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Amerika

Das Trauma der Stadt

Die jüngere Geschichte Mexikos und Argentiniens ist von politischer Gewalt und Repression geprägt. In den Hauptstädten Mexiko und Buenos Aires wird mit diesem Trauma ganz unterschiedlich umgegangen.

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Am 2. Oktober 1968 richteten mexikanische Soldaten ein Blutbad unter demonstrierenden Studenten auf dem Plazt der drei Kulturen an

Mexiko ist eine dreifach traumatisierte Stadt, sagt die deutsche Kulturwissenschaftlerin und Publizistin Anne Huffschmid. Da sei zunächst das Trauma der Conquista – die Spanischen Eroberer haben die alte Aztekenmetropole Tenochtitlan zerstört um auf den Trümmern ihre eigene Stadt zu erbauen. Das zweite große Trauma sei das Erdbeben von 1985. Zehntausende Menschen kamen unter den Trümmern der einstürzenden Häuser ums Leben. Traumatisch sei diese Erfahrung für die Mexikaner aber vor allem gewesen “weil die Hilfsarbeiten und der Versuch die Verschütteten aus den Trümmern zu bergen von der Regierung und den Machthabern damals nicht etwa gefördert sondern behindert wurden. Das gilt als die Geburt der zivilen städtischen Bewegung in Mexiko Stadt.

Öffentlicher Massenmord als Trauma

Als ein erster Vorläufer dieser zivilen Protestbewegung in Mexiko kann die Studentenbewegung von 1968 gelten. Am 2. Oktober, kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele besetzten die streikenden Studenten der Autonomen Universtität von Mexiko den Platz. Die Regierung ging mit Panzern und schwer bewaffneten Einheiten brutal gegen die Demonstranten vor. Bis heute ist nicht bekannt wer die Toten sind, und bis heute ist nicht bekannt, wer die Mörder sind. “Es gibt ein allgemeines abstraktes Wissen, dass etwas passiert ist. Es gibt eine Menge Augenzeugen. Das Massaker ist im öffentlichen Raum der Stadt auf der Plaza de Tlatelolco passiert. Aber es gibt zugleich einen großen Schleier des Nichtwissens was die genaue Identität, die genaue Anzahl und die Identifizierung der Toten angeht, und wer den Finger am Abzug hatte. Das ist erst das was einen Massemord zum Trauma macht.“

Mexiko Protestaktion

Alljährliches Ritual: Demonstration zum Gedenken an die Opfer des Massakers von Tlatelolco

Das Gedenken an das Massaker ist zu einem Ritual erstarrt, so die Beobachtung von Anne Huffschmid. Zu den alljährlichen Demonstrationen kommen vor allem jüngere Menschen, Studenten, Aktivisten aus der linken Szene. Zeitzeugen von damals meiden das Gedenkritual. Lediglich ein Gedenkstein erinnert an die Toten von Tlatelolco.

Der Platz der drei Kulturen, zwar im Zentrum von Mexiko gelegen, sei kein lebendiger Ort, er sei nicht Teil des städtischen Lebens. “Im Grunde bevölkern diesen Ort nur Menschen, die dort wohnen, oder an diesen ritualisierten Gedenktagen, wie der 2. Oktober 1968, der jedes Jahr aufs Neue mit einer Protestkundgebung zelebriert wird.“

Die Bühne der Stadt

Szenenwechsel: Buenos Aires, Plaza de Mayo. Rund um den Platz vor dem Präsidentenpalast Casa Rosada braust der Verkehr der Großstadt. Die Plaza de Mayo ist, wie die Plaza de Tlatelolco, ein Erinnerungsort, und zugleich ist sie der zentrale Platz, die zentrale Bühne der Stadt.

Seit dem 30. April 1977, umrunden die Mütter der Plaza de Mayo jeden Donnerstag eine halbe Stunde lang stumm den Platz. Proteste im Stehen wurden seinerzeit von den Militärs verboten. Die Mütter suchen nach ihren von den Schergen der Militärdiktatur entführten Kindern, die bis heute verschwunden sind. Die Mütter der Plaza de Mayo haben keinerlei Gedenkstein auf diesem Platz hinterlassen, was zuweilen von einigen Gruppen reklamiert wird, resümiert Anne Huffschmid. “Das einzige was eine sehr mächtige Präsenz ist, sind die auf den Boden gemalten Kopftücher, das Emblem der Madres de Plaza de Mayo. Sie haben es geschafft sich in ihrer seit mehr als 30 Jahren währenden Aneignung dieses Platzes auch in das politische und in das juristische Zentrum des Landes einzuschreiben.“

Die Mütter vom Plaza de Mayo

Wo sind unsere Kinder? Die Mütter der Plaza de Mayo demonstrieren seit über 30 Jahren.

Die Madres betreiben eine eigene Zeitung, eine Buchhandlung, einen Radiosender und eine Universität. 2007, 30 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen in der Öffentlichkeit wurden die mittlerweile betagten Mütter mit einem Festakt in Buenos Aires sowie mit zahlreichen Veranstaltungen geehrt. Ihrer Beharrlichkeit ist es mitzuverdanken, dass unter Präsident Nestor Kirchner vor sechs Jahren die Amnestiegesetze, die die Militärs vor strafrechtlicher Verfolgung schützten, aufgehoben und für verfassungswidrig erklärt wurden. Seitdem sind zahlreiche hochrangige Militärs vor Gericht gestellt worden.

Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen

Doch noch immer suchen die Mütter, die inzwischen vielfach Großmütter sind, nach ihren verschwundenen Kindern und nach ihren zur Zwangsadoption freigegebenen Enkeln. “Argentinien hat in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Ländern Lateinamerikas eine sehr vielversprechende Menschenrechts- und Erinnerungspolitik begonnen. Aber auch in Argentinien ist dieser Prozess noch lang nicht abgeschlossen.“

Der Platz der drei Kulturen in Mexiko und die Plaza de Mayo in Buenos Aires werden so lange das Trauma dieser Städte symbolisieren, wie die Verantwortlichen für das Massaker von Tlatelolco und für das Verschwindenlassen in Argentinien nicht bestraft sind.

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