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Politik

Das unterschätzte Staatsoberhaupt

Die schärfste Waffe des Bundespräsidenten sei das Wort, heißt es. Wenn das stimmt, dann ist von Christian Wulff nur wenig zu erwarten, denn ein großer Redner ist er nicht. Doch die Skeptiker werden sich noch wundern.

Kommentar (Grafik: DW)

"Ein großer Erfolg braucht oft einen langen Atem", sagte Christian Wulff zu Beginn seiner ersten Rede als vereidigtes Staatsoberhaupt. Er spielte damit auf das 1995 von Christo und Jean-Claude verhüllte Reichstagsgebäude an. Fast 25 Jahre lang hatte das Künstler-Paar für seine faszinierende Idee gekämpft. Als der Traum in Erfüllung ging, freute sich Deutschland, freute sich die Welt. Einen langen Atem wird auch der neue Bundespräsident benötigen, um seinen Traum von einem noch besseren Deutschland zu verwirklichen.

Marcel Fürstenau (Foto: DW)

Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Denn dass dieses Land, dessen höchster Repräsentant Christian Wulff nun ist, schon eine Menge zu bieten hat, daran besteht für ihn kein Zweifel. Als Ankerpunkt für die Erfolgsgeschichte Deutschlands nach der selbst verschuldeten Katastrophe des Zweiten Weltkriegs machte der Nachfolger Horst Köhlers zurecht die Europäische Union aus, als "einzigartiges Friedens-, Werte- und Wohlstandsprojekt".

Nörgler mögen einwenden, Wulff habe lediglich Selbstverständlichkeiten ausgesprochen und fromme Wünsche formuliert, etwa wenn es um gleiche Bildungschancen unabhängig von Herkunft und Wohlstand geht. Wer so urteilt, sollte sich selbstkritisch fragen, was er in Wulffs Rede vermisst hat. Der Bundespräsident forderte, die Verursacher der Finanz- und Wirtschaftskrise zur Verantwortung zu ziehen - zu Recht. Wulff lobte aber ebenso zu Recht Politiker, Arbeitgeber und Gewerkschaften für ihr besonnenes Handeln, mit dem ein spürbarer Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert werden konnte. Ein Erfolg, um den uns viele auf der Welt beneiden.

Das neue Staatsoberhaupt ist zwar kein Redner von Gottes Gnaden, aber authentisch und glaubwürdig ist der 51-Jährige zweifelsohne. Ehrlichen Herzens freute sich der nunmehr ehemalige Regierungschef des Bundeslandes Niedersachsen über seine Begegnung mit dem Vater der von ihm ins Kabinett geholten Aygül Özkan. Sie ist die erste muslimische Ministerin in Deutschland. Wer dahinter taktisches Kalkül eines Berufspolitikers vermutet, macht es sich zu leicht. Es hätten ja auch andere auf diese Idee kommen können. Das gilt auch für Wulffs Entscheidung, mit Johanna Wanka die erste Ostdeutsche in eine westdeutsche Landesregierung zu berufen.

Der Christdemokrat Wulff, der als Bundespräsident seine Parteimitgliedschaft ruhen lässt, will Deutschland stärker internationalisieren und Brücken bauen zwischen Ost und West, zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Nun hat er fünf Jahre Zeit, seinen Worten Taten folgen zu lassen und aus seinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue in Berlin, eine Denkfabrik zu machen, wie er es sich vorgenommen hat.

Dass er dazu in der Lage ist, dafür steht seine politische Laufbahn, die er mit ins neue Amt bringt. Drei Anläufe hat er gebraucht, um 2003 Ministerpräsident Niedersachsens zu werden, sieben Jahre später wurde er im dritten Wahlgang zum Bundespräsidenten gewählt. Christian Wulff hat schon mehrmals bewiesen, einen langen Atem zu haben.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Kay-Alexander Scholz