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Kultur

Das Trauma nach dem Einsatz

"Posttraumatische Belastungsstörungen" heißt ein Krankheitsbild, mit dem Soldaten nach ihrem Einsatz häufig zu kämpfen haben. Am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg werden unter anderem Afghanistan-Veteranen behandelt.

Bundeswehrkonvoi im afghanischen Kundus, Quelle: dpa

Bundeswehrkonvoi im afghanischen Kundus

Seit drei Wochen ist Uwe D. in Behandlung im Bundeswehrkrankenhaus. Der Soldat hat zwei Afghanistaneinsätze mit heiler Haut überstanden. Doch auf seiner Psyche lastet seitdem ein Schatten. "Eiseskälte in gewissen Situationen, eine schon ablehnende Haltung der Tochter gegenüber und, und, und - viele kleine Dinge, die man selber nicht wahrhaben will, aber die andere durchaus an einem feststellen."

Todesängste, Hilflosigkeit und Entsetzten

Im Fall von Uwe war es die Ehefrau, die ihn zu einem Klinikaufenthalt motivierte. Nun ist er einer von 30 Patienten, deren Psyche als Reaktion auf ein Trauma noch Jahre später von Todesängsten, Hilflosigkeit und Entsetzten geschüttelt wird. Bei Uwe begann es mit einer alltäglichen Patrouillenfahrt, bei der er Zeuge eines schweren Unfalls wurde. "Ein beladener LKW pakistanischer Herkunft, mit Tierfellen überladen, ist umgekippt und auf eine Bäckerei aufgeschlagen", erzählt er. "Wir haben dann sofort begonnen, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln - das waren sechs Kameraden plus Einheimische - dort mit bloßen Händen zu graben." Als es gelungen war, den Lkw mit einem Wagenheber anzuheben, kroch Dittrich unter das Fahrzeug, wo er einen verletzten elfjährigen Jungen und zwei tote kleine Mädchen barg.

Trauerfeier für drei tote Soldaten im Mai 2007, Quelle: AP

Trauerfeier für drei tote Soldaten im Mai 2007

Ein Trauma ist eine Überforderung der Sinne und mit ihm geht eine emotionale Blockade der Psyche einher. "Das sind nicht einfach Erinnerungen, sondern sie sind immer verbunden mit ganz starken Körpersignalen: Herzrasen, Blutdruckanstieg, als wäre man immer noch in einer akuten Stresssituation, verbunden mit heftigen Emotionen - in der Regel starker Angst", erläutert Karl-Heinz Biesold, Chef der psychiatrischen Abteilung. "Der zweite Syptomkomplex ist eine ständig erhöhte Erregbarkeit, Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen und der dritte das Vermeidungsverhalten: Man vermeidet alles, was an das traumatische Erlebnis erinnern kann."

Angst um die Tochter

Er könne seine fünfjährige Tochter nicht wirklich an sich heranlassen, sagt Uwe D.: "Wenn man die kalte Nähe gespürt hat und das Häufchen Elend, das man noch auf den Armen hat, sieht man diese Bilder immer wieder und geht in die Schutzfunktion und stößt das wieder ab", erklärt er. Schrittweise nähern sich Therapeut und Patient den verstörenden Bildern und Gefühlen, in der Fachsprache Traumaexposition genannt. Neben Elementen aus der Verhaltenstherapie wird dabei immer häufiger die Augenbewegungstherapie (EMDR) verwendet, die in ihrer kurzen Geschichte sensationelle Erfolge verbuchen kann, obgleich niemand genau weiß, wie sie funktioniert.

Soldaten des 373 Batalions der Bundeswehr patroullieren in der afghanischen Hauptstadt Kabul, Quelle: AP

Soldaten des 373 Batalions der Bundeswehr patroullieren in der afghanischen Hauptstadt Kabul

Um das von der amerikanischen Psychologin und Literaturwissenschaftlerin Francine Shapiro entdeckte Verfahren rankt sich ein regelrechter Mythos: Der geschulte Therapeut bewegt dabei seine Hand vor den Augen des Patienten. Durch die rechts - links Stimulation entstehen Augenbewegungen wie in der REM - Phase beim Träumen. Sie sollen angeblich Blockaden lockern, die einen Transport des Gefühls in der rechten Gehirnhälfte zur linken, dem Sprachzentrum, verhindern. Zum Teil ist dieser Theorieansatz schon widerlegt. Dennoch ist die Technik höchst effektiv, wenn sie dosiert eingesetzt wird.

Den Körper kann man nicht betrügen

"Es läuft nicht so zauberhaft, dass mit einer Sitzung alles beseitigt ist", sagt Biesold. EMDR sei nur ein Element der Psychotherapie und könne beispielsweise lediglich drei von insgesamt 40 Therapiestunden ausmachen. "Das eine harte Arbeit für den Patienten und für den Therapeuten."

Als geheilt gilt der Patient, wenn er gelassen und ohne übermäßig starke körperliche Reaktionen von dem Trauma erzählen kann. "Die Amerikaner sagen: The body makes the score, also: Den Köper kann man nicht betrügen", sagt Biesold, "Das kontrollieren wir bei der Therapie: Wann reagiert der Köper nicht mehr oder in erträglichem Maß? Wenn der Körper Ruhe gibt, haben wir das Trauma ausreichend verarbeitet."

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