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Asien

Das Phantom aus Pjöngjang

Nordkorea ist eine durch und durch isolierte Gesellschaft. Nur wenig dringt über das Leben der rund 24 Millionen Nordkoreaner nach draußen. Genauso wenig ist über Machthaber Kim Jong Il bekannt.

Kim-Porträt über Fahne und Atomzeichen (Foto: AP)

Selten in der Öffentlichkeit: Kim Jong Il

Kim-Porträt in TV (Foto: AP Photo/Ahn Young-joon)

In TV-Berichten über Kim werden oft alte Fotos verwendet

Der Machthaber scheut die Öffentlichkeit. Kim Jong Il lässt sich im Gegensatz zu anderen Diktatoren nur selten photographieren. Noch seltener hört man ihn im Radio.Im Fernsehen taucht er so gut wie nie auf. Auch deshalb können sich schon seit längerem trotz aller Gegenpropaganda hartnäckige Gerüchte halten, dass der Diktator ernsthaft erkrankt ist. Mehrere Geheimdienstquellen sprechen von einem Schlaganfall und einer Gehirnblutung. Die Gerüchte bekamen neue Nahrung, als der so genannte "geliebte Führer" im Herbst 2008 sogar den bombastisch orchestrierten Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Nordkoreas fernblieb.

Wie der Vater so der Sohn

Der 67-jährige Kim Jong Il soll der Legende nach am heiligen koreanischen Berg Paektu unter einem doppelten Regenbogen und einem leuchtenden Stern das Licht der Welt erblickt haben. Allerdings findet sich auch im Geburtenregister eines sibirischen Dorfes ein Eintrag über den kleinen Kim. Seine Eltern waren während des Zweiten Weltkriegs vor den Japanern in die Sowjetunion geflohen.

Kim Il Sung und Kim Jong Il auf Sportplatz 1992 (Foto: AP Photo/Kyodo News)

Kim Il Sung und Kim Jong Il 1992 auf einem Sportplatz

Unstrittig ist, dass Kim Jong Il der älteste Sohn des nordkoreanischen Staatsgründers und "ewigen Präsidenten" Kim Il Sung ist. Als der gottgleich verehrte Übervater im Juli 1994 starb, übernahm der Sohn die Rolle des Staatschefs, ohne aber je selber das Amt des Präsidenten anzutreten.

Wie zuvor der Vater lässt sich auch der Sohn vom hungernden Volk wie ein Gott anhimmeln. Und wie zuvor der Vater hält auch der Sohn die rund 24 Millionen Nordkoreaner in einer propagandistischen Scheinwelt gefangen, aus der nur wenige ausgewählte Kader ausreisen dürfen. Aber wer ist dieser Mann, von dem die eigene Propaganda behauptet, dass er Nordkorea erfolgreich in den elitären Kreis der Atomstaaten führt?

Hollywood und schöne Mädchen

Der Legende nach soll Kim Jong Il in nur zwei Jahren sechs Opern geschrieben haben. Verbrieft ist, dass er Hollywood-Filme vergöttert. Er soll weit über 20.000 in seinen privaten Palästen horten. Er soll außerdem Cognac, teure Weine, Hummer, Kaviar, Luxusautos und junge Frauen lieben. Es ist unklar, wie oft er geheiratet hat und wie viele Kinder er hat. Seine offiziellen Auslandsreisen kann man hingegen an einer Hand abzählen: drei mal nach China, einmal nach Russland und immer im gepanzerten Zug, weil er unter großer Flugangst leiden soll. Der nur knapp 1,60 Meter große Diktator trägt erwiesenermaßen Schuhe mit dicken Plateausohlen und eine hochtoupierte Dauerwelle, angeblich, damit er größer erscheint.

Kim klatscht (Foto: AP Photo/Korean Central News Agency via Korea News Service)

Wenn er zuletzt öffentlich zu sehen war, dann meist mit Sonnenbrille (undatiertes Archivfoto)

Als Geheimdienstchef in den 70er und 80er Jahren soll er für mehrere verheerende Bombenanschläge und für die Entführung zahlreicher südkoreanischer Staatsbürger verantwortlich sein. Der südkoreanische Geheimdienst KCIA und entflohene Dissidenten haben Kim Jong Il immer wieder als lächerliche und paranoide Figur an der Spitze eines brutalen Militär-Regimes charakterisiert. Aber Politiker wie die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright zeichnen ein anderes Bild.

Albright hat Kim Jong Il im Jahr 2000 in Pjöngjang getroffen. Ihr Gesprächspartner sei "sehr gut informiert" und "durchaus charmant und offen" gewesen, er sei ihr nicht "wahnhaft" erschienen, gab sie anschließend zu Protokoll. Allerdings soll er in wirtschaftlichen Fragen "seltsame Ansichten" vertreten haben.

Ungeklärte Nachfolge

Kim mit Verwandten (AP Photo/Choongang Monthly Magazine)

Seltenes Familienfoto aus dem Jahr 1981, das drei seiner vier öffentlich bekannten Kinder zeigt.

Nordkorea ist auch im 21. Jahrhundert unverändert nach stalinistischem Vorbild organisiert. Kims Regime duldet keinen Widerspruch. Westliche Hilfsorganisationen schätzen, dass seit Mitte der 1990er Jahre bis zu zwei Millionen Menschen durch akute Nahrungsmittelknappheit, ausgelöst durch Dürre und wirtschaftliches Missmanagement, ums Leben gekommen sind. Menschenrechtsgruppen berichten von Arbeitslagern, öffentlichen Hinrichtungen, Folter, Zwangsabtreibungen, Kindstötungen und rund 200.000 politischen Gefangenen.

Wer das totalitäre System nach Kim Jong Il führen soll, ist ungeklärt. Nordkorea-Experten bringen immer wieder die Namen seiner drei auch offiziell bekannten Söhne Kim Jong Nam (37), Kim Jong Chol (angeblich 27) und Kim Jong Un (angeblich 25) ins Spiel, wobei die Favoritenposition regelmäßig wechselt.

Autorin: Sandra Petersmann
Redaktion: Thomas Latschan

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