine Nahrung, kein Tageslicht

Ihre Therapeutin wollte, dass sie für ein paar Wochen in eine psychiatrische Klinik gehen sollte, erinnert sich Viehrig-Seger. "Da habe ich gesagt: 'Nein, ich lass mich mich nie wieder einsperren!', stellt sie klar.

Kampf gegen Gleichgültigkeit

Auch Roland Herrmann hat eine Strategie gefunden, seine Traumata zu verarbeiten. Er gründete einen Verein, der sich für die Rehabilitierung ehemaliger Insassen des Kinderheims Bad Freienwalde einsetzt. Unterstützt wird er dabei von dem Kunstschmied Axel Anklam: Am 9. November wird eine Skulptur des Künstlers in Bad Freienwalde eingeweiht.

Die Einweihung der Skulptur ist weiteres Zeichen im Kampf für die lang ersehnte Anerkennung der Opfer, die häufig noch auf sich warten lässt. "Die Gräueltaten in den Kinderheimen werden oft geleugnet, in der Öffentlichkeit werden die ehemaligen Heimkinder angefeindet", weiß Jutta Lieske, SPD-Landtagsabgeordnete in Brandenburg, die den Verein unterstützt.

Roland Herrmann bestätigt das. "Damals interessierte sich keiner dafür, was hinter den verschlossenen Türen in Bad Freienwalde stattfand", sagt er. "Viele betrachteten die Heimkinder als Kriminelle und waren froh, dass sie weg von der Straße waren."

Es scheint, als ob sich diese Ansichten bis heute nicht verändert hätten. Die Opfer jedenfalls machen sich keine Illusionen. Renate Viehrig-Seger hofft, zumindest irgendwann inneren Frieden zu finden. "Ich kann nicht mehr hassen", sagt sie. "Ich habe kein Wut mehr."

Die Ausstellung "Kindheit im Heim" im Großen Waisenhaus Potsdam ist noch bis zum 31. März 2018 zu sehen.

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