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Asien

Das Wissen aus dem Loch in der Wand

Im indischen Dorf Shirgaon versucht das IT-Projekt "hole-in-the-wall" indische Schulkinder in die Welt des Internets einzuführen – und das ganz ohne Unterricht, nur mit Hilfe der kindlichen Neugierde.

Kinder am Internet-Kiosk der Dorfschule in Shirgaon (Foto: Priya Palsule-Desai)

Fenster zur Welt: Kinder am Internet-Kiosk der Dorfschule in Shirgaon

Zehn Uhr an der Shirgaon Dorfschule. Es ist Pause und die Kinder der 1. Bis 10. Klasse strömen in Scharen auf den Schulhof. Doch statt auf dem Pausenhof zu spielen, zieht es sie an ein kioskähnliches rot-gelbes Häuschen mit zwei Fenstern und Sitzbänken davor.

Das einzige Werkzeug ist Neugier

Mädchen am Computer (Foto: Priya Palsule-Desai)

Per "trial and error" entdecken die Kinder das Internet

Hier gibt es keinen Süßigkeiten-Verkäufer, sondern den Eintritt in eine unbegrenzte Welt. Dicht gedrängt steht eine Gruppe von Mädchen vor einem Bildschirm. Neben sich Tastatur und Joystick. "Wenn wir das Bild eines Tigers suchen wollen", sagt die 12-jährige Gauri sehr ernst, "dann müssen wir hier Tiger eingeben." Mit ‚hier' meint Gauri die Eingabemaske der Suchmaschine Google. Denn der Rechner hinter dem Bildschirm ist per Satellit an das Internet angeschlossen. Was aussieht wie ein Freizeitvergnügen, ist ein wissenschaftliches Projekt des MIIT – Indiens bekanntestes Technologie-Institut. "hole-in-the-wall" heißt es und beschreibt damit den Blickwinkel der Kinder – sie sehen nicht mehr als den Bildschirm aus dem Fenster den Kiosk. Ziel des Projekts ist es, zu zeigen, dass Kinder nur durch ihre natürliche Neugier und ohne Hilfe Sachen erlernen und entdecken können, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. In diesem Fall das Surfen im Internet.

Bildschirm von weitem (Foto: Priya Palsule-Desai)

Aus dem „Loch in der Wand“ kommt das Wissen aus dem Internet an die Dorfschule

Die 12-jährige Gauri ist der Beweis, dass die Theorie hier im Dorf zumindest stimmt. Sie hat sich schnell an die fremde Technik herangetraut. Nun surft sie im Internet und zeigt ihren Klassenkameraden, was man alles machen kann. Am ersten Tag war es für sie aber noch ungewohnt. Sie habe einfach mal die Knöpfe ausprobiert und geschaut, was passiere, sagt sie schüchtern und ergänzt ganz ernsthaft: "Bei Google zum Bespiel. Da muss man einfach in dem Kasten den Begriff eingeben, den man haben will. Ob Kricket, Spiel, Lieder, was man eben so will. Ja, und dann kann man die Seiten einfach anschauen."

Nicht lehren, sondern gemeinsam lernen

Dorflehrer Attar (Foto: Priya Palsule-Desai)

Dorflehrer Attar

Auch für ihren Lehrer Shamashuddin Attar war das Internet ein Buch mit sieben Siegeln. Jetzt betreut er das Projekt und hat inzwischen ein eigenes digitales Schullexikon entwickelt. Vor allem hat er aber seither die indische Schulmentalität über Board geworfen, die darauf beruht, dass der Lehrer den Schülern das Lernen beibringt. Er hält das für ein falsches Konzept und nennt ein Beispiel. "Sehen Sie, als ich mit den Kindern im Internet war und auf die vorherige Seite gehen wollte, sagte ein Schüler zu mir 'Sir, warum gehen Sie denn in die Menü-Leiste? Nehmen sie die rechte Maustaste. Gehen sie auf Zurück, so ist das viel schneller' – daran sehen sie - wir lernen gemeinsam." Das spielerische Lernen via Internet, ergänzt Attar, hat die Motivation der Schüler gesteigert. Sie betrachten Lernen nicht mehr als Pflicht, sonders es bringt ihnen auch Spaß.


Der Mauszeiger wird zur Nadel

(Foto: Priya Palsule-Desai)

Was die Kinder vorne tippen, wird aufgezeichnet und ausgewertet

Jede Aktion am Computer wird hinten im Kioskhäuschen per Video und Leitung aufgezeichnet. Die Daten gehen per Satellit nach Neu Delhi. Hier wird das Verhalten der Kinder ausgewertet. Dr. Sugata Mitra hat das Projekt 1999 begonnen und macht erstaunliche Beobachtungen. Wenn ein Kind einen zufälligen Klick im Internet mache, so der Wissenschaftler, machen es ihm drei Kinder nach, weil sie das spannend fänden. Dabei mache jedes der Kinder eine weitere zufällige Endeckung und so gehe die Lernspirale weiter. Was den Wissenschaftler am meisten verblüfft hat, war die eigene Sprache, die die Kinder entwickelt haben. "Sie haben sogar Begriffe neu erfunden, weil sie vieles nicht kannten", so Mitra über seine Beobachtungen. "Sie nennen einen Mauszeiger Sui, das indische Wort für Nadel. Und sie nennen das Eieruhr-Symbol Damaru. Nach dem Instrument der Gottheit Shiva, weil es ein bisschen so aussieht."

Die Idee zum Projekt hat sich Mitra von Arthur C. Clarkes Science-Fiction-Roman "2001 – Odyssee im Weltraum" abgeschaut. Dort entdecken Steinzeitmenschen einen Monolithen. Erst als sie den riesigen Stein zum Bau von Werkzeugen nutzen konnten, war ihre Neugier befriedigt. Auf Basis dieser Idee resultiert Mitras These: "Der Mensch wird von seiner Neugier geleitet." Und diese Neugier scheint an der Dorfschule in Shirgaon unbegrenzt zu sein. Der Erfolg des Projekt lässt sich wissenschaftlich noch nicht belegen, aber eines ist hier sicher: Seitdem es "hole-in-the-wall" gibt, haben viel mehr Schulabgänger ein Studium begonnen. Und über ein digitales Netzwerk sind sie bis heute mit ihrer Schule verbunden - natürlich über das Loch in der Wand.


Autorin: Priya Palsule-Desai
Redaktion: Esther Broders