Davos hat den Globalisierungs-Blues | Wirtschaft | DW | 23.01.2018
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Weltwirtschaftsforum

Davos hat den Globalisierungs-Blues

Die globale Wirtschaftselite wirkt in diesem Jahr nachdenklich auf dem Weltwirtschaftsforum. Aber braucht die Globalisierung eine Grunderneuerung und ist Davos der geeignete Ort dafür?

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Modi eröffnet World Economic Forum

Die Weltwirtschaft gewinnt laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) weiter an Fahrt. Das ist normalerweise ein Grund zum Feiern. Doch IWF-Chefin Christine Lagarde war nicht in der Laune dazu. "Das Wachstum muss inklusiver werden", sagte sie in Davos. Nicht nur zwischen den einzelnen Staaten - das sei in den letzten Jahrzehnten geschehen - sondern vor allem innerhalb der Länder. "Allzu viele Menschen sind immer noch ausgeschlossen von der Erholung."

Für Jahrzehnte war Davos der Ort für die Menschen, die die Globalisierung gestalteten und davon profitierten. Die Bosse internationaler Konzerne, die Finanzbranche und die Regierungschefs waren sich alle sicher, dass offene Grenzen für Waren, Dienstleistungen und Geld die Welt zu einem besseren Ort machen.

Nachdenklich im Schnee

Aber auf der 48. Ausgabe des Weltwirtschaftsforums beschäftigen sich unzählige Vorträge mit der Frage, wie die Globalisierung repariert und fairer gemacht werden kann; und ob der Kapitalismus vielleicht "vor sich selbst" geschützt werden muss. Ungleichheit ist das Wort, das bei jeder Rede und jeder Diskussion fällt. Die Besucher des Weltwirtschaftsforums - lange standen sie für eine kaltblütige, profitsüchtige Elite - geben sich in diesen Tagen sehr nachdenklich. 

Schweiz, World Economic Forum in Davos (picture-alliance/D.Keyton)

Zum 48. Mal treffen sich Wirtschaftslenker im Schweizer Kurort Davos

Die Gründe sind sicherlich das Aufkommen von Nationalismus, Protektionismus und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Eliten - vor allem in den wohlhabenden westlichen Ländern. Der Brexit und die Wahl von Donald Trump stehen dafür immer noch exemplarisch. "Die Wähler in vielen Industrieländern sind auf ihre Politiker nicht mehr gut zu sprechen und bezweifeln deren Fähigkeit, für ein breites Wachstum zu sorgen", sagt Maurice Obstefeld, Chefökonom des IWF.

Dauerthema Ungleichheit

In seiner Eröffnungsrede versuchte der indische Premierminister Narendra Modi,die Globalisierung zu verteidigen. Doch auch der Regierungschef der zweitgrößten asiatischen Volkswirtschaft räumte ein, dass für viele die Globalisierung ihre Anziehungskraft verloren habe.

Der Schweizer Präsident Alain Berset, der kurz vor Modi sprach, betonte, dass der Glaube, Märkte würden alle Probleme von alleine lösen, fehlgeleitet war. "In den letzten Jahrzehnten wurden der Wohlfahrtsstaat und die Marktwirtschaft häufig gegeneinander ausgespielt." Das Spiel sei falsch gewesen, genauso wie die zugrunde liegenden Annahmen, so Berset.

Politiker seien öfters Komplizen dieser Entwicklung gewesen, glaubt Guy Standing, Professor an der University of London. "Die Unternehmenssteuern haben sich in den letzten 20 Jahren halbiert - und mit der US-Steuerreform wird diese Entwicklung anhalten. Die Firmen wurden indirekt subventioniert und dadurch sind wiederum große Haushaltsdefizite entstanden." Diese wiederum führten zu Sparmaßnahmen - also Einsparungen im Sozialwesen oder der Infrastruktur. "Währenddessen stagnieren die Reallöhne seit 30 Jahren", fügt Standing hinzu. 

Gedankenspiele und Protektionismus-Fans

Das Thema Ungleichheit muss angepackt werden - da sind sich die meisten Teilnehmer in Davos einig. Bei der Frage wie, gehen die Meinungen weit auseinander. Die Vorschläge reichen von mehr Regulierung bis hin zu gerechteren internationalen Spielregeln.

Einige sehen sogar den Trend zu mehr Nationalismus und Protektionismus als gar nicht so schlecht an. "Es ist das erste Mal, dass wir uns fragen müssen: Sind wir ein globales Unternehmen mit Sitz in den USA, oder sind wir ein amerikanisches Unternehmen, das global operiert", sagt Andrew Liveris, Vorstandschef beim Chemieriesen Dow Chemical, der zwei Drittel seines Umsatzes außerhalb der USA generiert. "Darüber mussten wir früher nicht nachdenken, denn wir haben Kapital dort eingesetzt, wo wir dafür den größten Gewinn erzielen konnten. Wir mussten nicht darüber nachdenken, ob die Jobs in den USA, in Mexiko oder China entstehen. Wir haben einfach Jobs geschaffen." 

Andrew Liveris (picture-alliance/dpa/R. Talaie)

Andrew Liveris - Chef von Dow Chemical

Erst kürzlich wurde bekannt, dass die Regierung von Präsident Trump hohe Einfuhrzölle auf Solarpaneele und Waschmaschinen erlassen hat, um damit die "Amerika zuerst"-Agenda umzusetzen. China, Südkorea, Mexiko und Deutschland kritisierten die Entscheidung. Doch der Chef von Dow Chemical, Liveris, sieht in einem solchen Vorgehen auch Vorteile. "Als ein globales amerikanisches Unternehmen haben wir plötzlich in anderen Ländern mehr Einfluss." Die Menschen dort befürchteten, dass wenn sie nicht auch ein amerikanisches Unternehmen zum Zuge kommen lassen, vielleicht auch ihre Firmen in den USA keine Chance haben, so Liveris. Für diese Unternehmen könnten die Effekte "großartig" sein. "Vielleicht ist das Trumps Strategie."

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