1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Das teure Buch der Gesichter

Microsoft kauft sich mit 240 Millionen Dollar beim Online-Netzwerk Facebook ein. Dafür erhält der Konzern einen kleinen Teil der Firma und die Hoffnung, einen neuen Paradigmenwechsel im Internet mitzugestalten.

facebook Mark Zuckerberg headshot, as Facebook.com founder, photo on black

Mark Zuckerberg hat ein unwiderstehliches Angebot erhalten. Das Software-Unternehmen Microsoft hat dem jungen Firmengründer umgerechnet 167 Millionen Euro auf den Tisch gelegt, um sich den bescheidenen Anteil von 1,6 Prozent seines Unternehmens zu sichern. Kein schlechter Preis für eine Internetseite, die vor weniger als vier Jahren in einem Studentenwohnheim der Harvard-Universität zum ersten Mal online ging. Der heute 23-jährige Zuckerberg begann damals, eine interaktive Webseite zu programmieren, auf der Studenten Nachrichten, Fotos und Videos austauschen können, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Das "Facebook", ein soziales Online-Netzwerk, entwickelte er anfangs für seine Kommilitonen an der Harvard-Universität. Mittlerweile hat Facebook knapp 50 Millionen Mitglieder weltweit und ist eine der am schnellsten wachsenden Communities im Internet. Nach Facebook-Angaben melden sich täglich über 200.000 neue Mitglieder an.

Die Vereinbarung mit Microsoft, die Facebook am Mittwoch (24.10.2007) verkündete, bewertet die Firma des ehemaligen Informatikstudenten nun mit einem Gesamtwert von 15 Milliarden Dollar (10,5 Milliarden Euro). Nach traditionellen betriebswirtschaftlichen Maßstäben eine wahnwitzige Summe, denn der Online-Service wird dieses Jahr schätzungsweise "nur" rund 30 Millionen Dollar Profit einfahren. Die 580 Millionen Dollar, die der australische Medienmogul Rupert Murdoch 2005 für den Facebook-Konkurrenten MySpace hinblätterte, nehmen sich dagegen wie ein Schnäppchen aus.

Google dominiert Werbemarkt

Kombo mit Logos von Google und DoubleClick (Quelle: DW)

Werbemacht im Internet: Google schluckte im April 2007 den Online-Werbevermarkter DoubleClick

Die vermeintlichen Unsummen investiert Microsoft in erster Linie für das Potenzial, das in dem jungen Unternehmen steckt und die Chance – vielleicht die letzte – im schnell wachsenden Online-Werbemarkt zum Erzrivalen Google aufzuschließen. Der hatte sich im April für umgerechnet 2,2 Milliarden Euro den Online-Werbevermarkter DoubleClick einverleibt. Anfang August sicherte sich Google auch die Rechte, um MySpace-Werbeplatz zu vermarkten. Diesen Job übernimmt Microsoft nach der Vereinbarung nun für Facebook: Bannerwerbung auf den Mitgliederseiten von Facebook vermarktet künftig der Software-Riese.

"Facebook ist nicht nur aufgrund seiner Reichweite, sondern auch wegen seiner Zielgruppe – Studenten und junge Berufstätige – eine höchst interessante Werbeplattform", sagt Inger Paus , Pressesprecherin von Microsoft Deutschland. Der Konzern habe das Ziel, einer der führenden Anbieter für Online Werbung zu werden. "Darin liegt auch das Potenzial der erweiterten strategischen Partnerschaft zwischen Facebook und Microsoft."

Facebook - "Betriebssystem des Internet"

Screenshot mit Internet-Werbebannern

Umsatzzuwächse mit Bannerwerbung im Internet

Experten erwarten in den kommenden Jahren einen weiter stark wachsenden Online-Werbemarkt – ein Markt auf dem sich Facebook als Schwergewicht ankündigt. Werber können auf Facebook gezielt und unkompliziert Millionen von Menschen ansprechen. Möglich macht dies das Universum an persönlichen Daten, die Mitglieder freiwillig zur Verfügung stellen, darunter Informationen über Alter, Geschlecht, Hobbys und Interessen, Freunde, Netzwerke oder Adressen: Wer auf Facebook nach Freunden sucht, wird auch von der Werbung gefunden.

Doch die kommerzielle Bedeutung von Facebook geht weit über Werbeaspekte hinaus. Viele Menschen haben Facebook auf ihren Internetbrowsern bereits zur Startseite gemacht – und Google und Microsoft damit einer wichtigen Präsenz auf Privatrechnern beraubt. Die durchschnittliche Verweildauer der User auf ihren Mitgliedsseiten ("Profile") betrage täglich im Schnitt 20 Minuten, heißt es bei Facebook. Im Web ist dies eine kleine Ewigkeit. "Facebook ist dabei, zum Betriebssystem des Internet zu werden", sagt Igor Schwarzmann, Web 2.0-Experte bei der PR-Agentur Pleon. "Das Portal macht durch seine vielfältigen eingebetteten Anwendungen aus der Sicht vieler User separate Multimediaprogramme oder Email-Software wie Microsoft Outlook beinahe überflüssig", so Schwarzmann.

Neuer Paradigmenwechsel

Konkurrent MySpace ist zwar immer noch Marktführer bei den Social-Networking-Webseiten. Doch die Dinge dort seien ins Stocken geraten, sagt Schwarzmann. "Die Mitgliederzuwächse fallen immer geringer aus. MySpace läuft augenblicklich der Entwicklung hinterher – Facebook definiert sie." Nicht zuletzt weil das Portal seinen Mitgliedern die Möglichkeit gebe, ohne größeren Aufwand eigene Anwendungen für Facebook zu programmieren.

Menschen vor Bildschirmen in Internetcafe (Quelle: AP)

Facebook verändert das Web-Verhalten der Internetnutzer

Mit seiner Investition hat Microsoft nicht nur die Werbevermarktung bei Facebook übernommen. Im Internet zeichnet sich ein neuer Paradigmenwechsel ab, bei dem der Konzern offenbar nicht außen vor bleiben will: Bislang zielte Interaktivität vor allem darauf ab, die Internetnutzer in die virtuelle Welt zu integrieren und sie dort mit Informationen oder Dienstleistungen zu versorgen, sagt Internetsoziologe Andreas Schelske von 4communication. "Nun kommt das Web wieder in die physische Lebenswelt der Menschen zurück." Die User gäben sich nicht mehr nur durch Benutzernamen oder virtuelle Identitäten zu erkennen. "Durch die Vielzahl der realen, persönlichen Informationen kann das Internet nun Inhalte zur Verfügung stellen, die auf den Einzelnen und seine Lebenssituation vor Ort zugeschnitten sind."

User werfen Vorsicht über Bord

Doch Igor Schwarzmann mahnt zur Vorsicht. Im Hype um die Möglichkeiten, die Seiten wie Facebook eröffnen, ließen viele User wenig Vorsicht walten. "Internetnutzer geben persönliche Informationen in bisher nicht gekanntem Ausmaß preis. Wie diese Daten tatsächlich genutzt werden, ist vielen Usern nicht bewusst – und sie interessieren sich offenbar auch nicht besonders dafür."

Für Facebook und Co. lauern noch andere Gefahren am Horizont. Denn möglicherweise ist der Boom der Social-Networking-Sites am Ende eine Illusion, die ebenso zerplatzt, wie die Dotcom-Blase 2001. Auch wenn Mark Zuckerberg am Ende wieder zu einem gescheiterten Genie werden sollte – richtig verarmen wird er vorerst nicht.

Die Redaktion empfiehlt