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Deutschland

Das zweite Leben der DDR-Jugendorganisation FDJ

Obwohl die DDR längst Geschichte ist, hält sich ein Relikt aus ihren Zeiten tapfer: die Jugendorganisation FDJ. Einige Dutzend übrig gebliebene Mitglieder kämpfen weiter gegen die "Annexion der DDR durch die BRD".

Fünf Jugendliche stehen singend auf einem Lastwagen hinter einer FDJ-Flagge (Foto: AP) Jugendliche grüßen sich vor Fahne und Politikern (Bild:dpa)

Mitglieder der Freien Deutschen Jugend 2001 in Berlin

Das Treffen findet in einem dunklen und leicht muffigen Antiquariat im Ostberliner Stadtteil Pankow statt. Kein Vergleich mit der einstigen Aura: adrette Uniformen, Lagerfeuer-Romantik und Hymnen auf die deutsch-russische Freundschaft. Nein, der "Zentralrat" der "Freien Deutschen Jugend" hat keine noble Adresse mehr, sondern residiert jetzt in einem Hinterhof. Ringo, 28 Jahre, und Johannes, 22, bitten zum Interview. Aber sie machen aus ihrer Abneigung gegen Journalisten kein Geheimnis: Zu schlecht wären die Erfahrungen mit den Medien, die die FDJ in ihren Reportagen durchweg nur negativ gezeigt hätten.

"Die DDR ist das bessere Deutschland"

Auffällig ist, dass ein Großteil der heutigen FDJ-Mitglieder Anfang bis Mitte Zwanzig ist, die Deutsche Demokratische Republik also höchstens im Kleinkind- oder Grundschulalter miterlebt hat. Ringo ist seit vier Jahren dabei und weiß noch genau, weshalb er sich für die FDJ entschieden hat. Er kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und hat durch seine Eltern "ein bisschen Antifaschismus mitbekommen". Sie hätten viel an der DDR auszusetzen gehabt, aber immer gesagt: "Das ist das bessere Deutschland für sie. Das habe ich mitbekommen und irgendwann wollte ich organisiert etwas gegen Nazis tun und habe geguckt, was es gibt."

Die wiederauflodernde Gewalt aus der rechtsradikalen Szene, die im Osten Deutschlands oftmals zu Resignation und Angst führt, könnte der FDJ wieder mehr Zulauf bringen, hofft Ringo. Heute konzentriere sich die FDJ auf drei Themen: "Einmal ist es der Antimilitarismus, dann ist es auf jeden Fall der Kampf gegen den Faschismus und natürlich auch die Aufklärung der Jugend über das, was 89 passiert ist."

Wiedervereinigung finden sie lächerlich

Jugendliche grüßen sich vor Fahne und Politikern (Bild:dpa)

Das Pfingstreffen der "Freien Deutschen Jugend" 1950 in Berlin

Hehre Ziele eigentlich. Doch auf der Homepage der Organisation finden sich auch Aktionen gegen die Bundeswehr, gegen die Bundesregierung und gegen den Imperialismus. Und die Aussagen sind oft schwammig. So zum Beispiel, wenn Johannes sagt, dass die FDJ seit 1995 wieder eine antifaschistisch-demokratische Partei sei. Für ihn ist "antifaschistische Demokratie eine Forderung, so etwas wie ein Kampfziel."

Ihr Weltbild wird noch immer von der Vergangenheit geprägt. Den Begriff der Wiedervereinigung finden sie lächerlich, die DDR sei 1989 schlicht annektiert worden und deshalb könne man ruhig weiter von BRD und DDR sprechen. Auf die Frage, was er mit seiner Gruppe im wiedervereinten und irgendwie doch noch geteilten Deutschland erreichen will, kommt Ringo dann erneut auf die Demokratie zu sprechen: "Die FDJ steht vor der Aufgabe, das kleine Bisschen Demokratie, das es in diesem Land noch gibt, zu retten."

"FDJ hat sich neu erfunden"

Was macht im Jahre 2006 überhaupt die Faszination einer Organisation aus, die eigentlich mit der Auflösung der DDR als begraben galt? Hatte die FDJ vor 1989 noch über zwei Millionen Mitglieder, sind es heute nur noch ein paar Dutzend. Die Hamburger Politologin Dorothee Wierling forscht seit Jahren über die Geschichte der DDR. Für sie ist es ein erstaunliches Phänomen. Am Ende der DDR sei die FDJ als riesige Massenorganisation weitgehend entpolitisiert gewesen und stellte für Jugendliche in der DDR kein Sinnangebot mehr dar. "Aber in dem Moment, als die DDR zusammenbricht, kann man sich natürlich als eine Jugendorganisation wie die FDJ noch mal neu erfinden", sagt Wierling. Und das hat die FDJ getan - unter den strengen Augen des Verfassungsschutzes.

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