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Wirtschaft

Das Treibhausgas unter den Füßen

Die deutsche Regierung will klimafreundliche Kraftwerke erproben lassen. Doch die Bürger fürchten sich vor unterirdischen Speichern, in die das abgeschiedene CO2 gepresst werden soll.

Blick auf die Vattenfall-Versuchsanlage zur CO2-Abtrennung in Spremberg(Brandenburg) Foto: AP/Matthias Rietschel

Vattenfalls CCS-Pilotprojekt

"Wir sind keine Versuchskaninchen!" Mit Plakaten an ihren Gartenzäunen protestieren Bürger in Ostbrandenburg derzeit dagegen, dass unter ihren Füßen flüssiges Kohlendioxid gelagert werden soll. Das sogenannte CCS-Verfahren (Carbon Dioxide Capture and Storage), bei dem das Klimagas im Kohlekraftwerk abgetrennt und als Flüssiggas in den Boden verpresst wird, löst Ängste aus. Die Leute fürchten, dass CO2 im Untergrund das Grundwasser vergiften oder an die Oberfläche treten und die Menschen umbringen könnte. Ob ein geplantes CCS-Kraftwerk des Energiekonzerns Vattenfall in seinem Wahlkreis überhaupt gebaut wird, sei zweifelhaft, meint der Bundestagsabgeordnete Hans-Georg von der Marwitz: "Vor allem liegt es an den Bürgern hier in der Region, die deutlich machen, dass diese Risikotechnologie für uns keine Zukunftsperspektive haben darf und haben kann."

Konkurrenz zu erneuerbaren Energien befürchtet

Die "Risikotechnologie" soll eigentlich die Menschheit schützen. Es reiche, so behauptet eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, die 1000 größten und schmutzigsten Kraftwerke und Industrieanlagen der Welt mit CCS auszustatten, um die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen um ein Drittel zu senken. Tatsächlich könnte CCS die Kohle als Energieträger mittelfristig akzeptabler machen. Skeptiker wie der Energie-Experte der Grünen im Bundestag, Oliver Krischer, fürchten, CCS könnte weltweit die Wende hin zu den Erneuerbaren verzögern. Die großtechnische und risikofreie Anwendung von CCS sei bisher ein Zukunftsversprechen, sagt Krischer. Länder wie Indien und China seien schlecht beraten, sich auf solche Versprechen zu verlassen: "Dann soll man lieber gleich den richtigen Weg gehen und auf erneuerbare Energien und Effizienztechnologien setzen."

Der schwedische Staatskonzern Vattenfall, der große Braunkohlekraftwerke in Ostdeutschland betreibt, sieht das anders. Er experimentiert seit 2009 in seiner Pilotanlage "Schwarze Pumpe" in Brandenburg damit, CO2 aus den Kohleabgasen herauszufiltern. Das Verfahren ist aufwendig. Künftige Kohlekraftwerke müssten mit Chemieanlagen ausgestattet werden, die fast die Hälfte des Werksgeländes einnehmen, erklärt Projektleiter Uwe Burchardt. Die zwei neuen Hauptkomponenten in der neuen Kraftwerkstechnik, die CO2-Anlage und die Luftzerlegungsanlage stammten aus dem Chemieanlagenbau: "In der CO2-Anlage erreichen wir einen Abscheidungsgrad von über 90 Prozent." Nachteile wie den hohen Eigenverbrauch an Energie, der den Wirkungsgrad des Kraftwerks senkt, hofft man in den Griff zu bekommen.

Zwei Greenpeace-Aktivisten halten auf dem Marktplatz der brandenburgischen Stadt Beeskow während einer Demonstration gegen die geplante unterirdische Speicherung von Kohlendioxid (CO2) vor dem Vattenfall CCS-Informationsbüro ein Transparent mit der Aufschrift Zeitbombe CO2-Endlager hoch. Foto: Patrick Pleul dpa

Bürgerprotest im brandenburgischen Beeskow

Die Akzeptanz ist das Problem

Vattenfall-Sprecherin Katarina Bloemer versichert: "Wir haben immer gesagt, dass wir in der Lage sind, etwa ab 2020 große kommerzielle Kraftwerke mit der CCS-Technologie bereitzustellen. Das ist der technologische Standpunkt. Was nicht in unserer Macht liegt, sind die politischen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen."

Größtes Problem in Deutschland sind derzeit die Ängste der Bevölkerung vor den Risiken von CO2-Lagerstätten in ihren Regionen. Für die Verpressung des Flüssiggases kommen ausgebeutete Erdgaslager und Salz führende Sandsteinschichten in großer Tiefe in Frage, die als Endlager geeignet erscheinen. Diese gibt es vor allem in Norddeutschland und unter der Nordsee. Die Landesregierungen der Küstenländer wollen mit Rücksicht auf ihre Bürger aber keine Speicher. Ob sich überhaupt noch Gegenden finden, die der CCS-Technologie auf die Beine helfen wollen, ist unklar. Brandenburg, wo der Konzern Vattenfall als Vorreiter aktiv ist, könne allein nicht das Weltklima retten, erklärte der dortige Regierungschef Matthias Platzeck angesichts der Bürgerproteste. Deutschland könnte somit als Versuchsfeld für das "saubere" Kohlekraftwerk ausfallen.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Aya Bach