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Musik

Das Techno-Trio Scooter: "Größenwahn ist ein Stilmittel"

Mit ihrem neuen Album "Ace" geht die deutsche Kultband jetzt auf Tour. Im DW-Interview sprechen Scooter über Selbstironie, den Erfolg in kalten Ländern und Techno im fortgeschrittenen Alter.

Deutsche Welle: Wie fühlt es sich an, mit den neuen Songs auf die Bühne zu gehen?

H.P. Baxxter: Am Anfang ist da immer so eine leichte Nervosität, ob es mit dem Text klappt. Aber ich bin mir relativ sicher, dass es funktioniert. Ich habe sie öfter geübt und wir haben sie schon bei DJ-Sets performt. Aber, ich glaube, das ist heute das erste Mal, dass wir sie richtig auf der Bühne spielen.

Das neue Album "Ace" hat ja einen neuen poppigeren Sound. Wie ist der entstanden?

H.P. Baxxter: Wir haben eine neue Besetzung. Phil (Phil Speiser, der österreichische Produzent, ist seit 2014 Scooter-Mitglied. Anmerkung der Redaktion) sitzt jetzt am Mischpult. Da hast du automatisch eine andere Arbeitsweise und auch einen anderen Sound. Es bringt nichts, etwas retromäßig am Leben zu erhalten. Wir haben zwar ein Riesenrepertoire an Klassikern und typischen Scooter-Techno-Sachen. Man muss aber auch versuchen, sich hin und wieder neu zu erfinden und das Ganze so zu transformieren, dass es in die Neuzeit passt.

Scooter mit DW-Reporterin Outi Turunen (Foto: DW)

Scooter mit DW-Reporterin Outi Turunen

Phil, wie siehst du deinen Anteil am neuen Scooter-Sound?

Phil Speiser: Ich glaube, H.P. meint, dass ich automatisch ein bisschen anders produziere als zum Beispiel in den 90er Jahren – schon allein dadurch, dass ich jünger bin. Ich kann diesen Sound von damals nicht authentisch produzieren, weil das einfach nicht meine Zeit als Musiker war. Unsere neuen Sachen klingen aber trotzdem nach Scooter, weil H.P. und Michael weiterhin großen Einfluss haben.

Gibt es da auch Reibungen untereinander?

Phil Speiser: Sie haben manchmal komische Begriffe für bestimmte Dinge (lacht). Es gibt ja gerade bei der Musikproduktion Dinge, für die es keine Worte gibt. Aber die Jungs haben ihre eigenen Begriffe etwa für bestimmte Sounds, die dann selbstverständlich genannt werden, als ob die im Duden stehen würden. Da weiß ich natürlich überhaupt nicht, worum es sich handelt. Mittlerweile kenne ich die Begriffe aber schon.

"How much is the fish?" oder "Respect to the man in the ice cream van": Wie entstehen Eure Texte? Stichwort: "Lyrical Madness". Ich nehme mal an, dafür ist immer noch H.P. verantwortlich.

H.P. Baxxter (Foto: picture alliance)

Rave nonstop: Scooter gibt es seit 23 Jahren

H.P. Baxxter: Vieles schnappe ich einfach auf oder ich mache mir Notizen, wenn ich eine Idee habe. Das passiert oft außerhalb des Studios. Zum Beispiel waren wir neulich in Irland. Dort habe ich einen Spruch in einem Pub gesehen: "Don't take life too seriously, you won’t get out alive anyway." Das fand ich witzig, und das passte dann auch super zur Single "Oi", die ja mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. In letzter Zeit habe ich viele Texte mit Phil zusammen entwickelt. Der hat sich beispielsweise auch Gedanken zur Rhythmik gemacht hat.

Phil Speiser: Ich habe gemerkt, dass ich inzwischen viel empfänglicher geworden bin für wirre Phrasen. Wenn ich durch den Alltag gehe, schnappe ich Sachen auf, die ich sonst - vielleicht auch zu Recht - herausgefiltert hätte.

H.P. Baxxter: Das ist eine selektive Wahrnehmung für Irrsinn (lacht).

Auf dem neuen Album ist sogar eine Ballade, bei der H.P. tatsächlich singt statt zu shouten: "Torch" ist eine Coverversion des Songs der britischen 80er-Jahre-Band Soft Cell. Wie kam es dazu?

H.P. Baxxter: Das ist fast eine Tradition bei Scooter, dass ich ab und zu meine New Wave-Vergangenheit aufarbeite. Wir haben auch schon Songs von den Sisters of Mercy oder Billy Idol gemacht.

Phil Speiser: Auf dem Album ist das quasi das Outro. Im schlimmsten Fall, wenn jemand keinen Bock auf H.P. als Balladensänger hat, kann er das Album dann auch einfach ausmachen. Aber ich glaube, viele freuen sich darüber.

H.P. Baxxter: Oder er hört sich nur dieses Lied an und sagt: "Guck mal, dieses schöne Lied! Warum machen die denn nicht nur solche Musik?" (lacht)

H.P. Baxxter auf dem Polar Sound Festival in Finnland (Foto: DW)

H.P. Baxxter (51) in Aktion auf dem Polar Sound Festival in Finnland

Woran liegt es, dass ihr - neben Deutschland - vor allem in nördlichen Ländern auftretet wie auch in Norwegen und Russland?

H.P. Baxxter: Ja wir sind oft in kalten Regionen. Ich würde auch gerne mal in Südfrankreich auftreten (lacht). Irgendwie scheint das mit der Musik zusammenzuhängen. Wahrscheinlich sind die Leute zu relaxt, wenn es warm ist. Da hört man dann lieber Chillout-Musik oder Reggae oder was weiß ich.

Michael Simon: Das Reisen ist das Schöne am Musikmachen. Du siehst halt die Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jeden Tag von 9 bis 16 Uhr in ein Büro gehe und das dann zehn, zwanzig, dreißig Jahre lang mache.

In eurer Musik, in eurem Auftreten und vor allem in den Texten gibt es oft Selbstironie. Ist das auch eine Art, mit Kritik umzugehen?

H.P. Baxxter: Für mich ist das überhaupt eine Art, mit dem Leben umzugehen. Ich nehme alles nicht ganz so ernst. Im Gedanken an den Tod wirkt alles lächerlich, auch wenn das vielleicht extrem klingt. Manchmal belustigt es mich, wenn die Leute ganz ernsthaft über den Text philosophieren und sagen: "Was ist das für ein Quatsch?" Auch jetzt bei der Single "Oi". Im Text singe ich "Everywhere I go, all the ladies wanna touch me". Natürlich ist das eine Mischung aus Wunschvorstellung und Selbstverarschung. Aber ich finde es ja auch schön, wenn es mal etwas zu lachen gibt.

Michael Simon, H.P. Baxxter, Phil Speiser (Foto: Kontor Records)

Sie sind Scooter: Michael Simon, H.P. Baxxter, Phil Speiser



Phil Speiser: Größenwahn ist ja sowieso ein beliebtes Stilmittel. Das ist ja auch im HipHop nicht anders. Nicht jeder, der über seine 30 Ferraris und 200 hübschen Frauen rappt, hat die tatsächlich auch zu Hause. Das ist eher die Ausnahme.

Phil, wie waren die Reaktionen in deinem Kollegen- und Freundeskreis, als du vor zwei Jahren gesagt hast, du gehst zu Scooter?

Phil Speiser: So wie alle Reaktionen bezüglich Scooter sind – erst mal natürlich gemischt. Meistens sehen es Leute kritisch, die Scooter noch nie erlebt haben. Aber im Endeffekt habe ich ja wirklich das Glück, dass Scooter in dem Moment, als ich gekommen bin, schon einen gewissen Kultstatus erreicht hatten. Dieser enorme Respekt war schon da. Ich musste nicht die harte Zeit mitmachen, in der alle Scooter in Frage gestellt haben. Als ich gekommen bin, waren Scooter schon Kult.

Wie schafft man es, nach mehr als 20 Jahren immer noch Hits zu schreiben? Ihr hattet über 50 Singles in den deutschen Top 100. Das ist wohl ein Rekord.

H.P. Baxxter: Das ist schon anstrengend auf Dauer. Aber ich gehe immer noch gerne auf die Bühne. Und ich freu mich auch immer, wenn wir wieder ein paar neue Tracks dabei haben. Es macht nach wie vor Spaß, ist aber natürlich auch eine Menge Arbeit.

Wann ist man für Techno zu alt?

H.P. Baxxter: Ich glaube, das ist eine Einstellungssache. Vielleicht dann, wenn man müde wird oder keine Lust und keine Motivation mehr hat. Das kommt vielleicht irgendwann - oder auch nicht. Das kann jeder nur für sich selber rausfinden.

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