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Global Ideas

Das Vogel-Krankenhaus von Delhi

Indiens überfüllte und chaotische Hauptstadt ist ein Paradies für Vögel, aber Verschmutzung, Unterernährung und Verletzungen setzen ihnen zu. Ein einzigartiges Krankenhaus steht den fliegenden Stadtbewohnern bei.

Dr Sunil Kumar Bhat with a white bird / India

Dr Bhat sagt, er habe viel bei der Behandlung seiner zum Teil schwierigen und charismatischen Patienten gelernt.

Jedem, der schon einmal in Delhi war, werden die vielen Vögel nicht entgangen sein: Sittiche mit purpurnen Schnäbeln schnattern lebhaft in den Spalten der alten Grabmäler. Hornvögel und Wiedehopfe flattern durch die Parks, schwarze Milane kreisen kreischend am Himmel und stürzen sich hinab in die Häuserschluchten, majestätische Pfaue lassen mit schrillen Schreien in den Parks und Wäldern den Tag ausklingen. Eulen gibt es überall.

Alt-Delhi, die von Mauern umgebene historische Altstadt aus dem 17. Jahrhundert ist eine Welt für sich, ganz anders als die angrenzende Hauptstadt mit ihren breiten Alleen und dem politischen Getümmel. Hier gibt es einen florierenden Vogelmarkt mit Papageien, Tauben, Fasanen und Wellensittichen. Viele Bewohner praktizieren immer noch die Kunst des Kaboortabazi, die Taubenzucht. Sie ist ein Erbe der alten Moghul-Herrscher. Delhi ist zweifelsohne ein Ort der Vogelnarren.

Seltenere Arten findet man im Okhla Vogelreservat, einem der reichhaltigsten Naturschutzgebiete Nordindiens in der Schwemmebene des stark verschmutzten Yamuna-Flusses, der durch Delhi fließt. Im Winter zieht das Gebiet viele Wasserzugvögel wie Störche, Flamingos und Gänse an. Und sogar im Sommer können Vogelbeobachter Rebhühner, Schnepfen, Enten und Schopfreiher sehen.

Aber Experten beklagen schon seit Jahren einen stetigen Rückgang der Vogelzahlen in und um Delhi. Durch die immer stärkere Verschmutzung und Verstädterung verlieren die Vögel ihren natürlichen Lebensraum und ihre Brutplätze.

Das bedeutet viel Arbeit für Sunil Kumar Bhat, den Chef-Veterinär am Charity Birds Hospital. Das Krankenhaus in einem zweigeschossigen Haus in Alt-Delhi behandelt kranke und verletzte Vögel kostenfrei.

Der Spatzendoktor

Ein verletzter Pfau mit einem verbundenen Bein

Zusammenstöße mit Ventilatoren oder Drachenschnüren verursachen oft ernste Verletzungen bei Vögeln

Von außen eher unscheinbar, beherbergt das Haus eine große Zahl von Käfigen und Volieren mit rund 2500 Vögeln, die meisten davon Tauben. Je nach Art und Erkrankung sind sie in verschiedenen Krankenstationen untergebracht und warten auf Operationen oder erholen sich davon. 50 bis 60 Vögel werden täglich in das Hospital "eingeliefert" - von Privatpersonen, Schutzorganisationen und manchmal sogar von der Polizei.

"Tatsächlich nehmen wir mehr Vögel auf, als wir behandeln können. Aber was sollen wir machen. Ich bringe es nicht über das Herz, sie abzuweisen", sagt Bhat, den die Anwohner den "Spatzendoktor" nennen.

Über mangelnde Arbeit kann sich Bhat nicht beklagen. Von Operationen gebrochener Flügel und Knochen über die Verabreichung von Antibiotika, Behandlung von Wunden und Körnerdiätprogrammen bis hin zur regelmäßigen Visite ist alles dabei.

Risikofaktor Nr. 1: Kollisionen

Vögel in einem Käfig

Viele Vögel müssen wegen Atemwegserkrankungen behandelt werden, besonders im Winter

Erst kürzlich, an einem Nachmittag, mussten Bhat und sein Team einem verletzten Pfau helfen. Festgehalten von einem Assistenten, lag der große Vogel auf dem Tisch, sein rechtes Bein unnatürlich verbogen. "Der Knochen ist gebrochen, wahrscheinlich wurde er von einem Fahrrad angefahren", sagt Bhat, während er das Vogelbein bandagiert. "Aber in ein paar Wochen wird es ihm schon wieder besser gehen, und dann werden wir ihn in einem nahen Wald wieder aussetzen."

Verletzungen durch Kollisionen sind eines der größten Risiken für Delhis Vögel. Zusammenstöße mit rotierenden Deckenventilatoren, herabhängenden Stromkabeln oder den Schnüren von Flugdrachen verletzen die gefiederten Bewohner der Stadt oft schwer.

Vor ein paar Jahren, so berichtet der Tierarzt, behandelte er einen Sperling mit schweren Verbrennungen, der bei einem Straßenhändler in einen Topf voller kochendem Öl geflogen war. "Wir verpackten den Vogel in Eis und behandelten ihn dann über Monate mit Schmerzmitteln und Antibiotika", sagt Bhat. "Der Sperling überlebte. Es war ein Wunder und gab uns allen das Gefühl, dass unsere Arbeit ihren Einsatz wirklich wert ist."

Ein Mann mit einem Papagei auf der Schulter

Mohammad Nadeem kam um seinen Papageien behandeln zu lassen

Viele der Patienten kommen auch mit der Ruhr oder anderen Verdauungsproblemen - eine Folge von Unterernährung, und weil sie den unsortierten Müll fressen, den Delhis 18 Millionen Einwohner jeden Tag produzieren. Die immer schlechtere Luft- und Wasserqualität in der Stadt ist ein weiteres großes Problem. Atemprobleme sind im Winter sehr häufig. "Vögel sind sehr empfindlich. Sie brauchen saubere Luft und sauberes Wasser, damit es ihnen gut geht", sagt Bhat. "Genauso wie Menschen sind sie anfällig für Krankheiten und haben ähnliche Leiden."

Lasst sie frei

Die Vögel, die es in das Krankenhaus schaffen, haben Glück - das Personal ist stolz darauf, dass 80 Prozent der Tiere wieder gesund werden. Die Organisation, die in den 1930er Jahren von Anhängern der Jain Religion gegründet wurde, finanziert sich ausschließlich durch Spenden in Form von Geld, Körnerfutter, Medikamenten oder anderen Vorräten.

Gemäß der Tradition der Jain, die sämtliche Formen des Lebens als heilig ansehen, versucht das Krankenhaus alle Vögel in seiner Obhut wieder freizulassen. Das ist nicht immer möglich. "Wir ermuntern die Leute, keine Vögel zu kaufen, weil sie oft gar nicht wissen, wie sie sich richtig um sie kümmern", sagt Bhat. "Aber natürlich können wir die Vögel ihren Besitzern nicht einfach wegnehmen, wenn diese die Tiere zur Untersuchung vorbeibringen. Daher besteht ein großer Teil unserer Arbeit darin, bei den Leuten ein Bewusstsein zu schaffen, wie sie ihre Vögel richtig ernähren und sich richtig um sie kümmern."

Vögel in einer offenen Voliere

Auf dem Krankenhausdach gibt es für alle kostenlos Wasser und Körner

Viele der Leute, die mit kranken Vögeln vorbeikommen, scheinen zufrieden mit der Arbeit der Klinik. Mohammed Nadeem ist mit seinem zwei Jahre alten Papagei da, der nach Aussage seines Besitzers passiv und depressiv geworden war. "Ich habe von den Ärzten hier immer guten Rat bekommen", sagt Nadeem. "Und meinem Vogel ging es jedes Mal besser. Das ist das wichtigste."

Fleischlos-Politik

Dennoch stehen einige der 'Kein Fleisch'-Politik des Krankenhauses skeptisch gegenüber. Die Jain sind strikte Vegetarier, daher werden hauptsächlich sich vegetarisch ernährende Vögel angenommen. Aber auch einige fleischfressende Vögel gibt es, in diesem Fall eine Eule mit einem gestutzten Flügel und einige verletzte Adler, Falken und Milane in verschiedenen Käfigen.

"Diese Vögel können wir nicht zurückweisen, aber wegen der religiösen Einstellung, können wir ihnen dennoch kein Fleisch verfüttern", sagt Bhat. "Und daher geben wir alternative Eiweißquellen wie Soja, Panir-Frischkäse oder Obst."

Einige der Vogel-Liebhaber der Stadt sind damit überhaupt nicht einverstanden. "Das Krankenhaus leistet hervorragende Arbeit, aber Raubvögel mit Obst zu füttern ist ein Desaster", sagt Akshay Seth, ein Hobby-Ornithologe, der sich gut mit Delhis Vogelwelt auskennt. "Die Greifvögel haben keinen Stoffwechsel, der Obst oder Soya verdauen könnte. Indem sie das essen, sterben sie im Prinzip einen langsamen Tod. Es ist, als würde man einem Löwen Gras zu fressen geben."

Seth sagt, das Krankenhaus sollte stattdessen mit anderen Organisationen kooperieren, die für fleischfressende Vögel sorgen und ein ausreichendes Fleischangebot sicherstellen können. Das ist ein Vorschlag, der in dem von den Jain geführten Hospital wenig Anklang finden dürfte.

Abgesehen von diesem Fleischkrieg zweifelt kaum einer daran, dass das Vogelhospital in Alt-Delhi ein Segen für die Vogel-Bevölkerung der Stadt ist. Dr. Bhat unterbricht seinen geschäftigen Arbeitstag für eine Pause auf dem Dach, wo verschiedenste Vögel auftanken - aus Trögen mit medizinisch behandeltem Wasser und Körnerfutter, bevor sie sich wieder auf den Weg in die Lüfte über den chaotischen Straßen der Stadt machen. Für Bhat ist dies auch eine Art Medizin. "Es ist so entspannend ihnen zuzusehen", sagt er.