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Wissen & Umwelt

Das Taschentuchlabor

Einmal ins Taschentuch geschnäuzt - und schon weiß man, ob man eine Grippe oder nur eine schnöde Erkältung hat. Was sich wie Zukunftsmusik anhört, wird in deutschen Labors entwickelt und getestet.

Frau niest (Foto: drubig-photo/Fotolia)

Das Taschentuch als Diagnose-Helfer?

Und schon wieder Schnupfen - oder doch eine Grippe? Wäre es nicht praktisch, wenn unser Taschentuch uns nach dem Schnäuzen bei der Diagnose helfen würde? An dieser Idee arbeiten gerade deutsche Wissenschaftler. Sie nennen es das "Taschentuchlabor".

Wie es funktioniert

Das Taschentuchlabor funktioniert in etwa wie ein Schwangerschaftstest aus der Apotheke, es ist nur ein wenig komplexer: In der Struktur des Taschentuchs binden sich antikörperartige Moleküle an ein Polymer. Wenn sich mehrere dieser Moleküle an ein Virus binden, ändert das Polymer automatisch seine Struktur: es "zerfällt".

Dieser Zerfall generiert ein Signal – was beispielsweise eine Reaktion in dem Material sein könnte, wie eine Verfärbung des Taschentuchs.

"Am besten allerdings nicht rot", meint Frank Bier, Projektleiter am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik (IBMT) in Potsdam. Denn das könne auch leicht mit Blut verwechselt werden.

Das IBMT ist eines von 14 wissenschaftlichen Instituten und Industriepartnern, die am Taschentuchlabor arbeiten.

Infografik: Diagnostik mit Hygienetüchern (Grafik: Per Sander/DW)

So funktioniert das Taschentuchlabor

Die Forscher hatten auch andere Einsatzideen, denn das Polymer und die Moleküle können auch zu Fäden gesponnen und zu Textilien weiterverarbeitet werden.

"Wir haben an alles mögliche gedacht, an Pflaster und Putztücher - aber am Ende sind wir beim Taschentuch geblieben", erklärt der Physiker. "Es ist ein guter Name für das Projekt, auch wenn es um viel mehr geht als nur um ein Taschentuch."

Durchbruch blieb aus

Ihre Arbeit führe zu "einer neuen Generation in der klinischen Diagnostik", sind sich die Wissenschaftler sicher. Und das, obwohl sich die letzte Idee im Bereich der klinischen Diagnostik - das Lab-on-a-Chip-System, das Analysen und Diagnosen vor Ort machen kann - sich bisher noch nicht auf dem Markt behauptet hat.

Nur wenige Zentimeter groß, ist Lab-on-a-chip ein diagnostisches Gerät das winzige Mengen Flüssigkeit verarbeiten kann. Es kann beispielsweise die Zusammensetzung des Blutes messen oder auch Biomarker, die auf einen Herzinfarkt hinweisen. Per drahtlose Datenübertragung liest und interpretiert ein anderes kleines Modul die Ergebnisse, die Ärzten und Patienten in nur wenigen Minuten vorliegen.

Das Taschentuchlabor verspricht allerdings noch mehr: "Wir brauchen kein zweites zusätzliches Gerät", erklärt Bier.

Ein Virus bindet an Polymer über antikörperartige Moleküle (Foto: supiran.de)

Ein Virus bindet an ein Polymer über antikörperartige Moleküle

Wischtest für die Sterilität

Wenn man die Materialstruktur eines Taschentuchs zum Vorbild nimmt, kann die Technologie auch für andere Anwendungen benutzt werden. Als Reinigungstuch könnte es Keime auf Arbeitsflächen oder auf dem Operationsbesteck im OP-Saal anzeigen.

"Heutzutage wird mehr oder weniger blind gewischt", meint Bier. "Man putzt mit einem Desinfektionsmittel über eine Fläche, und hält sie für sauber. Mit unseren Tüchern wird man wissen, ob sie wirklich sauber ist."

Die Wissenschaftler entwickeln Materialien, die Grippenviren, Salmonellen und Campylobacter-Bakterien erkennen sollen - letztere verursachen Durchfall. Sie hoffen auch auf modifizierte Taschentücher, die den Nachweis von MRSA-Krankenhauskeimen erbringen können, an denen jährlich viele Menschen sterben.

Ergebnisse im nächsten Jahr

Bis Ende 2014 läuft das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt noch.

"Bis dahin hoffen wir zeigen zu können, wie alles funktioniert", meint Bier. Man sei schon sehr nahe dran. Aber dennoch sei das diagnostische Taschentuch noch Zukunftsmusik: "Man wird es nicht morgen in der Apotheke kaufen können."

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