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"Das Ziel ist die Destabilisierung Ägyptens"

Das Interview führte Naser Shrouf26. April 2006

Wer sind die Hintermänner der Anschläge von Dahab? Interview von DW-WORLD.DE mit Günter Meyer vom Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz.

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Spurensuche in DahabBild: AP

DW-WORLD.DE: Herr Meyer, Sie betreuen Projekte zu Folgen des Terrorismus auf den Tourismus in der arabischen Welt. Was sagen Sie zu den heutigen Anschlägen auf Dahab?

Günter Meyer: Dies ist der dritte Anschlag auf der Halbinsel Sinai in zwei Jahren: der erste im Oktober 2004 auf das Taba Hilton Hotel mit 34 Toten, dann im Juli 2005 in Scharm el Scheich, wo es über 60 Tote gegeben hat. Der jüngste Anschlag wird nun einen katastrophalen Rückschlag für den Tourismus in der Region bedeuten. Zu der bisherigen Situation: Dahab prosperiert. Es hat sich seit Anfang der 1990er Jahre zu einer Hippie-Destination entwickelt. Rucksacktouristen aus der ganzen Welt kamen hierher. Seit die Israelis nach den beiden ersten Anschlägen auf dem Sinai ausblieben, rückten Europäer und Ägypter ein.

Sie haben die israelischen Touristen erwähnt: Waren diese Ziel des Anschlags?

Es war jetzt zum ersten Mal während des Pessach-Festes, dass die israelischen Behörden nicht mehr davor gewarnt haben, an den Golf von Akaba zu fahren. Es ist also möglich, dass israelische Touristen dort sind. Es scheint aber, dass die Anschläge eher auf Hotels gerichtet waren, während Israelis meist Studenten und junge Leute sind, die mit Zelten in die Beduinen-Camps fahren.

Sie kennen die Verhältnisse in Ägypten sehr gut. Welche Folgen hat dieser Anschlag für das Land?

Die Anschläge auf den Tourismus dienen vor allem zur Destabilisierung der Wirtschaft. Fast ein Viertel aller Erwerbstätigen hängen direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Wenn die Touristen ausbleiben, kommt es zur Destabilisierung. Damit wird die Opposition gegen die Regierung Mubarak weiter gestärkt. 1992 bis 1995 haben wir deswegen schon massive Anschläge auf touristische Ziele im Nil-Tal gehabt. Besonders katastrophal war der Überfall 1997 auf den Hatschepsut-Tempel, bei dem so viele Touristen getötet wurden, dass die Empörung unter den Ägyptern gegen die Terroristen so groß war, dass die führenden Männer innerhalb der Terrororganisation dem Terror abgeschworen haben. Wir hatten dann ja von 1997 bis 2004 auch keine Anschläge mehr.

Wer sind die Hintermänner der neuen Anschlagserie?

Sie sitzen offensichtlich in Nordsinai. Dort sind ägyptische Sicherheitskräfte stationiert, die brutal gegen die dortigen Stämme vorgegangen ist. Hier hat sich nach früheren Angaben der ägyptischen Behörden eine Allianz von Beduinen-Clans mit Al-Kaida-Gruppen und einzelnen Palästinensern gebildet. Nach den letzten Anschlägen ist eine große Zahl von Stammesangehörigen im Nordsinai verhaftet worden - man spricht von bis zu 400, zum Teil willkürlichen Inhaftierungen. Das hat den Widerstand nochmals angefacht. Hier sind fraglos die Täter zu suchen.

Wie wird sich der Tourismus langfristig entwickeln, in Ägypten, aber auch im Nahen Osten?

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA ist die Entwicklung zu beobachten, dass die reichen Araber aus den Golfstaaten in der arabischen Welt bleiben. Diese Entwicklung wird sich auch weiter verstärken. Der internationale Tourismus ist natürlich sehr empfindlich gegen Anschläge. Schon jetzt in der Frühjahrssaison gab es erhebliche Rückgänge. Ich habe gerade im Februar, März das gesamte Land bereist - es war offensichtlich, dass an den großen Sehenswürdigkeiten einfach Touristen fehlen. Man muss jetzt sehen, wo und wann es in der arabischen Welt weitere Anschläge geben wird. Ägypten dürfte in den nächsten Monaten erhebliche Einbußen erleben. Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate boomen, auch der Maghreb hat sich gut erholt. Wenn in einem dieser Länder ein Anschlag stattfindet, dauert es mindestens ein halbes Jahr, bis sich die Zahl der Touristen wieder erholt hat. Früher hat es allerdings ein, zwei Jahre gedauert.

Professor Günter Meyer ist Leiter des Zentrums für Forschung zur arabischen Welt an der Universität Mainz.