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Bücher

Datenbank hilft bei der Provenienzforschung von NS-Raubgut

Vor einem Jahr wurde der Öffentlichkeit die zentrale Datenbank für Raubgut "Looted Cultural Assets" vorgestellt, die von Nazis entwendete Bücher auflistet. Mehr als 31.000 Hinweisen sind die Forscher schon nachgegangen.

Der Provenienzforscher Sebastian Finsterwalder gehört zu einem engagierten Team der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, die sich intensiv um die Erforschung ihrer Buchbestände kümmern. Einige Bücher der seinerzeit von den Nazis beschlagnahmten oder geraubten Bibliotheksbestände konnten bereits identifiziert und an die meist jüdischen Eigentümer zurückgegeben werden. Seit einem Jahr werden die Ergebnisse der systematischen Bestandsforschung in der zentralen Datenbank "Looted Cultural Assets" gesammelt. Weltweit ist sie online einsehbar – mit guter Resonanz, wie Sebastian Finsterwalder im DW-Interview berichtet.

DW: Durch den "Fall Gurlitt", der die Öffentlichkeit lange beschäftigt hat, ist die Provenienzforschung, die sich vor allem mit der Herkunftsgeschichte von NS-Raubkunst beschäftigt, stärker in die Öffentlichkeit gerückt worden. Was fällt eigentlich noch darunter?

Sebastian Finsterwalder: Bücher sind nur eines von vielen anderen Forschungsfeldern. Es gibt auch Provenienzforschung für Musikinstrumente, Möbel, Haushaltsgegenstände, Autos. Also, das ist ein weites Feld. Jedes Objekt hat da seine eigenen Spuren. Bilder sind da nochmal besonders, sie hinterlassen ihre Spuren durch ihre Einzigartigkeit, als künstlerisches Unikat.

Bücher sind dagegen Massenware. Das einzelne Buch sagt mir überhaupt nichts, wenn da nicht Stempel, Autogramme, Nummern, Ex Libris oder anderes drin sind. Das heißt, wir finden Spuren und suchen dann nach der Person, in deren Besitz das Buch war.

DW: Vor einem Jahr haben Sie mit anderen Kollegen eine neuartige Kooperation zwischen öffentlichen Bibliotheken vorgestellt, die "Looted Cultural Assets". Mit welchem Ziel sind Sie damals angetreten?

Wir haben das hauptsächlich mit dem Ziel gemacht, Informationen untereinander auszutauschen. Offiziell sind wir ein loser Zusammenschluss von Provenienzforschern in sechs Bibliotheken, also kein Club oder Verein. Jede Bibliothek in Deutschland und auch in Österreich, die einen Altbestand an Büchern hat, hat NS-Raubgut im Bestand. Und das nicht wenig.

Wie gehen Sie heute bei der Spurensuche vor? Bestand früher nicht die Gefahr, dass durch die Bearbeitung von Büchern, die zum Beispiel für Bibliotheken neu gebunden wurden, Spuren vernichtet wurden?

Ja, das ist jahrzehntelang passiert. Das passiert auch heute noch in vielen Bibliotheken. Wir haben in der Zentral- und Landesbibliothek hier in Berlin unsere Buchbinder dahingehend geschult. Allerdings finde ich immer wieder Bücher, wo eine Seite rausgerissen oder ein Stempel überklebt ist. Oder Sachen einfach rausradiert wurden. Es gab da lange auch eine gezielte Verdrängungstaktik. Wir sondern auch keine Bücher mehr aus, die vor 1945 gedruckt wurden, weil es unter Umständen sehr lange dauert, bis ihre Herkunft geklärt ist.

Wie stellt man denn fest, dass ein Buch beispielsweise aus einer jüdischen Privatbibliothek stammt und nach 1933 geraubt wurde?

Bücher sind ja Massenware, massenhaft produziert, und werden erst dann zum Unikat, wenn ein Eigentümer oder späterer Besitzer darin seine Spur hinterlässt. Oder eine Bibliothek eine Spur hinterlässt mit einer eindeutigen Nummer oder Signatur. Wir suchen also nicht nach bestimmten Büchern, die jemandem nach 1933 geraubt wurden, sondern wir sehen unseren Bestand an und blättern die Bücher einzeln durch, ob sie solche Spuren enthalten.

Wie systematisch machen Sie das? Die Nazis haben nach 1933 viele Kultureinrichtungen und Institutionen verboten und deren Versammlungsräume ausgeraubt -  bei Gewerkschaften, jüdischen Kulturvereinen oder Gemeindebibliotheken. Suchen Sie auch gezielt danach?

Wir nehmen alles auf. Das läuft normalerweise so ab: Wir nehmen einen Fotoapparat mit und knipsen die Bücherregale so schnell wie möglich durch. Wir müssen da immerhin mehrere hundertausende Bände durchsehen. Natürlich finden wir dabei Bücher von allen verfolgten Gruppe:. Bücher von Partei- und Gewerkschaftsbibliotheken, wir haben relativ viele Bücher aus Freimaurerlogen, aus Klöstern und aus jüdischen Gemeinden natürlich.

Anna Amalia Bibliothek in Weimar 2012 (picture-alliance/dpa)

Auch in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar forschen Mitarbeiter nach NS-Raubgut.

Früher hatten die Besitzer von privaten Bibliotheken oft einen "Ex Libris" in ihren Büchern. Inwieweit ist das für Sie ein Glücksfall und hilft Ihnen bei der Provenienzrecherche weiter?

Das ist immer sehr schön, wenn wir sowas vorfinden, weil die meist wunderbar gestaltet sind. Solche "Ex Libris" sind für die Identifizierung von Büchern unglaublich gut, vor allem wenn es personalisierte "Ex Libris" sind, die Informationen zu der einzelnen Person enthalten, die über den Namen hinaus gehen. Ärzte machen irgendwelche medizinischen Geräte rein, Chemiker  einen Kolben, und bei Musikern hängt dann eine Note oben links.

Wir haben hier in der Stadtbibliothek eine Ex-Libris-Sammlung, die umfasst über 800 einzelne Exemplare. Die wurden über die Jahre bei der Reparatur aus den Büchern herausgelöst. Es wurde nur leider nie vermerkt, aus welchem Buch das jeweils stammte. Auch diese "Ex Libris" haben wir schon restituiert, das heißt, an die früheren Eigentümer zurückgegeben. Das ist dann eben nur dieses kleine Zettelchen, ohne Buch.

Inwieweit müssen Sie, wenn sie als Bibliothek Bücher an rechtmäßige Erben zurückgeben wollen, diese historischen Exemplare einer regelrechten Autopsie unterziehen - mit einem Bericht, wie das ein Gerichtsmediziner macht?

Das passiert in jedem Fall, wenn wir eine Restitution machen. Also ich schreibe eine Aktennotiz für den Vorstand hier im Haus, der dann zur Kenntnis kriegt: Dies hier sollte aus den hier aufgeführten Gründen restituiert werden an Person x oder y. Wie kam das Buch überhaupt in unseren Bestand? Was konnten wir über den Vorbesitzer herausfinden und wie ist die Zuordnung passiert? Ist gesichert, dass es sich um einen NS-verfolgungsbedingten Entzug handelt?

Alles wird aktenkundig gemacht. Wir verfassen dann eine Rückgabeerklärung an die Erben, die Rechtsnachfolger oder die Familienmitglieder, denen wir die Bücher zurückgeben. Hauptsächlich aus praktischen Gründen, weil wir darin die Bücher mit einschließen, die wir eventuell in der Zukunft noch finden - auch weil wir laufend neue Bücher in die Datenbank aufnehmen und laufend die Bestandsdurchsicht machen. Und da finden wir ständig Bücher gleicher Provenienz, also von gleichen Eigentümern.

Wie finden Sie denn die früheren Eigentümer heraus? Wenden Sie sich auch an "Lost Art", so dass man ihre Recherche auch international in allen Ländern der Welt einsehen kann?

Das läuft je nach Fall sehr unterschiedlich, wie wir die Familienmitglieder finden. Oder sie uns finden. Der Gedanke unserer Datenbank ist ja auch, dass die Namen über unsere Webseite indexiert werden. Und es ist schon in zig Fällen vorgekommen, dass uns tatsächlich dann Leute anschreiben: Ich bin da auf diese Webseite gekommen und da steht der Name von meinem Urgroßvater - was heißt denn das? So sind schon zahlreiche Rückgaben zustande gekommen, was ehrlich gesagt, von Anfang an unser Ziel war.

Das Interview führte Heike Mund.

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