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Kultur

Das Zappelphilipp-Syndrom

Wollen die Kinder nicht stillsitzen oder können sie nicht? Ist ADHS, das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, eine Zivilisationskrankheit oder ein schwerer genetischer Defekt?

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Der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hofmann beschrieb die Symptome schon 1844

"Ob der Philipp heute still, wohl bei Tische sitzen will?" Der Zappel-Philipp aus dem Bilderbuch "Struwwelpeter" will nicht. Oder kann er nicht? Über diese Frage streitet sich seit Jahren die Wissenschaft. Für die einen ist die Zappelei ein vererbter Defekt des Gehirns, den sie als Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) bezeichnen und der dringend mit Psychopharmaka behandelt werden sollte. Andere bewerten ADHS als Zivilisationskrankheit, die weniger mit Medikamenten als mit Psychotherapie und veränderter Erziehung kuriert werden muss.

Bis vor einigen Jahren galt das Interesse der ADHS-Forscher vor allem dem Zappel-Philipp, der kaum eine Minute still sitzen kann. Inzwischen erstreckt sich das Spektrum auf fast alle "Struwwelpeter"-Figuren, die der Frankfurter Nervenarzt Heinrich Hoffmann 1844 gezeichnet hat: Den sozial gestörten Wüterich, das unbedachte Paulinchen und den verträumten Hans-Guck-in-die-Luft.

Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich nicht konzentrieren können, extrem unruhig sind und höchst impulsiv reagieren. Schulaufgaben lösen, stillsitzen, zuhören – das alles fällt schwer. Jedoch sind Kinder, die an ADHS leiden, nicht weniger intelligent als gesunde. Sie können vielmehr aufgrund der Störung ihr Leistungspotiential nicht ausschöpfen.

Stoffwechsel im Gehirn gestört

Die Ursachen für die ADHS-Störung sind noch nicht vollständig erforscht. Angenommen wird eine fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen verschiedenen Hirnabschnitten, dem Frontalhirn und den Basalganglien - bedingt durch Störungen im Stoffwechsel der Botenstoffe, hier vor allem dem Dopamin. Fehlt dieser Botenstoff, stürmen ständig neue, ungefilterte Informationen und Impulse auf das Kind ein. Denn das Gehirn kann die Flut von Informationen nicht mehr selbst regulieren. Die Folgen: Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität, Hyperaktivität.

Fest steht - Kinder mit ADHS machen mit ihrem ungebändigten Bewegungsdrang oder ihrer träumerischen Abwesenheit den Eltern und Lehrern das Leben schwer. Schätzungen über die Zahl der betroffenen Kinder reichen von 2 bis zu 20 Prozent. Die Arbeitsgemeinschaft ADHS im oberfränkischen Forchheim geht von 500.000 betroffenen Kindern zwischen 6 und 16 Jahren in Deutschland aus.

Nicht nur Kinder sind betroffen

In der Literatur hieß es bislang, dass mehr Jungen als Mädchen an ADHS litten. Jedoch stellte sich in den letzten Jahren heraus, dass bei an ADHS erkrankten Mädchen meistens die Aufmerksamkeitsstörung und nicht die Hyperaktivität im Vordergrund steht. Deshalb wird bei Mädchen die Störung meist seltener und später erkannt als bei Jungen. Etwa bei der Hälfte der kranken Kinder bleibt ADHS auch im Erwachsenenalter bestehen und muss medikamentös behandelt werden.

Der US-amerikanische Psychiatrie-Professor Russell Barkley gehört zu den prominenten Verfechtern des Psychopharmakons Ritalin. Seiner Einschätzung nach erhält bislang nur die Hälfte der schwer Erkrankten dieses Medikament. Schuld daran seien die Medien, die diese Krankheit verharmlosten, schreibt er in einer "Internationalen Erklärung", die er mit 75 weiteren Wissenschaftlern Anfang 2002 veröffentlicht hat: "Dabei besteht kein Zweifel darüber, dass ADHS zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen bei vielen geistigen Fähigkeiten führt und damit den meisten Betroffenen deutlichen Schaden zufügt." Als Beispiele nennt er unter anderem Schulversagen, gesteigerte Drogen- und Kriminalitätsgefährdung.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch Klaus Skrodzki, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte. Für ihn steht fest, dass die Krankheit vererbt wird: Stoffwechselstörungen im Gehirn führen zu fehlerhafter Informationsverarbeitung. Durch Erziehung könnten solche Anlagen nur geringfügig beeinflusst werden. Für die Behandlung setzt Skrodzki auf Psychopharmaka, die das Kind für mehrere Stunden beruhigen und ein konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Nebenwirkungen und Abhängigkeiten sind nach seinem Wissen bislang nicht nachgewiesen worden. Allerdings lässt sich ADHS mit Ritalin auch nicht heilen.

Psychopharmaka oder Psychotherapie?

Der Darmstädter Pädagogikprofessor Manfred Gerspach zweifelt diese Befunde an. Vor 25 Jahren sind deutschlandweit 400 Kinder wegen Hirnfunktionsstörungen mit Ritalin behandelt worden - heute liege die Zahl bei 20.000 bis 50.000. "Ich glaube nicht, dass wir es mit einer Epidemie zu tun haben. Dieses Phänomen ist Folge eines gesellschaftlichen Wandels." Scheidungen und Doppelverdienertum führe zu einem "Aufmerksamkeitsdefizit" der Eltern gegenüber ihren Kindern. Hinzu kämen Leistungsdruck, mangelnde Bewegung und hoher Fernseh- und Computerkonsum.

Ein Psychopharmakon ist auch für den Familientherapeuten Wolfgang Bergmann aus Hannover das schlechteste Mittel zur Behandlung von ADHS. "Wir wollen den Kindern ein sicheres Identitätsgefühl geben. Mit Ritalin fühlen sie sich vier Stunden lang toll und danach wieder getrieben. Dieses ständige Pendeln verhindert die Stabilisierung." In vielen Fällen fehle die Zeit für eine genaue Diagnose und deshalb werde vorschnell zu Medikamenten gegriffen. Seiner Ansicht nach sind sie jedoch nur bei sehr wenigen Kindern wirklich hilfreich.

Die Betroffenen und ihre Eltern lässt dieser Streit weitgehend ratlos zurück. Für eine gründliche Diagnose des Kindes, die sich über ein halbes Jahr hinziehen kann, fehlen die Ärzte, denn die Masse der Verhaltensauffälligen ist zu groß. Ähnliches gilt für eine Familientherapie oder Erziehungshilfe. Oft bleibt dann nur der schnelle Griff zum Ritalin oder der weitere Kampf mit dem Zappel- Philipp: "Und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum."

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  • Datum 15.01.2003
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