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Kultur

"Das Sonnenfeuer auf die Erde holen"

Seit Jahrzehnten träumen Wissenschaftler davon, die Kernfusion im Kern der Sonne in Reaktoren nachzuvollziehen, um Strom zu erzeugen. Den Durchbruch soll ITER bringen - der teuerste Versuchsreaktor aller Zeiten.

Die Sonne (Quelle: DW-TV)

Vorbild für die Kernfusion, die Sonne

Im Inneren der Sonne verschmilzt Wasserstoff zu Helium. Das setzt jede Menge Energie frei und ist der Grund dafür, dass die Sonne überhaupt scheint. Die Physiker bezeichnen diesen Prozess als Kernfusion. Genau das soll in dem Versuchsreaktor, der in Südfrankreich gebaut wird, nachvollzogen werden. Doch nun scheint das Megaprojekt in ernsthafte Schwierigkeiten zu geraten, wie auf der "SOFT 2008" bekannt wurde, einer internationalen Konferenz über Fusionstechnologie, die Mitte September in Rostock stattfand. Denn der Internationale Thermonukleare Experimentelle Reaktor ITER wird voraussichtlich wesentlich teurer, als geplant.

"Das Sonnenfeuer auf die Erde holen"

"ITER ist derzeit das größte Wissenschaftsprojekt auf der Welt. Es soll zeigen, dass man über Fusion Energie produzieren kann – letztendlich das Sonnenfeuer auf die Erde holen", so Nobert Holtkamp, technischer Direktor von ITER.

Schaubild zu ITER (Quelle: AP)

So sollte ITER (Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor) nach bisherigen Planungen aussehen

Es ist höchst ehrgeizig, was sich Norbert Holtkamp vorgenommen hat. Gemeinsam mit hunderten anderer Physiker will er einen Experimentalreaktor bauen, der in einer Art Magnetkäfig ein Wasserstoffgas bis auf 150 Millionen Grad erhitzt. Denn nur bei einer derartigen Höllentemperatur kann mit den Wasserstoff-Teilchen das Entscheidende passieren: "Wenn man sie oft genug bei hoher Temperatur zusammenstoßen lässt, verschmelzen sie miteinander. Und dabei wird Energie frei", erklärt Holtkamp.

Sicher, unerschöpflich und Klima schonend

Eine Energiequelle, die sicher sein soll, unerschöpflich und Klima schonend. ITER ist nichts anders als die Nagelprobe für die Kernfusion. Der Reaktor soll beweisen, dass man mit ihr tatsächlich Energie erzeugen kann. Scheitert ITER, dürfte auch die Kernfusion am Ende sein.

Bereits im Jahr 2001 hatten die Forscher den Entwurf für die Anlage vorgelegt, Kostenpunkt: Rund fünf Milliarden Euro. Doch erst 2006 konnten sich Japan, China, Russland, Indien, Südkorea, die USA und die Europäische Union darauf einigen, den Reaktor auch tatsächlich zu bauen, und zwar in Cadarache in Südfrankreich. In der Zwischenzeit aber haben die Physiker gemerkt, dass sie ITER nicht so bauen können, wie geplant. Denn sie machten eine unliebsame Entdeckung: Das heiße Plasma greift die Wände des Reaktors stärker an als ursprünglich angenommen. "Das, was man dagegen tun kann, ist nicht so ganz einfach. Da muss man Magnetspulen in diese große Vakuumkammer einbauen. Das hat aber einen Rattenschwanz von Folgen, die Kammer muss geändert werden, die Spulen müssen rein. Und die kosten natürlich Geld", erklärt Holtkamp das Problem.

ITER wesentlich teurer?

Modell des ITER-Gebäudekomplexes (Quelle: AP/CEN)

ITER soll in Cadarache, in der Nähe von Aix-en-Provence in Südfrankreich gebaut werden

Auch an anderer Stelle mussten Holtkamp und seine Leute den ursprünglichen Entwurf korrigieren. So sind die Rohstoffpreise für Stahl, Kupfer und Niob in den vergangenen Jahren rapide gestiegen. Und auch die atomrechtliche Genehmigung ist offenbar aufwändiger als angenommen. Kurz und gut: ITER wird teuerer als geplant. Um wie viel, lässt sich noch nicht sagen. Noch ist die Neuberechnung nicht abgeschlossen. Die Forscher wollten jedoch nicht einmal ausschließen, dass ITER doppelt so teuer wird wie vorgesehen, also zehn Milliarden Euro statt fünf.

Die ITER-Partner werden also noch einmal tief ins Portmonee greifen müssen, sagt Octavi Quintana Trias, Forschungsdirektor von Euratom, der Atomenergiebehörde der Europäischen Kommission. "Alle Partner müssen nun ihren Beitrag erhöhen. Da Europa fast die Hälfte von ITER zahlt, wird seine Bürde natürlich besonders hoch sein. Deshalb müssen wir nun alle 27 Mitgliedsstaaten der EU davon überzeugen, dass ITER nach wie vor wichtig ist, dass wir uns einen Misserfolg des Projekts nicht leisten können und deshalb zusätzliche Mittel aufbringen müssen", so Quintana.

Potenzial der Maschine ist enorm

Womöglich wird das Projekt nun gestreckt und ITER wird nicht wie vorgesehen 2018 die erste Fusionsreaktion zünden, sondern Jahre später. Doch einen Ausstieg aus ITER mag sich Quintana trotz der dramatischen Kostenexplosion noch nicht vorstellen: "Ich glaube nicht, dass es sich die europäische Union erlauben wird, ein so großes Projekt einfach fallen zu lassen. Das ist nicht sehr wahrscheinlich. Schließlich ist das Potenzial dieser Maschine enorm: Sie könnte eine Energiequelle erschließen, die hocheffizient ist und zugleich sauber."

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