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Kultur

Das Schicksal der iranischen Bahá'i

Die Bahá'i sind die größte religiöse Minderheit im Iran. Seit ihrer Entstehung werden sie dort verfolgt, weil orthodoxe Muslime ihnen Abfall vom Glauben vorwerfen. Angehörige im Ausland machen sich große Sorgen.

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Schon immer verfolgt: Hier wird 1955 das Bahá'i-Zentrum in Teheran zerstört

Berus* schaut aus dem regennassen Fenster seiner Vier-Zimmer-Wohnung. Sie liegt fernab von seiner Heimat, am Rande einer Großstadt in Deutschland. Wo genau, will der 35-Jährige nicht sagen. Und auch nicht, wie er wirklich heißt. Der iranische Geheimdienst könnte von dem Gespräch mit der Deutschen Welle erfahren und seine Familie im Iran dafür bestrafen, fürchtet er. Berus Eltern, Geschwister, einige Tanten und Onkel leben noch dort.

Vor zwei Wochen hat er das letzte Mal mit ihnen telefoniert. Vor jedem Anruf ist er nervös, dass ihnen etwas passiert sein könnte. Aber offen darüber reden können sie nicht, denn jedes Gespräch wird mitgehört. "Ich versuche dann über Umwege herauszufinden, ob alles in Ordnung ist", erklärt er. "Zum Beispiel indem ich frage: 'Wie geht's denn dem und dem so?' Und wenn sie dann sagen: 'Ihm geht's gut', ist alles okay. Aber wenn sie sagen: 'Naja, der ist ein bisschen erkältet oder krank' oder so, dann weiß ich, oh, da ist was nicht in Ordnung."

Willkürliche Verhaftungen

Gruppenfoto mit den sieben Mitgliedern des iranischen Führungsgremiums der Bahá'i, die im Mai verhaftet wurden - darunter zwei Frauen.

Das Führungsgremium der Bahá'i im Iran. Von zweien gibt es noch kein Lebenszeichen.

Nicht in Ordnung - das kann zum Beispiel heißen, dass jemand verhaftet wurde. Im Mai hat es die sieben führenden Vertreter der Bahá'i im Iran getroffen. Sie hatten versucht, von Teheran aus ein provisorisches Gemeindeleben auf die Beine zu stellen - so gut das geht in einem Land, dessen Regierung sich offiziell zum Ziel gesetzt hat, die Bahá'i-Religion auszurotten. Die iranischen Gläubigen organisierten sich auf privater Ebene, veranstalteten Kinderklassen und Andachten, koordiniert von den sieben Bahá'i in Teheran.

Die Nachricht von ihrer Verhaftung ging wie eine Schreckensmeldung durch die Bahá'i-Welt. Sie rief Erinnerungen wach an die Achtziger Jahre, als schon einmal das gesamte iranische Führungsgremium der Bahá'i verhaftet wurde. Bis heute weiß man nicht, was mit ihnen passiert ist. Mindestens 200 Gläubige wurden damals hingerichtet.

Wochenlang gab es auch diesmal keine Spur der Verhafteten. In diesen Tagen dann erhielten die Angehörigen endlich die Nachricht: Wenigstens fünf von ihnen geht es den Umständen entsprechend gut. Sie sitzen im Gefängnis und durften kurz zuhause anrufen. Von den anderen beiden fehlt weiterhin ein Lebenszeichen.

Systematische Verfolgung

Eine Traube junger Menschen vor einem Gebäude in Teheran.

Studenten in Teheran - Bahá'i sind nicht dabei, denn ihnen ist das Studium im Iran verboten

Diskriminiert und bedroht wurden die Bahá'i im Iran schon zu Lebzeiten ihres Propheten Bahá'u'llah vor 150 Jahren. Seine Anhänger glauben, dass Gott im Laufe der Geschichte immer wieder Propheten auf die Erde gesandt hat, um seine Botschaft zu erneuern - darunter auch Moses, Jesus und Mohammed. "Genau darin liegt für orthodoxe Muslime die Provokation", erklärt Heiner Bielefeld, Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Für sie war Mohammed das "Siegel" der Propheten. Die Behauptung, dass nach ihm noch ein Gottesbote kam, gilt als "Abfall vom Glauben" - einer der schwersten Sünden. Derzeit wird im Iran ein Gesetz diskutiert, wonach darauf die Todesstrafe stehen soll.

"Den Bahá'i geht es deshalb im Iran, wo ja ein Regime im Namen des Islams im Grunde eine Diktatur eingerichtet hat, anhaltend schlecht", so Bielefeld weiter. Sie dürften keine Universitäten besuchen, keinen staatlichen Beruf ausüben und nicht legal heiraten. "Bahá'i zu sein bedeutet in dem Land sozusagen, ein Leben im Schatten zur führen, ein Leben in der Illegalität."

Inzwischen hat ein Großteil das Land verlassen. Während zur Jahrhundertwende noch 90 Prozent der Gläubigen im Iran lebten, sind es heute nur noch ein Prozent. Weltweit gibt es etwa sieben Millionen Bahá'i.

Ungewisse Zukunft

Schon immer verfolgt: Hier wird 1955 das Bahá'i-Zentrum in Teheran zerstört (Foto: DW)

Schon immer verfolgt: Hier wird 1955 das Bahá'i-Zentrum in Teheran zerstört Foto: 2008, Bahá'í International Community Terms of Use Privacy Links Contact Us

Auch Berus hat sich als Jugendlicher entschieden auszuwandern, nachdem man ihn wegen seiner Religionszugehörigkeit von der Schule verwiesen hatte. Er fand Asyl in Deutschland, holte sein Abitur nach und arbeitet heute bei einer Technologiefirma.

Die Ungewissheit über das Schicksal seiner Freunde und Verwandten, die im Iran geblieben sind, raubt ihm fernab der Heimat den Schlaf. Trotzdem möchte er nicht, dass sie seinem Beispiel folgen und ebenfalls das Land verlassen.

"Lieber wäre mir, dass die Unterdrückung im Iran irgendwann einmal aufhört und dass alle dort wie ganz normale Staatsbürger leben können." Und er glaubt fest daran, dass das eines Tages passieren wird. Denn eine zentrale Prophezeiung der Bahá'i-Religion ist, dass alle Menschen auf der Welt eines Tages in Frieden miteinander leben werden.

Heiner Bielefeld hingegen geht nicht davon aus, dass sich die Situation der Bahá'i im Iran bald verbessern wird. "Im Gegenteil, die aktuellen Verhaftungen sind offenkundig eine Verschärfung der ohnehin schon sehr schlechten Lage und es ist nicht abzusehen, was da noch auf die verbliebenen Gläubigen zukommt."

*Name von der Redaktion geändert

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