Das Silicon Valley ist out | Wirtschaft | DW | 14.04.2018
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Startups

Das Silicon Valley ist out

Das bislang Undenkbare passiert gerade in Amerika: Das Silicon Valley verliert Unternehmen. Eine beliebte Alternative ist der US-Sonnenscheinstaat Florida. Anne Schwedt hat Jungunternehmer im "Sunshine-State" getroffen.

USA Silicon Valley in Kalifornien - Luftaufnahmen (Reuters/N. Berger)

Luftbild vom Bau des "Apple-Campus" im Silicon Valley.

Feierabend in Downtown Tampa. Lässig lehnt Florian Reike am Geländer der Uferpromenade und blinzelt zufrieden in die Sonne. "Das ist für mich Lebensqualität", sagt der 22-Jährige und nimmt einen großen Schluck aus seiner Bierflasche. "Ich möchte nach der Arbeit nicht erst noch zwei Stunden im Stau stehen, bis ich zu Hause bin - so wie das im Silicon Valley üblich ist."

Aufgewachsen in Detmold in Nordrhein-Westfalen hat Reike vor einem Jahr zusammen mit zwei Freunden eine Firma gegründet, die Blockchain-Modelle für Unternehmen anbietet. Advanced Blockchain AG hat an der Düsseldorfer Börse aktuell einen Wert von rund 25 Millionen Euro. Grund genug für die Unternehmer, ihr Geschäft auf den amerikanischen Markt auszuweiten. Bei der Standortsuche entschieden sie sich jedoch bewusst gegen die Technik-Hochburg Silicon Valley. "Tampa ist viel billiger als das Silicon Valley", sagt Reike. "Nicht nur Büro- und Wohnraum ist hier günstiger, auch Talente sind hier einfacher und billiger zu bekommen."

Startups konkurrieren gegen Facebook, Google und Apple

Hilfe bekamen die drei Jungunternehmer von dem gebürtigen Hamburger Dieter Kondek. Er unterstützt Start-Ups mit seiner Firma "Rocket Lounge”, indem er sie strategisch auf dem amerikanischen Markt platziert und sie mit Geschäftspartnern und Investoren in Kontakt bringt. Anfangs war er selbst im Silicon Valley aktiv, inzwischen rät er jungen Gründern aber davon ab. "Der Wettbewerb im Silicon Valley ist nicht zwischen Start-Ups und Start-Ups. Der Wettbewerb im Silicon Valley ist zwischen Start-Ups und Facebook, Google und Apple”, sagt er. Start-Ups könnten da einfach nicht mithalten.

USA San Francisco - Haight Ashbury Viertel (picture-alliance/AP Photo/E. Risberg)

Haight Ashbury in San Fransisco war einmal ein begehrter "alternativer" Wohnort. Heute kostet ein Zwei-Zimmer-Appartement hier etwa 5000 Dollar Monatsmiete.

Hohe Mietpreise, viel Verkehr, das Gefühl, der kleine Fisch im großen Teich zu sein - das sind nur einige Gründe, warum Unternehmensgründer sich vom Silicon Valley abwenden. San Francisco hat im letzten Quartal vergangenen Jahres so viele Einwohner verloren wie keine andere Stadt in den USA. Das belegen Daten der Immobilienfirma RedFin. Als Alternative zum Silicon Valley hat sich Florida für viele Startups als gute Wahl erwiesen. Staatlichen Statistiken zufolge ist Florida unter den Top fünf der am schnellsten wachsenden Bundesstaaten in den USA. 

Lebensqualität statt Adresse im Silicon Valley

"Ich glaube das wichtigste im Leben ist eine ausgewogene Balance zwischen Life und Work", sagt Simone Tieber mit einem amerikanischen Akzent. Sie ist vor 25 Jahren von Dresden in die USA ausgewandert. Zehn Jahre später gründete sie in Tampa ihre eigene Grafikdesign-Firma. "Ich habe gern die Freiheit, auch mal eine lange Mittagspause zu machen, mich in die Sonne zu setzen oder auch mal schnell an den Strand zu fahren."

Der Schweizer Unternehmer Peter Dobler stimmt ihr zu: "Es ist Ende März, wir sitzen hier in einem offenen Park, dieses Jahr ist es mit 24 Grad sogar noch ungewöhnlich kalt. Normalerweise wären wir jetzt schon mit dem Boot draußen." Für ihn sprachen aber auch geschäftliche Gründe dafür, seine Beratungsfirma in Florida zu gründen. "Jedes Geschäft im Silicon Valley ist ein Endkunden-Geschäft. Im Tampa gilt viel mehr B-to-B, also Geschäft zu Geschäft", sagt er. "Meine Firma hat keine Endkunden als Kunden, meine Kunden sind alles andere Geschäfte."

USA Florida Senior (geewhiz/Fotolia)

Florida gilt als "Rentnerparadies". Setzt sich der aktuelle Trend fort, gibt es dort bald sicher mehr junge Leute an volleren Stränden.

Vom Rentner-Städtchen zum Millennial-Magnet

Dieses Bedürfnis nach hoher Lebensqualität beobachten Arbeitsmarktexperten schon eine Weile. Die Stadt Tampa hat in dieser Entwicklung für sich eine Chance gesehen. Einst bekannt als Rentner-Städtchen gehen Hochrechnungen der Stadt mittlerweile davon aus, dass Menschen zwischen 18 und 35 in Tampa in zwei Jahren die Hälfte der Erwerbstätigen ausmachen werden.

"Mir war klar, wenn wir nicht einen Ort schaffen, an dem die nächste Generation gerne sein möchte, dass wir dann zu einer Stadt dritter oder vierter Klasse werden würden", sagt Bürgermeister Bob Buckhorn. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die Stadt für Jungunternehmer möglichst attraktiv zu machen. "Viel Zeit bleibt mir nicht mehr", sagt er und zeigt auf eine große Uhr in seinem Konferenzzimmer, die die Zeit rückwärts runter zählt. Noch 369 Tage, acht Stunden, 44 Minuten und 35 Sekunden. "Ich will, dass in Tampa die Jobs der Zukunft geschaffen werden, und nicht die der Vergangenheit."

USa Skyline Tampa Florida (Imago/Westend61)

Tampa als neues High-Tech-Mekka? Abwarten. Die Stadt an der Westküste des Sunshine State jedenfalls ist gerüstet.

Investoren setzen auf Florida

Florida wird auch für Investoren immer interessanter. Der Milliardär Jeff Vinik hat in Kooperation mit der Investmentfirma von Bill Gates einen Großteil von Downtown Tampa gekauft. Dort will er jetzt Büro- und Freizeitangebote schaffen, um am Aufschwung der Stadt teilzuhaben. "Heute in fünf Jahren wird Tampa nicht mehr wiederzuerkennen sein", sagt er auf einer Innovations-Konferenz in der Arena seiner Eishockeymannschaft. "Wir schaffen ein einmaliges Geschäftsumfeld, das Tampa zum perfekten Ort für Gründer und ihre Firmen macht."

Florian Reike ist sich jedenfalls sicher, dass er es nicht bereuen wird, nach Florida gekommen zu sein. Sein Ziel ist es, mit seiner bislang 35-Mann starken Firma zum nächsten Facebook oder Google zu werden. "Vielleicht wird Florida dann bald zum nächsten Silicon Valley", sagt er mit einem Augenzwinkern.