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Europa

Das Quartier kehrt zurück ins Leben

Anfang des Jahres die Anschläge auf Charlie Hebdo, jetzt das Massaker im Bataclan und in seiner Umgebung: Für die Bewohner des Pariser Quartiers um den Boulevard Voltaire ist die Rückkehr in den Alltag nicht leicht.

Cédric (Foto) schaut aus den Fenstern seiner kleinen Bäckerei direkt auf die Ecke des Boulevard Voltaire, wo seit Freitagnacht die Absperrungen vor dem Bataclan standen. An der Konzerthalle hängt immer noch die Ankündigung der "Eagles of Death Metal", der kalifornischen Band, die das Massaker miterlebte. Der Eigentümer hat inzwischen mitgeteilt, man werde weitermachen und so bald wie möglich wieder öffnen. Das passt zum Überlebenswillen des Quartiers.

Berge von Blumen

"Die Ereignisse sind schockierend", sagt Cédric. Er konnte von seinem Laden aus sehen, wie Hunderte von Fernsehteams aus aller Welt ab Samstag den Platz mit ihren Übertragungswagen und Kameras blockierten. Ihm brachte das eine Menge Laufkundschaft. Hungrige Journalisten kauften zwischendurch tütenweise Croissants und Brioches, denn Cédrics Gebäck sieht verführerisch aus. Inzwischen sind sie weitgehend abgezogen. Auf den Bürgersteigen sind immer noch Berge von Blumen und zahllose Kerzen, wie improvisierte Schreine. Und immer noch kommen Pariser, um neue Blumen niederzulegen und ihren Respekt zu bezeugen. Er habe niemanden persönlich bei den Anschlägen verloren, sagt der junge Bäcker. Für ihn werde das Leben bald wie gewohnt weitergehen, normalerweise seien seine Kunden die Leute aus der Nachbarschaft: "Aber es ist wichtig, weiter an die zu denken, die ihre Nächsten verloren haben."

Hundert Meter weiter, im Hotel am Boulevard Richard Lenoir, ist die Rezeptionistin weniger gefasst. Sie sei gerade im Postamt und bei der Bank gewesen: "Die Leute im Viertel sind nervös und traumatisiert", erzählt sie. Die Angehörigen und Freunde der Anschlagsopfer werden von der Stadt Paris umfassend betreut, aber warum gebe es eigentlich für die Anwohner keine Psychologen?

Der Pariser Barmann Jeff (Foto: DW)

Jeff hat ein freundliches Wort für jeden Neuankömmling

"Wir können ja nicht aufhören zu arbeiten"

Jeff, der Barmann im Ecklokal "La Folie", verarbeitet das Geschehen auf seine Weise. Es ist eine einfache Nachbarschaftskneipe, wo man notfalls auch essen, aber im Wesentlichen trinken kann. Der Fernseher an der Wand zeigt Dauerinfo-Sendungen von den Ereignissen. Aber niemand schaut hin. An den Tischen sitzen Journalisten mit ihren Laptops - auch hier ist der Umsatz in den letzten Tagen deutlich gestiegen. Jeff ist der klassische Pariser Kneipenwirt der netteren Variante: Er hat ein freundliches Wort für jeden Ankömmling und reagiert auch auf Bestellungen in englischer Sprache. Für das Geschehen im Viertel aber fehlen ihm irgendwie die Worte: "Wir sind traurig. Was da passiert ist, ist gar nicht gut. Aber das Leben muss weitergehen, und wir können ja nicht aufhören zu arbeiten. Aber ich hoffe, dass die Dinge wieder in Ordnung kommen. Für unser Viertel und für alle Franzosen."

Auch nach 25 Jahren in Paris hört man noch, dass Barbara Lange keine gebürtige Französin ist. Sie hat in einer Seitenstraße ein kleines Modeatelier, etwas alternativ wirkende Kreationen mit weiten Röcken und losen Hemden.

Barbara Lange. Modedesignerin in Paris (Foto: DW)

Barbara Lange: "Wir müssen überlegen, wie wir den Kindern erklären, was passiert ist"

Sie meint, das Leben in diesem sehr familiären Viertel sei verändert nach der zweiten Serie von Attentaten in diesem Jahr. Viele fühlten sich verunsichert: "Hier um die Ecke ist die Schule meines Kindes. Heute wollte er nicht hingehen, weil er Angst hatte. Wir müssen überlegen, wie wir den Kindern erklären, was hier passiert ist." Aber auch sie muss weiterarbeiten, der wirtschaftliche Druck ist groß, die Mieten steigen. Denn was vor zehn Jahren noch eine etwas schäbige Gegend war, ist jetzt im Kommen: Immer mehr Galerien, feine Restaurants und schicke Hotels mischen sich zwischen die liebenswürdigen alten Läden und Werkstätten.

Hoteliers klagen über Umsatzeinbrüche

"Le Auvergnat" heißt der kleine Lebensmittelladen von Francois und seiner Frau, deren Spezialität Käse ist. Sie führen aber auch traditionelle Wurst, Senf, Marmelade und alles, was man für den Einkauf zwischendurch braucht. In der Rue Oberkampf gibt es auch zwei, drei kleine Supermärkte und einen schicken Traiteur - aber die beiden haben nach vierzig Jahren am selben Platz gerade noch genug Kundschaft zum Überleben. "Ich bin sehr betroffen", sagt Francois. "Wir sind kleine Leute und an eine solche Situation wie im Krieg nicht gewöhnt. Ein solches Chaos in unserem Leben und in unserem Viertel - das ist beängstigend."

Der Pariser Lebensmittelhändler Francois (Foto: DW)

Francois: "Wir sind kleine Leute"

Ein paar Ecken weiter beklagen zwei hippe junge Hoteliers im "Le Vingt" die Umsatzeinbrüche: Seit Samstag hätten sie schon Reservierungen in Wert von insgesamt 7000 Euro verloren. Nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo habe es sechs Wochen gedauert, bis die Normalität zurückkehrte. Diesmal werde es länger dauern, befürchten sie: Denn die Opfer seien nicht gezielt ausgewählt worden und die Menschen denken, es könnte jeden treffen. Sie hoffen, dass vielleicht nach drei Monaten alles wieder beim Alten sein könnte. Schließlich sei dies ein angesagtes Quartier.

Der Pariser Taxifahrer Morgan (Foto: DW)

Taxifahrer Morgan: "Menschen sollen sich miteinander versöhnen"

Morgan kennt das Quartier wie seine Westentasche und weiß genau, welche Anwohner vor welchen Restaurants erschossen wurden. Wie andere Taxifahrer in der Gegend hat er Freitagnacht geholfen, leicht Verletzte in die Krankenhäuser zu fahren. Seine Kollegen und er haben außerdem auch Angehörige und Freunde auf der Suche nach ihren Nächsten kostenlos herumgefahren. In seinem Taxi war ein Vater, der seine Tochter erst am Sonnabend fand: Sie war unter den Toten. Morgan glaubt, dass aus dem furchtbaren Unglück irgendwie etwas Gutes wachsen müsse: "Es tut uns sehr weh, weil es unsere Nachbarn und Freunde berührt hat." Aber jetzt müsse man aus der Situation wenigstens die Lehre ziehen, dass sich die Menschen miteinander versöhnten. Nachbarn und Verwandte, die zerstritten seien, sollten einander jetzt unterstützen. "Schließlich haben wir in diesem Viertel nun zum zweiten Mal erlebt, dass das Leben plötzlich zu Ende sein kann."

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