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Geschichte

Das weiße Schiff der Hoffnung

Auch Deutschland beteiligte sich am Vietnamkrieg - allerdings nicht mit der Bundeswehr. Auf dem deutschen Krankenhausschiff "Helgoland" wurden Zivilisten behandelt. Für viele Vietnamesen war es die letzte Rettung.

An Bord des Ausflugsdampfers "Helgoland" herrschten einst Kinderlachen und Spaß. Scharen von gutgelaunten Touristen brachte das 1963 gebaute Schiff von der norddeutschen Hafenstadt Cuxhaven zur Insel Helgoland. Dort, bei den berühmten Kreidefelsen, suchten gestresste Großstädter Erholung und Entspannung. Doch die Zeit als Urlaubsdampfer sollte für die "Helgoland" schnell ein Ende haben. Bald diente das Schiff einem sehr viel ernsterem Zweck.

1966 brach die "Helgoland" zu ihrer bislang längsten Reise auf. Das rund 12.000 Kilometer entfernte Ziel hieß Südvietnam. Hier herrschte seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Antikommunisten. Auch das kommunistische Nordvietnam und die USA schritten bald ein. Der Kriegseintritt der USA setzte die deutsche Regierung unter Druck: Die USA drängten immer stärker auf eine Beteiligung ihrer westdeutschen Verbündeten. Die deutsche Antwort bestand in der Entsendung der "Helgoland". In aller Eile hatte das Deutsche Rote Kreuz die "Helgoland" im Auftrag der deutschen Bundesregierung zum Hospitalschiff umbauen lassen.

Unter dem Schutz der Genfer Konvention

An Bord des Dampfers befanden sich anstelle der Touristen nun etwa zehn Ärzte sowie rund 30 Krankenschwestern und Pfleger des Deutschen Roten Kreuzes. Auf einer Länge von knapp 92 Metern waren 150 Krankenbetten und drei Operationssäle Platz aufgestellt. Auch ein eigenes Labor gab es nun an Bord.

Zwei Krankenschwestern der Helgoland mit einem vietnamesischen Kind (Foto: DRK-Archiv)

Hoffnung für Zivilisten: Zwei Krankenschwestern der "Helgoland" mit einem vietnamesischen Kind

Im September 1966 erreichte die "Helgoland" unter dem Schutz von Minensuchbooten die südvietnamesische Hauptstadt Saigon. Auf das, was sie hier erwartete, waren die Ärzte und Krankenschwestern allerdings nicht vorbereitet. Als die ersten verwundeten Zivilisten an Bord gebracht wurden, reagierten die deutschen Helfer mit Erschütterung. "Wir haben erst einmal geweint", berichtete eine Krankenschwester. Endgültig ging die "Helgoland" schließlich in der Stadt Da Nang vor Anker - ganz nahe am Kriegsgeschehen. An Bord wurden nur Zivilisten und keine Soldaten behandelt. Das Schiff stand unter dem Schutz der Genfer Konvention. Daher galt es als strikt neutral.

"Wir fragten nicht, woher sie kamen"

Das schwimmende Krankenhaus war die modernste Klinik in ganz Vietnam. Die medizinische Versorgung im Land war katastrophal, auf rund 17.000 Menschen kam ein einziger Arzt. Bald sprach sich unter den Menschen herum, dass das deutsche Schiff Rettung für Kranke und Verletzte bedeutete. Die Vietnamesen nannten die "Helgoland" schnell das "weiße Schiff der Hoffnung". Die Besatzung half jedem, egal auf welcher der verfeindeten Seiten der Verletzte möglicherweise stand. "Wir fragten nicht, woher sie kamen", erinnnerte sich der Chefarzt der "Helgoland". Die Behandlung war zudem kostenlos.

Für die Ärzte und Pfleger war die Arbeit mit den vielen zivilen Verletzten Schwerstarbeit - körperlich und seelisch. Sie amputierten Gliedmaße im Akkord und zwar bei Kindern, Frauen und Männern, denen Minen die Beine zerfetzt hatten, die durch Schüsse verwundet wurden oder denen die furchtbare Brandwaffe Napalm schwere Brandwunden zugefügt hatte. Abends verließ die "Helgoland" wegen der Kriegsgefahr ihren Ankerplatz und steuerte aufs offene Meer hinaus. Auch dann wurde weiter operiert.

Ein Zeichen der Menschlichkeit

Hinter einem Zaun aus Stacheldraht bittet im Februar 1968 eine vietnamesische Frau mit ihren Kindern die Wachen an der Brücke über den Perfume-Fluss in Hue um die Erlaubnis, die Brücke passieren zu dürfen (Foto: pa/dpa)

Drama Vietnamkrieg: eine Flüchtlingsfamilie im Jahr 1968

Der weit entfernte Krieg in Südostasien hielt durch den Einsatz der "Helgoland" auch in die deutschen Wohnzimmer Einzug. 1970 strahlte das ZDF den Dokumentarfilm "Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang" über die Rettungsarbeit an Bord der "Helgoland" aus. Die Nation war schockiert. Ungeschönt zeigt der Film das Grauen des Krieges. Im Film berichtet ein Pfleger: "Was ich hier sehe, sind lauter zerschossene, zerfetzte Kinder." Und er verzweifelt an der Frage, wie so ein Krieg gerechtfertigt sein könnte.

1971 endete die Mission der "Helgoland", ein Krankenhaus an Land übernahm die Aufgaben. Bis dahin wurden von den Ärzten und dem Pflegepersonal über 11.000 Menschen stationär gepflegt. Und sie helfen weiter: Bis heute unterhalten die ehemaligen Besatzungsmitglieder der "Helgoland" einen Verein zur Unterstützung vietnamesischer Kinder.

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