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Kultur

Das Theater zieht in den Krieg

Kann man die Welt der Waffen verstehen? Dieser Frage geht die Regiegruppe Rimini Protokoll auf der Ruhrtriennale nach. Die Besucher schlüpfen in die Haut von Schützen, Opfern oder Friedensaktivisten.

Eine Bühne gibt es nicht, auch keinen Zuschauerraum. Jeder, der "Situation Rooms" besucht, ist Teil der Aktion und erlebt sein eigenes Stück. Mit einem Tablet-Computer in der Hand und Kopfhörern auf den Ohren lernt der Besucher die Geschichten von zehn Menschen kennen. Das verbindende Element sind der Krieg und der Waffenhandel. Manche profitieren vom Geschäft mit dem Töten, manche kämpfen dagegen, andere sind oder waren Opfer. 20 Erlebnisse gibt es insgesamt zu hören. Es sind sehr persönliche Einblicke. Der Zuschauer muss dabei selber aktiv werden: sich auf den Boden legen, um ein Ziel ins Visier zu nehmen, eine schusssichere Weste anziehen, andere Menschen auf versteckte Waffen abtasten. Der Tablet-Computer funktioniert wie ein audiovisueller roter Faden im Labyrinth eines in der Bochumer Turbinenhalle eigens errichteten mehrstöckigen Gebäudes. Jeder Raum bringt eine neue Begegnung: mit Managern von Rüstungskonzernen, Friedensaktivisten oder Bootsflüchtlingen.

Zuschauer als Akteur

Ein Konferenzraum als Theaterschauplatz bei Situation Rooms (Foto: Ruhrtriennale/Jörg Baumann)

Schauplatz der Situation Rooms von Rimini Protokoll ist nicht Washington, sondern Bochum

"Situation Room", so nennt sich der mit Hightech ausgestattete kleine Raum im Weißen Haus in Washington, der zu nichts anderem da ist, als in Echtzeit Informationen vom Krieg zu übertragen. Eine Ahnung, wie es darin aussieht, vermittelte ein Foto, das um die Welt ging: Es zeigte US-Präsident Barack Obama und sein Team, die am 1. Mai 2011 live die Jagd auf Osama bin Laden bis hin zu seiner Erschießung in Pakistan verfolgen. Die labyrinthisch angeordneten "Situation Rooms", die das deutsche Regietrio Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll im Rahmen der Ruhrtriennale aufgebaut haben, basieren ebenfalls auf der Idee von Simultanität und echten Ereignissen.

Protokolle des Realen

Da ist zum Beispiel Yaoundé Mulamba Nkita. Er lebte früher im Kongo und wurde mit neun Jahren zum Kindersoldat. Der Zuschauer betritt den ärmlichen Klassenraum, in dem Nkita einst zwangsrekrutiert wurde. An der Wand hängt eine Fahne. Jeden Morgen musste Nkita die Fahne hochziehen. Jetzt wird der Zuschauer aufgefordert, sie zu hissen, während Nkitas Stimme dazu die Hymne des damaligen Zaire singt. Er erzählt, wie er von der Rebellenarmee Laurent-Désiré Kabilas geholt wurde. Eines Tages drang sie in die Schule ein und ernannte den Jungen zum Soldaten. Nicht zuletzt sein Einsatz verhilft Kabila zum Sieg. Mit 14 Jahren wird Nkita in die Präsidentengarde befördert.

Normale Leute sprechen lassen

Maschinengewehr hängt an einer Wand (Foto: Ruhrtriennale/Jörg Baumann)

Auf der weltgrößten Waffenmesse werden Waffen wie Nähmaschinen angeboten

Es ist das Markenzeichen des Regietrios Haug, Kaegi und Wetzel, nicht mit Schauspielern zu arbeiten. Der Zuschauer wird mit Lebensgeschichten von normalen Menschen konfrontiert. Mal sind es Müllmänner in Istanbul, mal sind es afrikanische Geschäftsleute, Behinderte oder Stadtbewohner, die als Experten des Realen sich selbst spielen.

Mit "Situation Rooms" betritt Rimini Protokoll Neuland. Nicht nur technisch. Es ginge ihnen darum, eine "besondere Art von Nähe" herzustellen, der sich der Besucher nicht entziehen könne, erklärt Kaegi. Ob er will oder nicht, schlüpft der Zuschauer in die Rolle des Drohnenpilotens genauso wie in die des Entwicklers für Sicherheitstechnik, der in der Branche auch "Armani der Ballistik" heißt. Oder des Chirurgen im OP, der in Sierra Leone im Einsatz ist. "Uns war sehr wichtig, die Ecken zu porträtieren, wo die Waffen nicht nur hergestellt werden, sondern auch benutzt werden", erklärt Stefan Kaegi den Ansatz von Rimini Protokoll. Deshalb führt das Trio die Zuschauer an globale Kriegsschauplätze wie Israel, Afrika, Südamerika genauso wie in den Schwarzwald, wo in der Kleinstadt Oberndorf die Rüstungsfabrik Heckler & Koch Kriegswaffen in 80 Länder exportiert.

Einblick statt Überblick

"Alle 14 Minuten wird ein Mensch erschossen mit einer Kugel aus einem Gewehr von Heckler & Koch", sagt Ulrich Pfaff dem Zuschauer per Kopfhörer. Der Theologe und Friedensarbeiter ist in Oberndorf aufgewachsen. Er erzählt, dass sein Vater einst Arbeiter der NS-Waffenfabrik Mauser war. Aus dem Dachfenster seines Elternhauses konnte er auf das Lager der dort beschäftigten Zwangsarbeiter schauen. Jetzt führt das schwäbische Rüstungsunternehmen Heckler & Koch in erschreckender Kontinuität das Geschäft am selben Ort fort.

Blick auf eine Schießanlage (Foto: Ruhrtriennale/Jörg Baumann)

"Um ein guter Schütze zu sein, musst du regelmäßig trainieren", erzählt ein Sportschütze.

Manche Fakten mögen dem Zuschauer bekannt sein. Trotzdem wird er sich eines Schauders nicht erwehren können, wenn Pfaff erzählt, dass das von ihm errichtete Mahnmal, das an die NS-Zwangsarbeiter erinnert, regelmäßig verwüstet wird. Geld scheint keine Moral zu kennen. Schließlich profitiert ganz Oberndorf vom florierenden Geschäft mit dem Töten.

Ähnliches erzählt Jan van Aken von seinen Reisen nach Abu Dhabi, wo er die weltgrößte Waffenmesse besucht. "Hier findet man jede erdenkliche Waffe, die werden hier so normal angeboten wie Nähmaschinen auf einer Verbrauchermesse. Der einzige Unterschied zu anderen Messen ist, dass hier das Endprodukt nicht gezeigt wird. Die ganzen Leichenberge sieht man hier nicht." Van Aken sitzt seit 2009 für die Partei DIE LINKE im Deutschen Bundestag. Vorher war er Biowaffen-Inspektor bei den Vereinten Nationen.

Der Zuschauer begibt sich 80 Minuten lang auf Spurensuche im verwirrenden Geschäft mit den Waffen. Er darf es sich nicht im Theatersessel bequem machen, sondern muss sich von komplexen Informationen und persönlichen Geschichten bombardieren lassen. Welchen Reim er sich darauf macht, ist ihm selbst überlassen. So nah sind wohl die meisten Zuschauer von "Situation Rooms" der Welt des Krieges noch nie gekommen.

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