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Kultur

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“

Die diesjährige ARD-Themenwoche beschäftigt sich mit dem „Leben mit dem Tod.“ Antje Borchers stellt dazu ein wichtiges Buch vor.

life or death © Thaut Images #6417164

Symbolbild Leben oder Tod

Eine Sechszehnjährige mit Krebs

Sprecherin:

„Ich bin Hazel, sechzehn. Ursprünglich Schilddrüse, aber mit umfänglichen und hartnäckigen Metastasen in der Lunge. Und es geht mir ganz gut heute.“

Autorin:

Das ist so etwa der Standardsatz, mit dem Hazel sich in der Selbsthilfegruppe jedes Mal vorstellt, wenn sie an die Reihe kommt. Hazel schleppt wegen der Metastasen in der Lunge einen kleinen Sauerstoffwagen mit sich rum, hilft ihr beim Atmen. Hazel hat Krebs, seit drei Jahren geht sie schon nicht mehr in die Schule. Ihre Lebenserwartung? Na ja…

Kurz bevor sie sechzehn wurde, kam ihre Mutter zu dem Schluss, dass Hazel Depressionen hatte. Wohl, weil sie viel zu Hause saß, wenig aß, viel über den Tod nachdachte. In jeder Krebsbroschüre werden Depressionen als Nebenwirkung von Krebs genannt. Hazel allerdings sagt:

Sprecherin:

„In Wirklichkeit sind Depressionen eine Nebenwirkung des Sterbens. Eigentlich alles ist eine Nebenwirkung des Sterbens. Zum Beispiel die Selbsthilfegruppe: besteht aus einer wechselnden Besetzung von Jugendlichen in verschiedenen Stadien des tumorbedingten Unwohlseins. Warum wechselt die Besetzung? Noch so eine Nebenwirkung des Sterbens.“

Ein neuer Anfang

Autorin:

Hazel findet die Selbsthilfegruppe wahnsinnig deprimierend. Aber eines Tages taucht Augustus auf, groß, sportlich, hinkt ein bisschen. Das kommt von der Beinprothese, deutet Hazel die Lage, wegen Knochenkrebs. Die Lebenserwartung bei Knochenkrebs ist nicht schlecht, aber Hazel weiß:

Sprecherin:

„Der Knochenkrebs beißt manchmal ein Stück von dir ab, um dich zu kosten. Dann, wenn du ihm schmeckst, holt er sich den Rest.“

Autorin:

Hazel und Augustus flirten, was das Zeug hält. Sie haben wenig Zeit, also verabreden sie sich nach der Selbsthilfegruppe sofort zu einem Filmabend. Sie gehen zum Parkplatz und Augustus steckt sich eine Zigarette in den Mund. Hazel ist fassungslos:

Sprecherin:

„Ist das dein Ernst? Findest du das cool? O Gott, du hast gerade alles kaputt gemacht.” – „Was alles?“, fragte er und sah mich an. – „Das alles, wo ein Typ, der weder unattraktiv noch unintelligent ist, mich anstarrt und mit Schauspielerinnen vergleicht und fragt, ob ich einen Film mit ihm sehen will. Aber natürlich hat jeder Held eine Verfehlung, und deine ist, dass du, obwohl du schon mal KREBS gehabt hast, VERDAMMT NOCH MAL, einer Firma Geld dafür bezahlt, dass du NOCH MEHR KEBS KRIEGST. O Mann. Darf ich dir versichern, dass Nicht-atmen-Können RICHTIG SCHEISSE ist?“

Autorin:

Hazel ist wütend und enttäuscht, sie wendet sich ab und geht. Es hatte so gut angefangen. Doch Augustus geht ihr hinterher, greift nach ihrer Hand.

Sprecherin:

„Sie bringen einen nur um, wenn man sie anzündet“, erklärte er. „Aber ich habe mir noch nie eine angezündet. Es ist eine Metapher, verstehst du: Du steckst dir das tödliche Dinge zwischen die Zähne, aber du gibst ihm nicht die Kraft zu töten.“

Ein Wunsch wird wahr

Autorin:

Aus dem zarten Anfang wird also doch mehr. Die beiden verlieben sich ineinander, reden über Augustus‘ Lieblingsfilme und Hazels Lieblingsbuch, über ihre Liebe zum Leben und ihren Kampf gegen den Tod, über ihre großen Wünsche. Hazel zum Beispiel möchte zu gerne nach Amsterdam reisen und dem Schriftsteller ihres Lieblingsbuches ein paar lebenswichtige Fragen stellen. Ihre Eltern haben dafür allerdings kein Geld mehr, ein Krebskind ist teuer. Aber Augustus. Der hat noch seinen Wunsch bei der Krebskinder-Wünschestiftung frei. Hazel hat ihren schon verbraucht. Also schenkt Augustus Hazel seinen. Und die beiden reisen nach Amsterdam. Eine unvergessliche Reise… – Die Geschichte von Hazel und Augustus wird erzählt in dem gerade erschienenen Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Die Geschichte einer großen Liebe im Angesicht des Todes. Berührend, komisch, traurig.

Sprecherin:

„Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?“, fragte Augustus aus heiterem Himmel. – „Nein“, sagte ich, doch dann überdachte ich meine Aussage. „Vielleicht ist Nein zu viel gesagt. Und du?“ – „Ja“, antwortete er voller Überzeugung. „Ja, absolut. Nicht, dass wir Harfe spielen im Himmel oder so… Aber ich glaube ganz fest, dass wir weiterexistieren bei Gott.“

Autorin:

Und das sagt er, obwohl das Schicksal ein mieser Verräter ist.

Antje Borchers

Antje Borchers

Zum Autor: Antje Borchers ist Diplom-Medienwirtin und Journalistin. Sie betreibt eine Agentur für Kommunikation, Medienarbeit und Pressearbeit. Vorher hat sie viele Jahre als Chefredakteurin einer christlichen Jugendzeitschrift gearbeitet. Seitdem macht sie auch Radio, zum Beispiel Morgenandachten. Vorher war sie in Idstein/Taunus und hat dort als Gemeindediakonin die Jugendarbeit der evangelischen Kirchengemeinde geleitet. Sie wohnt mit ihrem Mann in Lemgo/Lippe.

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