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Amerika

Das Sterben der Schreiber

"Tinterillo" nennt man in Südamerika die öffentlichen Schreiber. Ob Scheidungsdokumente oder Bewerbungen - die Tinterillos tippen alles, zum günstigen Preis. Doch wie lange noch?

Ein Schreiber sitzt an seinem Tisch vor einer Schreibmaschine in der Einkaufszone von Medellín (Foto: DW/N. Steiner)

Ein aussterbender Beruf - die Tinterillos in Medellín

Seine Finger scheinen über die Tasten zu fliegen. Mit bloßem Auge jedenfalls, kann man Rollo López' Hände kaum sehen. Hoch konzentriert tippt er auf seiner elektrischen Schreibmaschine, die Welt um ihn herum scheint er zu vergessen.

Dabei ist neben ihm so einiges los: Passanten drängen sich durch die Fußgängerzone, Händler preisen lautstark ihre Preise an und Rollos Kollegen sorgen dafür, dass in jedem Teil der Straße ein leises Klicken der Schreibmaschinen zu vernehmen ist.

In zwei Reihen sitzen sich die Schreiber in der Calle 52 in Medellín gegenüber, jeder an seinem kleinen Holztisch, auf den gerade mal die Schreibmaschine passt. Rollo López ist der Einzige, der noch keine grauen Haare hat, da er mit 37 Jahren der mitr Abstand jüngste unter den Schreibern ist. Trotzdem verfügt er bereits über zwei Jahrzehnte Berufserfahrung: "Mit zehn hab ich hier angefangen zu schreiben und mit 17 war ich dann fest hier. Das kam durch meinen Vater, er hat mir die Kunst des Schreibens beigebracht."

Wie fast alle seine Kollegen hat Rollo seinem Vater jahrelang über die Schultern geschaut, hat gelernt wie man Anschreiben formuliert und juristische Begriffe verwendet, bis er sich schließlich selbstständig gemacht hat. Seitdem kommt er jeden Tag ins Zentrum, klappt seinen Sonnenschirm auf, stellt seine Schreibmaschine vor sich auf einen kleinen Tisch und wartet auf Menschen, die nicht schreiben können oder die nicht wissen, wie man einen Brief an eine Behörde formuliert.

Ein Sonnenschirm, ein Hocker und ein kleiner Tisch: das Büro eines Tinterillos (Foto: DW/N. Steiner)

Ein Sonnenschirm, ein Hocker und ein kleiner Tisch: das Büro eines Tinterillos

Und so sitzen die graumelierten Herren auf ihren Holzhockern, nippen ab und zu an ihrem "tinto", einem schwarzen Kaffee, rücken von Zeit zu Zeit ihre Brillen zurecht und plaudern. Viel zu tun haben sie in letzter Zeit nicht, denn es kommen nur wenig Kunden.

Lebensläufe und Liebesbriefe

"Im Volksmund werden wir Tinterillos genannt", erklärt Rollos Tischnachbar Manuel Garcés, der ebenfalls schon viele Jahrzehnte als Schreiber arbeitet. "Wenn du zu mir kommst und sagst: Ich brauche einen Antrag für die Stadtverwaltung oder einen Kaufvertrag, dann mache ich dir das." Kaufverträge, Lebensläufe oder einfach ein Brief an einen Freund – die Vielfalt der Aufträge kennt keine Grenzen. Doch ebenso wichtig wie ein perfekt geschriebenes Dokument sei für viele Kunden das persönliche Verhältnis. Die Meisten kennen "ihren" Schreiber seit vielen Jahren. "Wenn ich einen Brief brauche, komme ich hier zu meinem Freund", betont Gustavo, einer von Manuels treuesten Kunden. "Ich hab keinen Computer und immer wenn ich hier bin, halten wir ein kleines Schwätzchen und ich frage ihn nach seiner Familie. Das hier ist auch so eine Art Treffpunkt."

Job für "harte Männer"

Ein Tinterillo ist nie wirklich allein. Ständig kommen Passanten, halten an, wechseln ein paar Worte, trinken Kaffee und gehen weiter. Aufträge bekommen die Schreiber dadurch zwar nur selten, aber dafür ist das Lachen, neben dem Klacken der Schreibmaschinen, ein weiterer, unüberhörbarer Bestandteil der Geräuschkulisse.

Manuel Garcés vergeht allerdings das Lachen, wenn er den Begriff "Tinterillo" hört, der auf deutsch etwa etwa soviel wie "Tintenspritzer" bedeutet. Der abfällige Terminus würde das Ansehen widerspiegeln, das die Schreiber in der kolumbianischen Gesellschaft besäßen: "Sie sagen Tinterillo, als ob das irgend so ein Ding wäre, so eine Art wertlose Person", beschwert sich Manuel.

Auffällig ist, dass es in der Calle 52 anscheinend keine Schreiberinnen gibt. Jedenfalls haben die "Tinterillos" noch nie etwas von einer Frau in ihrem Job gehört. Schreiber Carlos Alboleda glaubt, dass das mit der hohen Kriminalität im Zentrum Medellíns zu tun hat: "Hier auf der Straße passieren viele schlimme Dinge und du musst mit echt fiesen Typen zurechtkommen. Für die Frauen ist das nun mal sehr schwierig, deshalb gibt's hier keine."

Geschäfte laufen schlecht

Internetcafé in Medellín (Foto: dpa)

Konkurrenz für die Schreiber: Internetcafé in Medellín

Aber auch für die Männer ist "Tinterillo" kein Traumjob. Manuel Garcés z.B. macht seine Arbeit nicht freiwillig. Er könne halt nichts Anderes und jetzt sei er auch schon zu alt für einen Wechsel. "Ich mag den Job nicht, weil ich den ganzen Tag der Sonne, dem Regen und dem Gestank der Straße ausgeliefert bin", erklärt er. Außerdem ist es für ihn, der keine Ausbildung hat und schon über 50 ist, extrem schwer einen Job zu finden. Mit der Schreibdienstleistung kann er sich wenigstens über Wasser halten, reich wird er nicht. Fünf bis zehn Euro verdient ein Tinterillo am Tag und die Geschäfte laufen immer schlechter.

Früher gab es in der Calle 52 noch mehr als 50 Schreiber, heute sind es gerade mal 12. Mit Hilfe von Computern und Internet sind viele Kolumbianer heute in der Lage ihre Texte eigenständig zu verfassen und eine bessere schulischen Ausbildung führte dazu, dass es in Kolumbien heute wesentlich weniger Analphabeten gibt, als in den Jahrzehnten zuvor. Gut für den Bildungsstandort Kolumbien, schlecht für die Tintenspritzer.

Fast allen Männern in der Calle 52 ist klar, dass es ihren Beruf in einigen Jahren nicht mehr geben wird. Doch Carlos Alboleda nimmt das, wie viele seiner Kollegen auch, mit typisch lateinamerikanischer Gelassenheit: "Ich mach mir keine Sorgen, denn die Zukunft beginnt jetzt. Morgen ist heute. Das Wichtigste ist doch, dass man gesund bleibt. Das ist Alles."

Autor: Nikolaus Steiner
Redaktion: Anne Herrberg