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Sprachbar

Das Reform-ABC

Die Reformitis ist allerorten. Eigentlich keine Krankheit, da sie verändert und verbessert. Doch irgendwann drohen Tod und – Vergessen. Sprachlich gesehen überleben nur wenige "Reform"-Wörter.

Überall begegnet man ihr: auf Bahnsteigen, in Schulen, vor Finanzämtern. Sie kommt von hinten – als Bahnreform, Schulreform, Steuerreform – oder von vorne, mit Reformbegeisterung, aber auch Reformfrust. Sprachlich sind die Deutschen zu einem Reformvolk geworden. Eine kleine Wortgeschichte:

Sprachlich produktiv

Der politische Schlüsselbegriff "Reform" ist fast zeitlos. Er steckt in mehr als tausend Wortzusammensetzungen der deutschen Zeitungssprache, von Reform-Abrakadabra bis Reformzyklus und von Abgabenreform bis Zuckermarktreform.

Nie war Reform so produktiv – zumindest sprachlich. Inzwischen ist es um das Wort (vorerst) ziemlich still geworden. Der eine oder andere spricht sogar von Reformtod. Zeit für einen Rückblick also.

Reform = Verbesserung

Am Anfang war der Reformstau. 1997, gegen Ende der langen Regierungszeit von Bundeskanzler Helmut Kohl, wurde Reformstau zum "Wort des Jahres" gewählt. Ein Jahr später war es die neue rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder, die sich entschlossen ans Reformwerk machte.

Reform bedeutet Verbesserung. Deutschland sollte damals rundum erneuert werden, ganz so wie das Lexikon "Reform" definiert: "Eine planmäßige und schrittweise Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse". Die Regierung nutzte das positive Image des Wortes und nannte ihre Politik Reformpolitik. In Deutschland begann ein Reformfrühling, allerorten sprossen Reforminitiativen und Reformimpulse. Es herrschte Reformlust, die sich mitunter zum Reformrausch steigerte.

Reform = Änderung

Reform bedeutet auch Änderung. Bei der praktischen Umsetzung der zahllosen Reformen zeigte sich aber eine zweite Bedeutung des Wortes. Auf Amtsdeutsch nennt man jede beliebige Gesetzes- oder Verwaltungsänderung eine Reform.

Menschen stehen vor einem Geschäft SChlange nach der Währungsreform 1948

Die Währungsreform 1948 sorgte für volle Geschäfte

Typisch dafür ist Steuerreform. Schon 1949, im Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland, kündigte Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner Regierungserklärung "eine umfassende Steuerreform" an. Seither ist es zu vielen großen und kleinen Steuerreformen gekommen, so dass – wenn Reform "Verbesserung" bedeutet – Deutschland das beste Steuersystem der Welt haben müsste. Tatsächlich wurde an den Steuerschräubchen nur herumgedreht.

Reform-Kreisverkehr

Die Reformpolitik mündete bald in einen Kreisverkehr: Nach der Reform war vor der Reform, und das Volk wurde dieser Endlosreform müde.

Die Reformelite aus Politik, Wirtschaft und Medien reagierte darauf mit Unverständnis und beschimpfte die Unzufriedenen als Reformblockierer, Reformverhinderer und Reformverweigerer, ja Reformfeinde. Man bemühte auch die Völkerpsychologie: Die Deutschen seien eben reformfaul und reformunfähig.

Reform = Verschlechterung

Mehrere Männer halten Protestplakate gegen die Arbeitsmarktreform hoch

Beim Volk herrscht nicht immer Freude über Reformen

Reform bedeutete auf einmal Verschlechterung. Dann kippte die Stimmung. Das Wort von der Reformwut machte die Runde, und zu den beiden bisherigen Bedeutungen von Reform – der positiven Verbesserung und der bürokratisch-neutralen Veränderung – kam eine dritte, negative: Verschlechterung. "Reform heißt mittlerweile nur noch, den Leuten Geld wegzunehmen", definierte ein Experte für politische Kommunikation die neue Bedeutung.

Die Reformen gerieten nun in einen semantischen Abwärtsstrudel und wurden schließlich sprachlich in die Psychiatrie eingewiesen mit der Diagnose: Reformblödsinn, Reformirrsinn, Reformschwachsinn, Reformwahnsinn, Reformidiotie, Reformhysterie, Reformitis, Reformsucht.

Reformschlacht

Die Reformer wehrten sich verzweifelt, erklärten Deutschland zur Reformwüste und riefen – wie die Propheten des Alten Testaments – das Volk, das ihre Reformbotschaft nicht mehr hören wollte, zur Umkehr auf.

Vergebens. Nach der Bundestagswahl 2005 war die Schlacht sprachlich geschlagen. Mit Reform kann eine Volkspartei – gleichgültig, ob Union oder SPD – Wähler nur noch verlieren. Das Wort wirke auf das Volk, meinte ein Kommentator, "wie eine entsicherte Pistole im Nacken".

Reformleichen

Auf dem Schlachtfeld geblieben sind die Wörter, mehr als eintausend Komposita mit dem Bestandteil reform. Nur die wenigsten werden ins Wörterbuch einziehen; die meisten sind flüchtige Gelegenheitsbildungen, die aber eine viel gerühmte Eigenschaft der deutschen Sprache wunderbar belegen: ihre unbegrenzte und reformresistente Wortbildungsfähigkeit.

Fragen zum Text

Steuerreform-Vorhaben in der Bundesrepublik gibt es seit

1. 1845.

2. 1720.

3. 1945.

Eine Reformitis ist …

1. eine Krankheit.

2. die Sucht, etwas zu verändern.

3. eine Frau, die gerne reformiert.

Das Bild "Wie eine entsicherte Pistole im Nacken" bedeutet: …

1. etwas hat keine Wirkung mehr.

2. jemand testet eine Pistole.

3. jemand spielt Russisches Roulette.

Arbeitsauftrag

Verfassen Sie einen Bericht, welche Reformen es in Ihrem Land bereits gegeben hat. Beschreiben Sie deren Vor- und Nachteile.

Autor: Helmut Berschin

Redaktion: Beatrice Warken

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