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Welt

Das Ringen um die Arktis

Unter dem Eis der Arktis werden gewaltige Rohstoffvorkommen vermutet. Je mehr das Eis schmilzt, desto heftiger wird das internationale Gerangel um Territorialrechte am Nordpol. Kanada will seine Staatshoheit verteidigen.

Blick aus dem All auf den Nordpol (Foto: AP)

Die Arktis-Schmelze bietet den Anrainerstaaten viele neue Möglichkeiten

Nanook heißt in der Sprache der Inuit, der Ureinwohner des hohen Nordens, so viel wie "mächtiger Eisbär". "Operation Nanook" nennen die Kanadier ihre Militärübung in der Arktis. In diesem Jahr findet sie vor der Küste von Baffin Island statt - der größten Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels.

Kanada sieht sich mit zunehmend agressiven Methoden anderer Nationen konfrontiert: Russland, die USA, Norwegen und Dänemark haben ihre Flotten verstärkt. Sie alle wollen das immense Potential, das in der Arktis schlummert, ausbeuten. Es geht um bislang unerreichbare Rohstoffe und neue Transportwege. Die Länder erheben einen Anspruch auf Gebiete, die von den schmelzenden Eismassen freigelegt werden.

Kanadische Truppen halten Landesflagge (Foto: dpa)

Kanada macht sich bereit um seine Forderungen zu unterstreichen

Angesichts der wachsenden Flotten haben auch die Kanadier ihre Militärpräsenz in der Region allmählich verstärkt. "Die kanadischen Militärausgaben und Truppenbewegungen sind nicht so sehr als Reaktion auf eine vermutete Bedrohung zu verstehen - sondern vielmehr als ein Signal der Autorität", sagt Christian Leuprecht, Dozent für Politikwissenschaften am Royal Military College of Canada in Ontario, im Gespräch mit DW-WORLD.DE. "Internationales Recht sieht vor: Das Recht eines Landes auf ein Territorium in der Arktis hängt ab von seiner Fähigkeit, es zu verteidigen."

Die arktische Schmelze wird neue Fahrrinnen eröffnen. Aber das wird nach Ansicht von Experten wohl keine Spannungen hervorrufen, denn die beteiligten Nationen haben sich auf "ausschließliche Wirtschaftszonen" geeinigt, die sich 200 Seemeilen vor den jeweiligen Küsten erstrecken.

Goldgräberstimung am Nordpol Das Spannungspotential lauert unter dem Meer und - bis jetzt jedenfalls - unter dem Eis. Die Hauptattraktion für die arktischen Anrainer ist das gewaltige Potential an Rohstoffen. Man vermutet mehr als 90 Milliarden Fässer Öl und unermessliche Mengen an Erdgas in den Tiefen des Nordpols.

Dieser riesige verborgene Kohlenwasserstoffschatz hat eine Art Goldgräberstimmung ausgelöst - und nun geben sich die Vereinten Nationen alle Mühe, dieses Wettrennen um Land friedlich zu lösen, bevor die gut bewaffneten Wettbewerber einfach hingehen und Ansprüche in der Region erheben.

Russland hat bereits zwei Brigaden mit fast 10.000 speziell für die Arktis ausgebildeten Soldaten entsandt. Sie sollen russische Interessen wahren und schützen, vor allem die Basis auf der Yamal Halbinsel im Nordwesten Sibiriens - ein perfektes Drehkreuz für Öl- oder Gaspipelines aus der Arktis in Richtung Russland.

Dmitri Medwedew (Foto: dpa)

Medwedew will Russlands Interessen deutlich machen

"Im Jahre 2008 hat Russland ein Dokument über die Arktis-Politik der Russischen Föderation bis 2020 verabschiedet. Da ging es auch um ein Aufgebot konventioneller Streitkräfte in der Arktis", sagt Stanislav Secrieru vom Zentrum für Osteuropa- und Asienstudien in Bukarest. Vor kurzem hat Russland außerdem eine Wissenschaftsexpedition losgeschickt, um ein für alle Mal klar zu stellen, dass die gesamte Region Teil des russischen Festlandsockels ist. Man vermutet, dass hier etwa 13 Prozent der unerschlossenen Ölreserven der Welt liegen - ein großer Streitpunkt.

Die UN-Seerechtskonvention (UNCLOS) von 1982 besagt, dass Länder eine erweiterte territoriale Souveränität unterm Meer beanspruchen können, wenn der Meeresgrund, den sie erwerben wollen, nachweislich eine natürliche Verlängerung ihres Kontinentalsockels ist.

Aber die Regeln sind so undurchsichtig wie die Tiefen der Arktis. Die Bestimmungen der Konvention könnten dazu führen, dass ein Land zwar legal den arktischen Meeresgrund beansprucht - allerdings ist es schwierig, die Rechtsgültigkeit dieses Anspruchs festzustellen.

Seit Jahrzehnten umkämpft

Kanada hat 1925 Anspruch auf die Region zwischen Alaska und Grönland erhoben, inklusive des Nordpols. Nur wenige Monate später erhob die Sowjetunion Anspruch auf ein noch größeres Stück Land. Seitdem wächst die Feindseligkeit zwischen den beiden Ländern.

Als ein russisches U-Boot 2007 am Nordpol eine Flagge aus Titan im Meeresboden verankerte, reagierten die Kanadier verärgert: "Wir leben nicht im 15. Jahrhundert", sagte der damalige kanadische Außenminister Peter MacKay. "Man kann nicht einfach in der Welt herumfahren und Flaggen setzen."

Im vergangenen Oktober ließ der jetzige Außenminister Lawrence Cannon bei einem Gespräch mit seinen russischen Gastgebern während eines Besuchs in Moskau keine Zweifel aufkommen: "Die Arktis ist ein Teil unseres Landes. War. Ist. Und wird es immer sein."

Russische Flagge im Meer unter dem Nordpool (Foto: AP)

Russland setzte 2007 eine Flagge unter dem Nordpol um seine Ansprüche zu untermalen

"Die russisch-kanadischen Beziehungen sind normal, das heißt, sie sind nicht besonders schlecht, aber exzellent sind sie auch nicht", sagt Jana Kobzova, Russlandexpertin der Europäischen Gesellschaft für Auswärtige Beziehungen (ecfr), im Gespräch mit DW-WORLD.DE. "Das liegt sicher einerseits am Anspruch auf den Nordpol, aber auch daran, dass Kanada ein aktives Mitglied der NATO ist, offen für die Ausdehnung der NATO nach Osteuropa."

Die Arktis sei für die Kanadier eine sehr patriotische Angelegenheit, so Politikwissenschaftler Christian Leuprecht. "Sie ist Teil der nationalen Identität des Landes. Es ist ein Thema, das die Handlungsfähigkeit einer jeden kanadischen Regierung begrenzt, da Kanada immer auf seinem Anspruch bestehen wird. Sich nicht voll zur Arktis zu bekennen, kommt einem politischen Selbstmord gleich."

Russland hat die Nase vorn

Stanislav Secrieru hingegen meint, für Russland stehe mehr auf dem Spiel. "Abgesehen von den Vorteilen für die Energiewirtschaft und die Wirtschaft im Allgemeinen, gibt es den post-sowjetischen Bemühungen um eine Identität Auftrieb. Es verstärkt das interne Bild einer starken Führung und sendet den NATO-Rivalen ein Zeichen von Stärke", sagt er.

In Kanada hat das russische Vorpreschen jedenfalls für Unruhe gesorgt. Denn Moskau hat bereits die Nase vorn: Russland hat seinen Antrag auf eine Erweiterung des Kontinentalsockels sechs Jahre früher als nötig abgegeben. Unterzeichnerstaaten haben zehn Jahre nach Ratifizierung der UNCLOS-Konvention Zeit, eine solche Erweiterung zu beantragen. Dezember 2013 ist der Abgabetermin für die Kanadier.

Das russische Forschungsteam wird aller Voraussicht nach die notwendigen Informationen zur Untermauerung des russischen Anspruchs innerhalb der nächsten zwei Jahre vorlegen. Das könnte ein hektisches Wettrennen geben: Wer legt als erster seine vollständigen Unterlagen auf den Tisch?

Auch China mischt mit

Baffin Island - die größte Insel des Kanadisch-Arktischen Archipels (Foto: dpa)

Oben Eis - unten Rohstoffe: Mehrere Länder kämpfen um die Arktis

Vielleicht schaffen es die Vereinten Nationen, anhand der wissenschaftlichen Angaben, die jedes der Länder einreicht, die Region fair aufzuteilen. Möglicherweise wird aber auch eines der Länder nicht mehr länger warten und - während die UNO noch durch den Dschungel von Abmessungen und Gasdurchgängen watet - seinen Anspruch mit Gewalt geltend machen.

Hinzu kommt: "Was uns Sorgen macht und was man als Sicherheitsbedrohung ansehen könnte, ist die Präsenz der Chinesen in der Arktis", sagt Politikwissenschaftler Christian Leuprecht. "Wenn ein Land als 'Gegner' angesehen werden kann, dann ist es China. Die 'Forschungen' der Chinesen in der Gegend sind unklar, aber es gibt den Verdacht, dass sie außerhalb der internationalen Abkommen Rohstoffe kartografieren."

Autor: Nick Amies / db
Redaktion: Nicole Goebel /gri

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