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Geschichte

Das schwere Erbe der Kolonialzeit

Deutsch-Ostafrika stand Ende des 19. Jahrhunderts für das Engagement des Kaiserreichs am Indischen Ozean. Der Erste Weltkrieg bedeutete das Ende der deutschen Kolonialträume. Das Beispiel einer Städtepartnerschaft.

Jenfeld, im Osten Hamburgs: Teile des Stadtteils gelten als sozialer Brennpunkt. In einem kleinen Park stehen Ehrenmale und Skulpturen der deutschen Kolonialgeschichte. Unscheinbar und versteckt unter hohen Bäumen. Das Eingangstor zum Gelände ist seit Jahren verschlossen, das Unkraut steht hoch. Hier wollte die Hansestadt der deutschen Kolonialzeit in Afrika gedenken.

Im früheren Deutsch-Ostafrika, das im wesentlichen das heutige Tansania umfasste, standen zwischen 1885 und 1918 die sogenannten Schutztruppen des Kaisers. Angeführt von Offizieren wie Hermann von Wissmann und Paul von Lettow-Vorbeck. Ihm zu Ehren wurde die Kaserne gleich neben dem Park benannt, von der heute nur noch Reste übrig sind.

Hamburgs Tansania-Park

2003 als "Tansania-Park" geplant, stand das Projekt von Anfang an unter einem unglücklichen Stern. Die beiden gut drei Meter hohen flächigen Reliefs aus Terracotta fanden ein äußerst kontroverses Echo. Das eine zeigt vier schwarze Träger, die einem einheimischen Askari-Soldaten folgen. Als Askaris wurden afrikanische Soldaten bezeichnet, die Kolonialmächten wie Deutschland, Großbritannien oder Belgien dienten. Auf dem anderen Bild folgen vier Askaris einem deutschen Offizier. Kritiker sahen in den Denkmälern die dunkle Epoche deutscher Kolonialgeschichte verherrlicht. Proteste gegen die Überhöhung deutscher Herrenmenschen als Anführer einheimischer Hilfskräfte begleiteten das Projekt.

Propagandaplakat Erster Weltkrieg General Paul Emil von Lettow-Vorbeck

Das deutsche Propagandaplakat zeigt General Paul Emil von Lettow-Vorbeck (1870 - 1964) zu Pferde, wie er afrikanische Soldaten anführt.

Einen Tag vor der Eröffnung des Parks benannte ein Bündnis von Hamburger Initiativen das Gelände in einer symbolischen Aktion in "Mohammed Hussein Bayume Park" um – in Erinnerung an Mohammed Hussein Bayume. Der wurde um 1904 in Daressalaam geboren, diente im Ersten Weltkrieg als Kindersoldat in der Schutztruppe unter General von Lettow-Vorbeck und kam später nach Deutschland. 1941 wurde Bayume von der Gestapo verhaftet und 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet. Sein Schicksal stehe "beispielhaft für das vieler Menschen schwarzer Hautfarbe im Dritten Reich", so die Initiatoren.

Schweigen im Park

Militärs wie Lettow-Vorbeck, Wissmann und Walter von Ruckteschell, der die Tafeln aus Terrakotta während der NS-Zeit schuf, standen für einen umstrittenen Teil deutscher Geschichte. Daher kam es schon vor der für 2003 geplanten Eröffnung zu Protesten gegen das "Kriegerdenkmal". Demonstranten, zum Beispiel Mitglieder der Gesellschaft für bedrohte Völker, zogen mit Plakaten zum Parkgelände, um an die Gräuel kolonialer Besatzer zu erinnern. Der tansanische Präsident sagte schließlich sein Kommen zur Einweihung ab und der Senat daraufhin die Einweihung selbst. Seitdem herrscht Schweigen im Park.

Inzwischen gestaltet Hamburg seine Beziehungen zu Tansania zeitgemäßer. Seit Juli 2010 gibt es eine Städtpartnerschaft zwischen Hamburg und Daressalaam, der tansanischen Metropole am Indischen Ozean. Eine Initiative zweier großer Hafen- und Handelsstädte, die seitdem mit den typischen Problemen im Verhältnis derart verschiedener Wirtschafts- und Kulturkreise umzugehen lernt. "Die Städtepartnerschaft ist wichtig, weil die Menschen voneinander lernen können", bestätigt Alex Malasusa. Der Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania hat seit Beginn der Städtepartnerschaft die Hansestadt mehrfach besucht.

Unterschiedliche Erinnerungskulturen

Dar es Salaam Afrika Partnerstadt Hamburg Deutschland

Der tansanische Bischof Malasusa

Während man auf Hamburger Seite oft mit schnell und unvermittelt wechselnden Ansprechpartnern und mangelnder Kontinuität in Darssalaam hadert, erhofften sich die tansanischen Partner mehr finanzielles und wirtschaftliches Engagement von dem Bündnis, obwohl "Deutschland und die EU eine Menge Geld nach Tansania" gebracht hätten, wie Bischof Malasusa anerkennt.

Zwar gibt es Hamburger Unterstützung für die Feuerwehr in Tansanias Regierungssitz, den Austausch von Theatergruppen und Besuche von Politikern und Kirchenvertretern, doch viel mehr als ein Teilzeitrepräsentant der Elbmetropole in Daressaalam mit knappem Budget scheint zurzeit nicht möglich. Auch von Tansaniern aus dem Goethe Institut hört man, sie wünschten sich deutlich mehr Interesse aus Deutschland an ihrer Arbeit.

"Kolonialgeschichte ist kein Problem"

Ortswechsel: Samuel Gogomoka arbeitet in der deutschen Kulturanstalt in Daressalaam. Er sitzt in dem kleinen Vortragssaal des schmucklosen Bungalows im ruhigen Stadtteil Upanga. "Wir sind ein wenig erstaunt, wie wenig sich seitdem getan hat. Ein viel größeres Interesse aus Deutschland an unserer Arbeit als vor der Städtepartnerschaft sehen wir nicht. Es kommt kaum mehr Input von dort. Denn natürlich sind wir hier auch finanziell von euch abhängig", sagt er in geschliffenem Deutsch. "Die Tansanier blicken nach vorn", fügt er hinzu, "Deutsch ist eine wichtige Sprache für den aufkeimenden Tourismus bei uns im Land. Wir haben regen Zulauf von jungen Tansaniern, die im Urlaubsgewerbe ihre Zukunft sehen." Was früher einmal war, spiele keine Rolle. Mit der Kolonialgeschichte der beiden Nationen "haben wir kein Problem", bestätigt auch Bischof Malasusa.

Abdallah Ulimwengu, der als Geschichts-Guide Reisende durch Bagamoyo führt, sitzt unter einem gewaltigen Affenbrotbaum und macht Pause. Eine deutsche Reisegruppe streift derweil durch eine verlassene Kolonialvilla in einer der ältesten Siedlungen Tansanias. Ulimwengu verweist darauf, "dass es Deutsche waren, die um die Jahrhundertwende eine Eisenbahnlinie nach Zentraltansania bauten. Die funktioniert noch heute."Was in Deutschland Erinnerungen an Hitlers Autobahnbau weckt, das wird von den wenigen, die sich in Tansania überhaupt für Geschichte interessieren, als Errungenschaft gesehen, die heute noch in Betrieb ist."

Dass in den Feldzügen Lettow-Vorbecks zwischen 1914 und 1918 etwa eine halbe Million Afrikaner getötet wurde, vor allem Zivilisten und Askaris, also genau die, derer auf den Reliefs in Hamburg als Helfer des Deutschen Kaiserreichs gedacht wird, spielt für das Image des fernen europäischen Wirtschaftswunderlandes nur noch eine geringe Rolle.

Dar es Salaam Afrika Partnerstadt Hamburg Deutschland

Die tansanische Metropole Daressalaam

Nachholbedarf bei Aufarbeitung

Kapepwa Tambila, emeritierter Geschichtsprofessor in Daressalaam, sitzt in der Cafeteria der Universität vor den Toren der Stadt. Ein weißhaariger Herr über siebzig, der auch in der Hitze nie ohne Anzug aus dem Haus geht. Mit leiser Stimme weist er darauf hin, "dass der Umgang deutscher Schutztruppen mit der afrikanischen Bevölkerung bis heute in keiner Weise aufgearbeitet worden ist." Ihn stört, dass Tansanier und Deutsche ohne Bedenken über die gemeinsame Geschichte hinweggingen. "Da sehe ich noch viel Nachholbedarf", fügt er hinzu. Fremdenführer Abdallah Ulimwengu hingegen findet, "deutsche Kolonialherren haben sich beim Aufbau von Verwaltung und Infrastruktur weit mehr um die Entwicklung des Landes gekümmert als deren britische Nachfolger", was Professor Tambila seinerseits mit dem ganz banalen Ziel effizienterer Ausbeutung der Bodenschätze des Landes erklärt.

Auch in Hamburg Jenfeld sollen endlich Ruhe und Harmonie beim Thema Gedenkstätte einkehren. Nach jahrelangem Hin und Her über Art und Ausstattung des "Tansania-Parks", der seit diesem Sommer im schwerfälligen Sprech der political correctness als "Geschichtsgarten Deutschland – Tansania. Gedenkort Deutscher Kolonialismus in Afrika" umgetauft und projektiert wurde und in der Zuständigkeit der Kulturbehörde liegt, stellt die Stadt 400.000 Euro bereit. Die Hälfte des Betrags ist für eine Forschungsstelle zu Hamburgs kolonialer Geschichte gedacht. Außerdem sind 100.000 Euro für ein Promotionsstipendium vorgesehen, um einen tansanischen Doktoranten die fehlende afrikanische Perspektive erarbeiten zu lassen, die im heutigen Tansania offenbar kaum jemand vermisst. Die restlichen Mittel stehen für eine Tagung sowie die Pflege der Jenfelder Grünfläche und der Askari Reliefs bereit. Immerhin, ohne den Streit um das Denkmal wäre dieser Senatsbeschluss vom Juli 2014 wohl gar nicht zustande gekommen.