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Kultur

Das Ruck-Zuck-Kopftuch aus Hamburg

Es ist nur ein Stück Stoff, doch immer wieder sorgt es in Deutschland für Kontroversen: das Kopftuch. In Hamburg geht ein Designer in die Offensive.

Karsten Gollnick hält ein lilafarbenes Tuch mit einem halbtransparenten, glitzernden Schleier in die Höhe: "Einmal die Haare stramm binden - jetzt kriegst du die Haube auf. Schön an der Stirn fixieren, hinten ein bisschen glatt ziehen. Jetzt halbieren wir einfach einmal das Tuch, drehen es und legen es dir locker über deinen Kopf. Und schon bist du perfekt verschleiert."

Keine 15 Sekunden dauert es und von Aslis braunen Haaren ist nichts mehr zu sehen. Die 29 Jahre alte Friseurin guckt zufrieden: "Wenn es morgens mal schnell gehen muss, ist das sehr praktisch."

Viel praktischer als das, was viele türkische Frauen bisher machen, findet Designer Gollnick: "Die haben einen Bonnet, das ist eine Haube, die alle Haare verdeckt. Dann nehmen sie sich irgendein anderes Tuch, nadeln das sehr aufwändig an die Haube und schlingen es dann um den Kopf." Bei Gollnicks "Ruck-Zuck-Tuch" gibt es sozusagen two in one, zwei in einem.

Vom Film aufs Tuch gekommen

Model Asli steht vor dem Schaufenster, im Alltag trägt sie kein Kopftuch, aber für die Plakatkampagne hat sie ihre Haare unter einem Stück Tuch versteckt. (Foto: Kathrin Erdmann 21.07.2012, Hamburg, Veddel)

Model Asli trägt im Alltag kein Kopftuch

Der 47-jährige Gollnick ist gelernter Kostümbildner beim Film. Sein Interesse für das kleine Stück Stoff entstand, als er Kleidung für eine Muslima entwickeln sollte. In Frankreich entdeckte er später die Vielfalt aus Stoffen und Farben, sammelte eifrig alles zusammen und schneidert nun alle Modelle selbst. 30 verschiedene Kopfbedeckungen sind entstanden – vom "Grace Kelly"-Modell aus fließender Seide über das "Girlie" mit Nickituch bis zum konservativeren Modell "Muslima", das keine einzige Haarsträhne zeigt.

Gollnick sieht das Kopftuch nicht als Symbol für die Unterdrückung der Frau. "Es ist ein modisches Accessoire, und wir sollten aufhören, immer davor Angst zu haben." Er kreiere "kulturelle", keine religiösen Tücher.

Made in Veddel

Bewusst hat er sein Geschäft auf der Veddel eröffnet, einem Stadtteil südlich der Elbe mit hohem Migrantenanteil und durchschnittlich geringem Einkommen. Viele Hamburger verirren sich nur selten hierher. Die Stadtteile südlich der Elbe haben keinen guten Ruf, obwohl es nach und nach immer mehr Studenten in die Gegend zieht, weil die Mieten hier noch erschwinglich sind.

Designer Karsten Gollnick will zeigen, dass sich etwas im Viertel tut. Alle an seinem Projekt beteiligten Menschen leben auf der Veddel. Asli ist das Gesicht seiner Kampagne, für die er in der ganzen Stadt ihr Bild mit einem Kopftuch plakatiert hat. Der 29-jährigen Friseurin war das anfangs ein bisschen peinlich, aber jetzt ist sie doch stolz, überall ihr Gesicht zu sehen. Asli trägt nur zum Moscheebesuch ein Kopftuch, sonst trägt sie ihr Haar offen. Sie findet es gut, dass ausgerechnet ein deutscher Mann Kopftücher entwirft. Das habe sie noch nie gesehen.

Ein Tuch für jede Frau

Kerstin Meyer ist richtig begeistert von ihrem ersten Kopftuch. (Fotro: Kathrin Erdmann 21.07.2012, Hamburg, Veddel)

Das Kopftuch von Kerstin Meyer soll ihre Frisur schützen

Aus allen Stadtteilen sind Frauen zur Präsentation von Gollnicks Tüchern gekommen - so wie Kerstin Meyer. Sie entscheidet sich für ein orange-blau kariertes Tuch. Mit dem nach hinten gebundenen Tuch und der Sonnenbrille, sieht sie fast mondän aus: "Das kann ich bei Wind anziehen, wenn ich auf dem Deich spazieren gehen. Dann kommt die Frisur nicht durcheinander."

Eine junge Iranerin hat so eine Vielfalt an Stoffen und Farben wie bei Designer Gollnick noch nie in Deutschland gesehen. "Viele denken beim Kopftuch immer nur an Schleier und Burka, aber hier kann man sehen, dass es gar nicht so sein muss. So kann man zeigen, dass man nicht unterdrückt wird, sondern dass man es selber mag und es deshalb trägt", freut sie sich.

Vor dem Geschäft beobachtet ein Anwohner das Treiben. Er ist Deutscher und erinnert sich mit einem Lächeln an seine Mutter: "Die hat früher immer mal wieder ein Kopftuch getragen, damit sah sie sehr schön aus."

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