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Politik

Das tückische Geschäft mit Billig-Computern

Mit dem "Aldi-Computer" stieg die Medion AG zum zweitgrößten PC-Anbieter in Deutschland auf. Doch der Preisdruck bei Computern macht dem Unternehmen schwer zu schaffen.

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Medion-Finanzvorstand Christian Eigen

Der Firmensitz der Medion AG

Der Firmensitz der Medion AG in Essen

"Aldi-Computer" - dieses Wort konnte Ende der 1990er Jahre regelrechte Massenhysterien in Deutschland auslösen: Vor den Filialen des Lebensmitteldiscounters bildeten sich lange Schlangen, in den Gängen kam es mitunter zu handfesten Auseinandersetzungen und nicht selten waren die Geräte binnen Minuten ausverkauft. Der Lieferant Medion verdreifachte allein zwischen 1999 und 2003 seinen Umsatz auf knapp drei Milliarden Euro; der Gewinn vervierfachte sich auf mehr als 100 Millionen Euro.

Umsatz soll um 20 Prozent sinken

Dass diese Zeiten vorbei sind, machte am Donnerstag (23.3.2006) die Bilanzvorlage des Computerhändlers erneut deutlich: Der Gewinn brach 2005 von 48,8 Millionen Euro auf 9,2 Millionen Euro ein. "Wir wollen uns auf profitable Geschäfte konzentrieren und die Ertragskraft wieder verbessern", sagte der öffentlichkeitsscheue Firmengründer Bernd Brachmann bei der Vorstellung der Zahlen. Auf nicht rentable Kleinstlieferungen werde die Medion AG verzichten und sich stattdessen auf das Geschäft mit großen Handelsketten wie Aldi, Tchibo, Carrefour, Metro und dem britischen Elektronik-Händler Dixons konzentrieren. Dadurch werde der Umsatz 2006 von rund 2,5 Millionen auf zwei Millionen Euro sinken.

Die Zahlen seien enttäuschend, da die Umsatzerwartung deutlich niedriger ausfalle als die ursprünglich geplanten 2,2 Milliarden Euro, sagt Zafer Rüzgar, Analyst bei Independent Research. "Der Markt für Medion-Rechner ist weitgehend gesättigt." Mit billigen Computern lasse sich zudem kein großes Geschäft mehr machen. Zum einen seien die Preise insgesamt gefallen und die Konkurrenz dementsprechend groß; zum anderen drückten Sonderkosten weiter auf die Gewinne.

Erscheinung des deutschen Marktes

In Deutschland konnte das Unternehmen seinen Umsatz zwar um zehn Prozent auf 1,7 Milliarden Euro steigern, doch im übrigen Europa büßte Medion 21 Prozent und in den USA sogar 39 Prozent ein. "Medion ist eine besondere Erscheinung des deutschen Marktes", sagt Christof Windeck von der Computerzeitschrift c't. In Deutschland werde der Privatkundenmarkt von so genannten "Whitebox-Produkten" dominiert, während in anderen Ländern der Anteil von Markenprodukten wie Dell oder HP wesentlich höher sei.

Den Zuwachs in Deutschland verdankt Medion unter anderem dem florierenden Geschäft mit Laptops. "In ganz Europa gibt es eine Verlagerung von Destop-PCs zu mobilen Geräten", sagt Carola Peter vom Europäischen Informationstechnologie-Observatorium (EITO). "Doch die steigenden Stückzahlen bei Laptops können nicht den Preisverfall kompensieren, denn die Wettbewerbssituation ist unverändert hoch."

Anfällig für Angriffe der Konkurrenz

Bilanzpressekonferenz Medion Fabrikverkauf

Einkaufswagen vor dem Medion-Fabrikverkauf in Essen

Und für Angriffe der Konkurrenz ist Medion besonders anfällig. Hauptabnehmer für Desktop-Rechner und Laptops seien Unternehmen, erklärt der c't-Redakteur Windeck. "Die großen Computer-Marken haben alle ein wichtiges Standbein in diesem Geschäft - Medion dagegen hat dort überhaupt nichts zu melden." Im Privatkundenbereich könnten Wettbewerber jedoch viel leichter gegenhalten als im stabileren Geschäft mit Firmen. Zwar sei das Preis-Leistungs-Verhältnis der Medion-Computer sehr gut - aber nur dann, wenn der Kunde die Ausstattung der Computer tatsächlich brauche, sagt Windeck. So koste der gegenwärtige Aldi-Computer mit 1000 Euro deutlich mehr viele andere Rechner.

Auch Michael Busse, Analyst der Hessischen Landesbank, verweist auf die seit den 1990er Jahren gesunkenen Absatzzahlen und den Preisdruck im Computergeschäft. Ganz anders verlaufe die Entwicklung im so genannten Consumer-Bereich - abhängig vom Produkt gebe es ganz eigene Gesetze. "Der Prozess, dass die Digital- die Nassfilm-Kamera ersetzt, ist noch im Gange, auch wenn er seinen Höhepunkt bereits überschritten hat", erklärt Busse. Bei DVD-Geräten sorgten Innovationen für einen immer wieder steigenden Absatz: Nachdem es zunächst nur reine Spieler gab, kamen die Brenner; inzwischen sind Brenner für mehrfach beschreibbare DVDs der Standard. "Und jetzt gibt es mit der Blue-Ray-Disc und der HD-DVD schon die Nachfolger."

Auch Medion hofft auf die Unterhaltungselektronik. Der Konzern wolle mit neuen Produkten für das digitale Zuhause wachsen, hieß es auf der Konferenz. Im vergangenen Jahr hatte Medion in Deutschland vor allem beim Verkauf von LCD- und Plasma-Fernsehern, MP3-Playern und mobilen Navigationsgeräten Zuwächse. Der Analyst Rüzgar sieht dies skeptisch: "Ob Medion mit neuen Produkten einen ähnlichen Erfolg haben kann wie früher mit Rechnern, ist fraglich." (stu)

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