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Sport

Das Tor, das keines war

Bayern-Spieler Thomas Helmer bekommt einen Treffer zugesprochen, den er nicht erzielt hat. Es liegt keine Verwechslung vor, der Linienrichter hat den Ball im Tor gesehen: Das Phantomtor von München.

Das Phantomtor von Thomas Helmer

Das "Phantomtor" von Thomas Helmer

23. April 1994. Es ist der drittletzte Spieltag der Saison 1993/94. Spitzenreiter Bayern München steht kurz vor der Meisterschaft und empfängt im Derby den 1. FC Nürnberg. Für den "Club" geht es gegen den Abstieg. Das Stadion ist ausverkauft. Die 63.000 Fußballfans, darunter auch Tennisstar Boris Becker, werden Zeuge einer der kuriosesten Geschichten der Bundesliga-Geschichte.

Spielstand 0:0, es läuft die 24. Minute. Die Bayern bekommen eine Ecke zugesprochen. Der Ball fliegt von rechts in den Strafaum, wird verlängert und kommt zu Thomas Helmer. Kurzes Gestocher im Fünfmeterraum, Nürnbergs Torwart Andy Köpke taucht ab, Helmer bugsiert den Ball aus kürzester Distanz links am Tor vorbei. Helmer und Torwart Köpke klatschen sich ab, der Stürmer hilft dem Torwart freundschaftlich wieder auf die Beine. Situation vorbei. Oder auch nicht. Plötzlich der Pfiff: Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers entscheidet auf Tor. Köpke kann es nicht fassen, greift sich mit beiden Händen an den Kopf, die Bayern-Spieler jubeln.

Linienrichter sieht Ball im Tor

"Ich selbst konnte es nicht entscheiden", erklärt Osmers später. "Ich hatte meine Zweifel." Er habe auf die Entscheidung seines Linienrichters gewartet. "Aufgrund dieses Zeichens des Linienrichters habe ich diese Entscheidung getroffen." Linienrichter Jörg Jablonski ist sich sicher: Der Ball ist hinter der Linie. Das Phantomtor von München ist geboren. Und Phantomtorschütze Helmer widerspricht nicht. "Meine einzige Erklärung, warum auf Tor entschieden wurde, war, dass der Ball vielleicht vorher möglicherweise hinter der Linie gewesen ist. Das war er natürlich nicht." Er entschuldigt sich damit, es nicht gesehen zu haben. "Deswegen zögert man dann zehn, 15 Sekunden. Und die sind dann auch schon zu lang." Bayern geht in Führung und gewinnt die Partie mit 2:1 – auch, weil der frühere Bayern-Spieler Manfred Schwabl einen Elfmeter für die Nürnberger verschießt.

Morddrohungen gegen Schiedsrichter

Für das Schiedsrichter-Gespann beginnt ein Spießrutenlauf durch die Medien. Osmers steht Rede und Antwort. "Schlimm ist es für meine Familie. Das ging von Morddrohungen über ganz üble Beschimpfungen. Die letzten Stunden waren schon sehr schlimm."

Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers (l) und sein Linienrichter Jörg Jablonski waren als Zeugen vor das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geladen.

Die Schiedsrichter Osmers (l.) und Linienrichter Jablonski (2.v.l.) vor dem Sportgericht des DFB

Der 1. FCN legt Protest ein und bekommt Recht: Der Deutsche Fußball Bund annulliert die Tatsachenentscheidung von Osmers und damit die Partie. Im Wiederholungsspiel brauchen die Bayern dann keine Hilfe mehr: Sie fertigen den 1. FC Nürnberg mit 5:0 ab. Bayern wird Meister, Nürnberg steigt ab. Bei einem Unentschieden hätte es übrigens keinen Protest gegeben. Dann wäre der 1. FC Kaiserslautern Meister geworden. Und der SC Freiburg wäre statt Nürnberg abgestiegen.

Osmers hadert an seiner Fehlentscheidung bis heute: "Ein Super-Gau, der mit da passiert ist. Die Szene wird ja immer wieder in den Medien gezeigt. Man wird auch hier und da mal wieder darauf angesprochen. Insofern kann ich das überhaupt nicht löschen. Man kann das vielleicht so krass und deutlich sagen: Da werde ich mit ins Grab kommen."

Linienrichter Jablonski wurde in die Regionalliga versetzt, Schiedsrichter Osmers pfiff noch ein Jahr. Berühmt geworden sind beide durch ein Tor, das es nie gegeben hat.

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