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Amerika

Das schmutzige Geschäft mit Kolumbiens Kohle

Deutschland steigt 2018 aus der Steinkohleförderung aus, der Bedarf wird zunehmend durch Import gedeckt. Doch der umstrittene Energierohstoff fordert in Kolumbien einen hohen Preis, der in keiner Stromrechnung auftaucht.

Kohlemine in Kolumbien Foto: AP)

Kohlemine in Kolumbien: Erst kommt das Militär, dann kommen die Konzerne

Im Morgengrauen musste Luis Alberto Rojas sein Dorf verlassen, versteckt in einem Kofferraum floh er, nur mit dem, was er am Leib trug: "Ich habe meine Arbeit verloren, alles, was ich mir aufgebaut habe, meine Freunde. Einfach alles!" erinnert er sich heute. Er ist einer von rund vier Millionen Kolumbianern, die als Flüchtlinge im eigenen Land leben, als Folge eines Jahrzehntelangen Konfliktes. Bis heute sind Einschüchterung und Vertreibung in Kolumbien gängiges Mittel, sich unbequemer Kritiker zu entledigen. Luis Alberto Rojas musste miterleben, wie Freunde und Bekannte aus seinem Dorf getötet wurden oder spurlos verschwanden. Das war 2002. "Irgendwann musste ich gehen", erzählt er, "meine Familie und ich, wir haben diesen psychischen Druck nicht mehr ausgehalten".

Denn Luis Alberto Rojas und seine Nachbarn hatten sich gegen den Ausverkauf ihrer Heimat gewehrt: In der Region Catatumbo im Nordosten Kolumbiens werden rund 300 Millionen Tonnen Steinkohle unter dem dichten Urwald vermutet, die größten Vorkommen in ganz Lateinamerika. Für ihren Abbau hat die Regierung bereits erste Konzessionen für ein Gebiet von rund 25.000 Hektar erteilt.

Treffen des Anwaltkollektivs Luis Carlos Perez (Foto: Misereor)

Treffen des Anwaltkollektivs Luis Carlos Perez



Absehbare Ökoschäden

Ganze Landstriche, auch Naturschutzgebiete, würden durch den neuen Steinkohletagebau in Catatumbo entvölkert, ohne dass die Bewohner entschädigt würden, befürchtet die Anwältin Julia Adriana Figueroa: "Das Wasser wird verseucht, Pflanzen und Tiere sterben, die Lebensgrundlage vieler Menschen wird zerstört." Sie gehört zum Anwaltskollektiv "Luis Carlos Pérez" (CALCP), das die Menschen in der Region bei der Verteidigung ihrer Ansprüche unterstützt. Denn laut Gesetz dürfen Ländereien der Kleinbauern und der indianischen Gemeinden dort nicht einfach veräußert werden.

Doch immer öfter wird dieses Gesetz wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. Erklärtes Ziel der Regierung ist es, Kolumbien bis 2019 zu einem Land des Bergbaus zu machen. Ein neues Gesetz aus dem Jahr 2001 stellt ausländischen Konzernen Vergünstigungen und Steuererleichterungen in Aussicht. Zudem wurde die Möglichkeit geschaffen, Bodenschätze und Rohstoffe auch in geschützten archäologischen, historischen oder kulturellen Stätten zu fördern. Die Ansprüche an Umweltstandards wurden zurückgenommen; Schutzbestimmungen für afrokolumbianische und indianische Gemeinden aufgeweicht.

Kritik nicht erwünscht

Proteste gegen diese Praxis werden mit Gewalt beantwortet, sagt die Anwältin Figueroa: "Viele Verschwundene finden wir irgendwann tot auf. Wir finden ihre Leichen in den Flüssen, verbrannt, gefoltert. Oft werden sie wie Guerilleros gekleidet, damit es so aussieht, als handele es sich um Aufständische." Nach Angaben der Bauernorganisation Ascamcat in Catatumbo wurden allein in den vergangenen fünf Jahren mehr als 10.000 Kleinbauern getötet und 130.000 zwangsumgesiedelt. Bis heute sind solche Verbrechen zu 98 Prozent unbestraft geblieben, sagt die Menschenrechtlerin Julia Adriana Figueroa.

Proteste gegen den Steinkohleabbau in Catatumbo, Kolumbien (Foto: Misereor)

Auch die Ethnie der Motilón-Barí ist in ihrem traditionellen Siedlungsgebiet bedroht. Unter ihrem Land werden reiche Steinkohle-Vorkommen vermutet.

Ihr Anwaltskollektiv wird von der deutschen Organisation Misereor unterstützt. Denn Deutschland mit seinem Energiehunger sei für diese Verhältnisse letztlich mitverantwortlich, sagt die Kolumbienreferentin Susanne Breuer. Schon heute ist Kolumbien nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der zweitwichtigste Lieferant von Steinkohle für deutsche Kohlekraftwerke , denn das schwarze Gold aus Kolumbien ist günstig: Eine Tonne Kohle aus Kolumbien kostet rund 85 Euro. Zum Vergleich: Aus USA, dem drittgrößten Importeur, kostet die Kohle rund 117 Euro. Deutsche Steinkohle ist so teuer, dass sie aktuell mit fast 90 Euro bezuschusst werden muss, ohne Subventionen wäre sie nicht verkäuflich.

Deutschland in der Verantwortung

Spätestens 2018 soll die Förderung und damit auch der Abbau in Deutschland deshalb eingestellt werden. Das hat jetzt die EU-Kommission beschlossen. Der Bedarf an günstiger kolumbianischer Kohle wird also in absehbarer Zeit steigen, denn der Preis, den die Menschen in Catatumbo zahlen, erscheint in Deutschland auf keiner Stromrechnung. Susanne Breuer von Misereor wirft daher den deutschen Stromerzeugern vor, Profit aus dem schmutzigen Geschäft mit Importkohle zu schlagen: "Wir sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der Menschenrechtslage in Kolumbien und der Industrie und den Verbrauchern in Deutschland!"

Autorin: Ina Rottscheidt
Redaktion: Oliver Pieper

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