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Politik

Das Stehauf-Männchen

Er ist das Gegenteil vom portugiesischen Fußball - nicht eitel, sondern zurückhaltend agiert er seit 20 Jahren auf der politischen Bühne. Nun wird José Durão Barroso der neue EU-Kommissionspräsident.

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Der Richtige für Brüssel - José Manuel Durão Barroso

Man kann sich diesen adrett gekleideten Mann mit den Pausbäckchen und dem ordentlichen Seitenscheitel schlecht als impulsiven Revoluzzer vorstellen. Doch José Manuel Durão Barrosos erste politische Gehversuche standen im Zeichen des Kommunismus. "Verband der marxistisch-leninistischen Studenten" hieß die Plattform, auf der sich der damalige Jurastudent in Lissabon engagierte.

Kommunismus-Intermezzo

Doch langhaarige Marx-Jünger und Kommune-Anhänger müssen den Jungen aus bescheidenen Verhältnissen relativ schnell abgeschreckt haben. Nach seinem kurzen Kommunismus-Intermezzo fand Durão Barroso wieder zur politischen Mitte zurück. Er trat der eher konservativen PSD (Partido Social Democrata) bei und entschied sich für den geregelten Aufstieg auf der Karriereleiter. Universitätsabschlüsse in der Schweiz und den USA mit Auszeichnungen und Lehrtätigkeiten an internationalen Kaderschmieden folgten.

Der Junge aus der armen Nordostregion Trás-os-Montes wurde mit 29 Jahren Parlamentsabgeordneter, mit 30 Staatssekretär und mit 36 Jahren portugiesischer Außenminister. Wo Gleichaltrige gerade ihre Laufbahn begannen, saß er schon am internationalen Verhandlungstisch und prägte die Zukunft Angolas und Osttimors mit.

Bitterer Rückschlag

Seine Bilderbuch-Karriere bekam einen scheinbaren Bruch, als seine Partei Mitte der 1990er-Jahre abgewählt wurde. Als er auch noch bei seinem Versuch, Parteichef der PSD zu werden, scheiterte, hatten viele seiner Kollegen ihn auf dem Friedhof der Politik begraben. "Vergesst ihn" oder "Der kommt nie wieder" war in den damaligen Zeitungen zu lesen.

Doch Durão Barroso kam wieder. Seine Stunde schlug bei der vorgezogenen Parlamentswahl 2002. Trotz Unkenrufen gewann er die Wahl und bildete aller Kritik zum Trotz seine Koalition mit der rechtskonservativen europakritischen Volkspartei. Angetreten war er mit dem Ziel, Portugal mit einer neoliberalen Politik aus der Krise zu führen.

Wahlen in Portugal - Jose Manuel Barroso

Der Portugiese schaffte es 2002 mit seiner Partei PDS wieder an die Spitze

Doch davon ist bisher trotz größter politischer Anstrengung und zahlreicher Reformen wenig zu spüren. Deshalb ist die Begeisterung für den 48-Jährigen im Land geringer als im restlichen Europa. Bei den jüngsten Wahlen zum Europaparlament feierten die oppositionellen Sozialisten in Portugal (PS) mit über 44 Prozent der Stimmen den größten Sieg ihrer Geschichte. Ein bitterer Rückschlag für den erfolgsverwöhnten Barroso und ein Grund mehr, endgültig auf die europäische Politbühne zu wechseln.

Überwältigende Mehrheit

Charisma gehört nicht zu den hervorragenden Eigenschaften Durão Barroso. Er ist nicht der stets lächelnde, eloquente Medienmensch, sondern der emsige Arbeiter. Kein Mann der großen Gesten, eher der hartnäckige Diplomat. Er steht im rechten Flügel einer sozialdemokratischen Partei und symbolisiert Werte wie Understatement und Beständigkeit.

Das sei ein Grund, warum er eine "überwältigende Mehrheit" hinter sich habe, so der EU-Ratsvorsitzende Bertie Ahern. Tatsächlich kann sich Durão Barroso sowohl der Zustimmung der stärksten Fraktion im Europaparlament, der konservativen EVP, als auch der Sozialdemokraten sicher sein. Unlängst haben Schröder und Chirac ihre Zustimmung für den portugiesischen Politiker kund getan.

Dezentes Selbstbewusstsein

Ein kleines Wunder, wie viele EU-Kenner behaupten. Denn Durão Barroso gehörte zu jenen Politikern, die den Irak-Krieg unterstützten. Ausgerechnet auf den portugiesischen Azoren wurde im März 2003 der Krieg endgültig besiegelt. Medienwirksam drängten sich Bush, Blair und Aznar ins Rampenlicht und machten ihre Konterfeis zum Inbegriff der Kriegsallianz. Der Gastgeber Jose Manuel Durão Barroso hielt sich im Hintergrund bedeckt.

Azorengipfel Pressekonferenz George W. Bush Jose Maria Aznar Tony Blair

José Manuel Durão Barroso und die anderen Befürworter des Irak-Krieges

So wie jüngst auch wieder: Kurz vor dem Anpfiff des EM-Spiels zwischen Portugal und England nach dem Ausgang befragt, sagte Barroso selbstbewusst, aber dezent: "Wir sind schon ziemlich gut." Er sollte recht behalten. Die portugiesische Nationalmannschaft gewann gegen den Favouriten England und zog ins Viertelfinale ein. In Durão Barrosos Fall wird es keinen heißen Kampf wie auf dem Fussballplatz geben. Er wird seinen Weg an die Spitze der Brüsseler Behörde schon gehen - mit Nachdruck, aber ohne viel Aufhebens.

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