1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Geschichte

"Das wird wohl nichts mehr" - die Jobsuche einer Leipziger Ingenieurin

Die frühere Chemieingenieurin Elke Jäger hat sich in der Arbeitslosigkeit ständig weitergebildet. Genutzt hat es wenig: Sie ist seit 1990 ohne Job und steckt ihre Energie notgedrungen ins Ehrenamt.

Elke Jäger vor der Leipziger Nikolaikirche neben einem Plakat, das zum Nikolaitreff einlädt (Foto: Bernd Gräßler)

Nikolaitreff statt Arbeitsplatz: Elke Jäger, seit 1990 arbeitslos

Mit ihren Berufsbezeichnungen könnte Elke Jäger mehrere Visitenkarten füllen. Sie ist Diplom-Chemieingenieurin mit DDR-Fachschulabschluss. Im vereinten Deutschland ist sie auch zur marktwirtschaftstauglichen Industriefachwirtin, zum "Controller für Kleinstunternehmen" und zur Krönung auch noch zur "Umweltexpertin der Europäischen Gemeinschaft" geworden.

Über letzteren, hochtrabenden Titel muss Elke Jäger selbst lachen. Der war der Lohn für einen ganzjährigen Kursus, mit dem das Leipziger Arbeitsamt in den 1990-er Jahren Manager für Umweltschutz ausbilden ließ, die angeblich dringend benötigt wurden. "Leider hinkte das Arbeitsamt dem Markt immer hinterher", sagt Elke Jäger. "Als wir mit unserer Ausbildung fertig waren, hatte man die neu geschaffenen Posten für Umweltbeauftragte in Unternehmen und Ämtern bereits mit cleveren Leuten besetzt, die zwar keinen Titel und oft keine Ausbildung hatten, dafür aber sehr großes Selbstvertrauen oder gute Beziehungen."

Der Schauspielunterricht fehlte

Seit 20 Jahren ist Elke Jäger ohne festen Job. Sie sei wohl eine der ersten Arbeitlosen nach der Wende gewesen, sagt die heute 56-Jährige. Ein bisschen Pech war auch dabei. Ausgerechnet in der Zeit des Umbruchs hatte die zweifache Mutter eine berufliche Auszeit genommen. Als sie wieder zurückkehren wollte, gab es ihren Arbeitsplatz nicht mehr. Die Ostdeutschen lernten die Langzeitarbeitslosigkeit kennen. Heute jedenfalls ist Elke Jäger so fern der Arbeitswelt, dass sie bei manchen Stellenanzeigen mit neuen englischen Funktionsbezeichnungen rätselt, wer oder was eigentlich gesucht wird.

Porträt Elke Jäger (Foto:Bernd Gräßler)

Gebildet, aber vielleicht nicht clever genug

"Ich habe bei den Vorstellungsgesprächen nur das vorgebracht, was ich wirklich kann und das, was ich mir realistischerweise zutraue. Schließlich fehlte uns im Osten das zusätzliche 13. Schuljahr nach dem Abitur," lächelt sie. Das mit dem 13. Schuljahr ist ein Bonmot der inzwischen verstorbenen ostdeutschen SPD-Politikerin Regine Hildebrandt. Die spottete einst, im Westen seien sie deshalb ein Jahr länger zum Gymnasium gegangen, weil man da Schauspielunterricht bekam, um sich im harten Konkurrenzkampf erfolgreich zu verkaufen.

Ehrenamt als Jobersatz

Selbstdarstellung ist nicht Elke Jägers Sache. Sie sitzt in einem Nebenraum der Leipziger Nikolaikirche. Hier nahm die friedliche Revolution mit Friedensgebeten und Montagsdemonstrationen ihren Anfang. Heute gibt es hier den Nikolaitreff, ein Anlaufpunkt für Jedermann, der das Gespräch sucht. Verlierer der Gesellschaft. Elke Jäger trifft hier jeden Dienstag auch Menschen, die es viel schlimmer getroffen hat, als sie selbst. Viele sind abgerutscht in Alkoholismus und Obdachlosigkeit. Es ist ein Ehrenamt, in das die Leipzigerin jene Energie steckt, die auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt ist.

36 Jahre alt war sie, als die Mauer fiel. Als Christin hatte sie mit dem DDR-Staat nicht viel am Hut. Sie habe es furchtbar gefunden, ihren Kindern Lügen beibringen zu müssen, damit sie nicht "aneckten", sagt die zweifache Mutter. Deshalb hat sich Elke Jäger über die Wende gefreut, über die deutsche Einheit und die erträumten Reisen in die Welt. In Griechenland war sie, in Venedig, in Gibraltar und Gomera. Mittlerweile macht sie hauptsächlich in Deutschland Urlaub. "Das Geld reicht hinten und vorne nicht". Längst muss sie bei neuer Kleidung oder einer Autoreparatur mehrmals rechnen. Ein Sozialfall ist Elke Jäger zwar nicht. Aber sie lebt mit ihrem Mann von dessen Rente, die knapp über der Bedürftigkeitsgrenze liegt.

"Die wollten einen Mann"

Als Chemieingenieurin war die Leipzigerin vor dem Ende der DDR in einem volkseigenen Betrieb für den Absatz von Entstaubungsanlagen zuständig. Im vereinten Deutschland wurde schon das erste Vorstellungsgespräch bei einem Technikunternehmen zum Reinfall. Wieso sie sich als Frau überhaupt für einen solchen Posten bewerbe, wurde sie vom Personalchef einer Firma abgekanzelt, das Industriehallen herstellte. "Dort wollte ich im Vertrieb arbeiten, schließlich hatte ich in der DDR jahrelange Erfahrung als Absatzingenieur für Anklagen, die ein bisschen komplizierter waren, als Leichtbauhallen", erinnert sich die Leipzigerin. "Aber die wollten einen Mann".

Blick auf das Gebäude der Commerzbank in Leipzig(Foto:Bernd Gräßler)

Die restaurierte Leipziger Innenstadt. Die Stadt hat 14 Prozent Arbeitslose

Von da an lernte sie im wiedervereinten Deutschland vor allem Arbeitsämter und Personalbüros kennen, - und weil es dort nicht klappte, immer wieder Lehrgänge des Arbeitsamtes. "Ich war Ende 30, voller Energie, meine Töchter brauchten nicht mehr soviel Betreuung, ich habe mich regelrecht in die Weiterbildung gestürzt". Dort hieß es dann: "Na, Sie finden auf jeden Fall wieder etwas." Doch immer hagelte es Absagen. "Ich bekam schon Magenschmerzen, wenn ich einen großen Umschlag im Briefkasten sah." Denn das waren die Ablehnungen, in den großen Umschlägen kamen die Bewerbungsunterlagen zurück.

Helfen beim "Kippenstechen"?

Tiefpunkt war jener Tag, an dem ihr eine Arbeitsvermittlerin höflich, aber bestimmt eröffnete, dass sie trotz ihres Studiums nach so langer "Berufsferne" nur noch als "Helferin" eingesetzt werden könne. "Da habe ich mich schon beim Stechen von Zigarettenkippen gesehen und bin aus dem Zimmer gerannt." Seitdem wird Elke Jäger von der Behörde nicht mehr als "Arbeit suchend" geführt. Sie möchte die DDR nicht zurück, "aber soviel Unsicherheit und Unruhe kannten wir nicht", sagt sie.

Wenn sie heute von Politikern hört, man müsse nur "den Druck auf die Arbeitslosen erhöhen, damit die endlich mal "aus dem Knick kommen", dann bekommt sie kalte Wut und wünscht sich, dass diejenigen, die so reden und schreiben, einmal in ihrer Situation leben müssten. Sie weiß, dass die Chancen, noch einmal einen Job zu bekommen, immer mehr schwinden.

"Ich darf mir nicht eingestehen, dass es vorbei ist, sonst würde ich doch ein bisschen verzweifeln", sagt sie. "Aber realistischerweise muss man sagen: Das wird wohl nichts mehr."

Autor: Bernd Gräßler

Redaktion: Dеnnis Stutе