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Gedanken zur Woche

Das Wunder bleiben lassen – Erika Pluhar

Die Schriftstellerin, Schauspielerin und Sängerin Erika Pluhar (76) hat viel erlebt. Petra Schulze von der evangelischen Kirche besuchte sie in Grinzing (Wien).

Petra Schulze: Ihre Handschrift ist unverkennbar – ganz gleich ob sie Theater spielt, Lieder dichtet und singt oder Romane schreibt: Die vielseitige Künstlerin Erika Pluhar steht für Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit. Seit 25 Jahren begleiten mich ihre Texte und Lieder. Manche klingen wie moderne Psalmen.

Erika Pluhar: Unser Dasein ist auch wirklich eine Zumutung. Ich sage das ganz offen. Aber in diesem Wort steckt auch das Wort Mut. Und dass Menschen versuchen, sich selbst zu helfen, indem sie an irgendetwas Übergeordnetes glauben, das verstehe ich ja. Ich mag nur nicht, wenn dieser persönliche Glaube ein Instrument sein soll, um die Welt zu beherrschen.

Petra Schulze: Und so lässt sich Erika Pluhar in Glaubensdingen nicht festlegen. Die Künstlerin ist vor allem ein politischer Mensch. Dieser analytische Blick prägt auch ihre Sicht auf ihren Beruf. Nach der Ausbildung an der Wiener Akademie für Musik und Darstellende Kunst ist Erika Pluhar vier Jahrzehnte Mitglied im Ensemble des Burgtheaters. Sie spielt große Rollen. Aber wenn sie heute auftritt, will sie keinen roten Teppich, keine Showtreppe. Zwei Musiker, ein Mikro und ein Scheinwerfer. Und sie selbst, mit klaren Aussagen.

Immer die Welt im Auge behalten

Erika Pluhar: Persönlich bemühe ich mich sehr darum, wirklich die Welt im Auge zu haben, was uns weltweit gefährdet.

Petra Schulze: Zum Beispiel die Beschneidung der Frauenrechte, die Erika Pluhar global verstärkt sieht,

Erika Pluhar: …wenn dort in Afrika über 200 junge Mädchen entführt werden, die in die Schule gehen möchten und man sagt, die sollen entweder heiraten oder sie werden verkauft, dann verstehe ich nicht, dass der Aufschrei quer über die ganze Welt nicht lauter ist. Ich schreie deshalb. (…) dieser Islamismus, diese Gotteskrieger, jetzt auch in Syrien, die alles verdrehen, sind für uns Frauen auf Erden katastrophal. Also, die Situation der Frau auf Erden ist schlimm, für mich fast schlimmer denn je.

Woran glauben? – Ans Leben.

Petra Schulze: Auch im Privaten stellt sich Erika Pluhar den dunklen Seiten des Lebens. Meistert Krisen, an denen andere zerbrochen wären. Ich frage Erika Pluhar, woran sie glaubt.

Erika Pluhar: Ich glaube ans Leben, sage ich halt immer. Und das bedeutet ja sehr viel, weil, Leben heißt auf die Welt kommen, die Welt verlassen, heißt werden und sterben, heißt kommen und gehen.

Petra Schulze: Dabei kommt mir sofort der Tod ihrer Tochter Anna in den Sinn, die als junge Frau mit 37 Jahren an den Folgen eines Asthmaanfalls gestorben ist.

Erika Pluhar: Ich war im Studio, und ich habe ein Lied gesungen, das trägt den Titel „Die unerfüllbaren Wünsche“ und fängt an: … ich möchte was haben, was mir für ewig g´hört“. In diesem Lied wurde ich unterbrochen mit der Nachricht, dass meine Tochter tot ist.

Petra Schulze: Erika Pluhar fällt. Und doch: Sie stützt sich auf eine Parabel. Eine wie Jesus sie vielleicht erzählt hätte, sagt sie:

Erika Pluhar: Ich bin zum Beispiel als junges Mädchen mit Buben in der Donau geschwommen durch den Strudel und ich habe mich gefürchtet. Und die haben gesagt: „Erika, wenn du dorthin kommst, wo dieser Strudel ist, der einen hinunterzieht, dann lass dich hinunterziehen, aber du musst unten ankommen. Wenn du dich abstößt, kommst du oben wieder rauf und kannst weiterschwimmen.“
Und das habe ich dann auch getan. Und das ist zum Beispiel für mich die Parabel geworden, leider sehr schmerzhaft in meinem Leben und immer wieder, mit der Trauer umzugehen. Man muss sich von der Trauer wirklich in den tiefsten dunklen Grund hinunterziehen lassen, bis man merkt, man ist wirklich am tiefsten Punkt angekommen. Dann kann man langsam wieder hoch geraten, und dann kann man wieder (…) weiter leben.

Sie lebt in mir weiter

Petra Schulze: Erika Pluhar sagt: Anna lebt in mir weiter. Nach Annas Tod passieren Dinge, wie kleine Zeichen von ihrer Tochter. Vor Annas Wohnung auf dem Grundstück in Grinzing, wo auch Erika wohnt

Erika Pluhar: …da stand so ein Rosenbusch, und der war völlig vertrocknet. Der stand halt da so. Und nach ihrem Tod wuchs wirklich in diesem vertrockneten Rosenbusch eine große weiße Rose.

Petra Schulze: An solchen Zeichen geht sie nicht vorbei, aber sie überbewertet sie auch nicht. Zwischen Himmel und Erde gibt es mehr, als wir ahnen, meint sie. Und man müsse das trügerische Wissen-Wollen in Glaubensdingen loslassen.

Erika Pluhar: Natürlich, man will einen Glauben haben. Und man will ein Wunder erlebt haben, ja. Viel schöner ist eigentlich, dieses Wunder geschehen zu lassen und es (spricht gedehnt, betont) blei-ben zu lassen.


(1) Zitat von CD-Box: Erika Pluhar: Es war einmal – Ein Lebensweg in Liedern. E.T.E., Extraplatte Musikproduktions- und Verlags GmbH, Produktion Nr. 013 Erika Pluhar, Wien 2004. LC 8202. CD 1 Lieder von 1972-1981, Track 16 Die Angst vor dem Verlust: gesprochen von Erika Pluhar (0:22)
Literatur und Links:
Erika Pluhar: Lieder – mit Fotos von Christine de Grancy, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH, 1986.
SZ-Magazin Heft 41/2011: Sven Michaelsen: „Mit dem Wort Glück hab ich wenig am Hut“.
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36391/Mit-dem-Wort-Glueck-hab-ich-wenig-am-Hut
http://www.erikapluhar.net/index.html
http://www.walkabout-fuer-manager.at/media/files/Erika-Pluhar.pdf.
http://archiv.magazin-forum.de/%E2%80%9Eich-pfeife-auf-eine-weltkarriere%E2%80%9C/

Verantwortlicher Redakteur: Pfarrer Christian Engels

Evangelische Pfarrerin Petra Schulze

Evangelische Pfarrerin Petra Schulze

Zur Autorin: Petra Schulze, Jahrgang 1965, studierte Evangelische Theologie, Publizistik und Sozialpsychologie in Bochum. Sie absolvierte eine Jahreshospitanz beim WDR-Hörfunk sowie ein mehrwöchiges Praktikum beim WDR Fernsehen in Köln und ist seitdem für den WDR und andere Sender als freie Journalistin tätig sowie u.a. für die Wochenzeitung »Unsere Kirche«. Sie war im Ennepe-Ruhrkreis als Pfarrerin für Öffentlichkeitsarbeit und als theologische Referentin in Dortmund tätig. Von 2006-2011 war Schulze die Evangelische Senderbeauftragte für das Deutschlandradio und die Deutsche Welle in Berlin. Ab November 2011 ist sie die Evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR in Düsseldorf, Evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR und Leiterin des Rundfunkreferates.

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