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Politik & Gesellschaft

"DDR-Heimatkunde" im Leipziger Schulmuseum

Im Schulmuseum Leipzig gehen Jugendliche auf Zeitreise. Sie erleben eine Heimatkundestunde, wie sie in einer Polytechnischen Oberschule der DDR um 1985 hätte ablaufen können. Ein Experiment, das nicht unumstritten ist.

Werbeplakate für die DDR-Pionierorganisation (abfotografierte Schautafel im Schulmuseum)

Im Schulmuseum: Werbung für die DDR-Pionierorganisation

Wer von den Schülern denn wisse, aus welchem Land der T34-Panzer kommt, fragt Frau Lehmann mit lieblicher Stimme in die Runde. Schweigen im Klassenzimmer, dann meldet sich Sören in der zweiten Bankreihe. "Der T34-Panzer kommt aus der Sowjetunion.“ Jetzt strahlt Frau Lehmann und lobt sogleich ihren Musterschüler. "Richtig Sören, ausgezeichnet, dafür kriegst du einen Bienchen-Stempel.“

Willkommen in der DDR-Vergangenheit

Honecker-Bild, blaues Halstuch, Pioniergruß: Heimatkundestunde mit Elke Urban alias Frau Lehmann

Wie in der DDR: Honecker-Bild, blaues Halstuch und Pioniergruß - Heimatkundestunde mit Elke Urban alias Frau Lehmann

Frau Lehmann heißt eigentlich Elke Urban und ist die Leiterin des Leipziger Schulmuseums. Die Jugendlichen, die in dem Klassenzimmer vor ihr sitzen, sind Schüler einer 10. Klasse aus der Mittelschule Ehrenfriedersdorf im sächsischen Erzgebirge. Für den Unterricht sind sie eigentlich schon etwas zu groß, denn sie spielen die Rolle von Drittklässlern. Auf dem Stundenplan steht "Heimatkunde", eine Schulstunde, genau so, wie sie Mitte der 1980er der DDR-Schulen als Teil des Deutschunterrichts der Klassen 1 bis 4 durchgeführt wurde. Das war Naturkunde und vor allem "Einführung in das sozialistische Leben“. Und genau so sieht das Klassenzimmer auch aus: original sozialistische Einheitsware, von den Schulbänken über die grauen Gardinen Marke "Malimo“ und die blaue Jungpionierfahne an der Wand bis zum gerahmten Portrait des DDR-Staatsratsvorsitzenden links neben der Tafel. Leicht entrückt schaut Erich Honecker auf die Schüler herab.

Bienchen oder Mobbing

Pioniere zu Besuch bei der NVA (Foto: Archiv Schulmuseum)

Pioniere zu Besuch bei der NVA

Christian, der in der zweiten Bankreihe neben Sören sitzt und im wahren Leben Toni heißt, hat sich vor der Stunde zur Persona non Grata erklären lassen. Freiwillig spielt er den einzigen Schüler der Klasse, der kein blaues Halstuch tragen darf, weil er nicht Mitglied der DDR-Kinderorganistation "Junge Pioniere" ist. Deshalb findet zum Beispiel ein Pionierbesuch bei der Patenbrigade im volkseigenen Betrieb ohne ihn statt. Aber auch im Unterricht bekommt seine Außenseiterrolle zu spüren. Immer wieder wird er von der Lehrerin verbal angegriffen: "Christian, du hast gute Zensuren, du könntest später mal studieren. Aber so lange du kein Pionier bist, wird daraus leider nichts.“

Frau Lehmann beherrscht das typische DDR-Lehrer-Vokabular perfekt. In Sekunden wandelt sie sich von der liebenswerten Schmeichlerin zur strengen Politagitatorin. In ihrer bunt-gemusterten Dederon-Bluse aus sozialistischer Produktion nimmt man Elke Urban die Rolle ab.

Tisch mit DDR-Schulbüchern

So sahen DDR-Schulbücher aus

"Das ist etwas erschreckend gefährliches, was ich da mache, denn das ist Manipulation pur“, erklärt die Leiterin des Schulmuseums. Sie war in der DDR selbst Lehrerin, allerdings für Musik und Französisch, Mitte der 1970er Jahre hat sie den Beruf aufgegeben und sich lieber um ihre eigenen Kinder gekümmert.

Seit 11 Jahren leitet sie das Leipziger Museum. Hunderte Schulklassen haben bereits in ihrer Heimatkundestunde gesessen, Pionierlieder mit ihr gesungen, ihren Heldengeschichten über den von den Nazis ermordeten Arbeiterführer Ernst Thälmann und die DDR-Armee gelauscht. Wer sich anstrengt, bekommt Bienchen-Stempel.

Elke Urban hat sich diese Frau Lehmann erarbeiten müssen, hat alte Lehrpläne studiert, Zeitzeugen befragt, Quellen gesichtet und auch in sich selbst nach der alten DDR-Lehrerin gesucht. Lange habe es gedauert, bis die Erinnerungen wieder kamen. "Ich habe das genauso verdrängt und vergessen wie die meisten anderen auch.“

Demokratiepreis und Kritik

Leipziger Schulmuseum (Außenansicht)

Das Leipziger Schulmuseum

2007 wurde das Schulmuseum mit dem sächsischen Förderpreis für Demokratie geehrt. Aktive Aufarbeitung der DDR-Diktatur nennt Elke Urban diese 45 Minuten Unterricht, doch dafür gebe es nicht von allen Seiten Schulterklopfen. Die Museumsleiterin sieht sich zwei unversöhnlichen Lagern gegenüber: Die einen wollen vom Unrechtsstaat DDR nichts mehr hören und sehen - schon gar nicht einen Heimatkundeunterricht mit Halstuch und Pionierliedern. Die anderen werfen der Pädagogin vor, ihre Schulstunde wäre an den Haaren herbeigezogen. So schlimm sei das damals doch alles gar nicht gewesen. "Wir haben alles richtig gemacht, wir konnten doch nicht anders“, bekomme sie leider noch immer viel zu oft gerade von ehemaligen DDR-Lehrern zu hören.

"Falsch", sagt Elke Urban und fügt selbstkritisch hinzu: "Ich habe jahrelang gelogen, das gebe ich heute offen zu und schäme mich dafür.“ Mit der praxisnahen DDR-Lehrstunde versuche sie nicht zuletzt, auch die Zivilcourage der Jugendlichen zu stärken. Am Ende der Stunde entlasse sie die Schüler immer mit der Bitte: "Jetzt redet endlich mal als Insider mit euren Eltern.“

Autor: Ronny Arnold
Redaktion: Manfred Böhm

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