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Musik

Das Opernjahr 2005: Zwischen Flop und Top

Das Opernjahr war gar nicht so schlecht, bilanziert Joachim Lange. Dabei sorgte das deutsche Stadttheatersystem für eine vorzeigbare Mischung aus Tradition und Neuem.

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Keine Pekingoper

Ginge es nach dem Medienwirbel und Event-Drumherum, dann hätten zwei Opern-Quereinsteiger 2005 das Rennen gemacht. Doch der Berliner Lindenopernintendant Peter Mussbach und der in seinen Münchner Jahren auch schon etwas ermattete Sir Peter Jonas schossen zwei veritable Eigentore: Die Engagements von Bernd Eichinger für den neuen Berliner "Parsifal" und von Doris Dörrie für Verdis "Rigoletto" waren am Ende keine Verjüngung der Oper durch den filmischen Seitenblick.

Auftakt Filmfest Hamburg - Dörrie stellt neuen Film vor

Trotz farbenreicher Inszenierungen konnte Doris Dörrie das Fachpublikum mit ihren Pop-Opern nicht überzeugen

Ein Tableau-Standbild vom "Untergang"-Spezialisten hier und eine regelrechte Bruchlandung auf dem Planeten der Affen von der Beziehungsexpertin dort: Zwei warnende Beispiele für die Kolateralschäden, die entstehen, wenn Verpackung und Name über Inhalt und Können triumphieren. Natürlich kann man im Prinzip jede Geschichte sonst wohin verlegen - wenn man es kann! Und wenn es Sinn macht und neue Einsichten oder auch Verstörungen bringt, natürlich auch mit filmischen Mitteln oder mit Pop-Trash. Die Regie-Generation "nach" der Endvierzigerin Dörrie, wie Karoline Gruber oder Sebastian Baumgarten, Vera Nemirova oder Stefan Herheim, beherrschen dieses Geschäft längst virtuos und nachprüfbar.

Opernhaus des Jahres

Friedrich Schirmer Theater des Jahres Deutschen Schauspielhauses in Hamburg

Theater des Jahres: Friedrich Schirmer und das Schauspielhaus Hamburg

Ganz anders liefen die Geschäfte in Hamburg und in Stuttgart. Beide Häuser bewiesen wieder einmal, dass auch künstlerische Qualität zum Marketingfaktor werden kann. Wenn man in Hamburg im Frühsommer ein "Best of" der letzten acht Jahre als Paket anbieten konnte, dann verbarg sich dahinter nicht weniger als der Qualitätsausweis einer ganzen Ära. An deren Ende leistete sich das Erfolgstrio aus Intendant Louwrens Langevoort, Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher und Hausregisseur Peter Konwitschny ein Dutzend ihrer Hits auf einen Schlag - darunter allein sieben hochkarätige vom viel gepriesenen deutschen Regiestar, der als Sahnehäubchen eine szenische Comicversion von Mozarts "Titus" servierte. Hier hatte auch der inzwischen in Richtung Amsterdam entschwundene Ingo Metzmacher seine (Haus-)Aufgaben ernst genommen, nie die divenhafte Selbstvermarktung wie sein Kollege Christian Thielemann gepflegt, sondern Widerstände durch Präsenz überwunden und sich auf einen Konwitschny ernsthaft eingelassen. Dass man dafür "Opernhaus des Jahres" wird, war fast zu erwarten.

Erfolgsstories

Die andere Erfolgsstory in der Stadttheaterrepublik organisiert Klaus Zehelein seit Jahren in Stuttgart. Unter seinem dramaturgisch geschärften Blick prägen hier vor allem Könner ihres Fachs wie Jossi Wieler, Sergio Morabito und die immer noch kauzig beste Raumerfinderin weit und breit, Anna Viebrock, eine Ästhetik, die längst ihr Publikum gefunden hat. Zusammen mit dem scheidenden Lothar Zagrosek belegten sie in diesem Jahr unter anderem mit Ferruccio Busonis selten gespieltem "Doktor Faust" überzeugend den Standard dieses Hauses, an den man sich als feste Orientierungsgröße in den letzten Jahren gewöhnen durfte.

Etwas weiter nördlich, in Frankfurt am Main, konnte auch Bernd Loebe mit seiner ambitionierten Aufholstrategie mehrfach punkten. Dort machte nicht nur Claus Guth aus Verdis "Maskenball" einen spannenden Thriller im Kanzleramt. Mit einem verdischen Macbeth-Gemetzel in der Welt der Waren und Banken hatte Loebe auch eine der überzeugenderen Arbeiten vom auf Skandal abonnierten Katalanen Calixto Bieito erwischt.

Cosi fan tutte - Komische Oper Berlin

Der andere Mozart-Erfolg der Komischen Oper Berlin: "Cosi fan tutte"

Sein Kollege Andreas Homoki, der dabei ist, die Komische Oper als das Interessanteste der drei Hauptstadt-Opernhäuser zu etablieren, hatte diesmal weniger Glück. Nach seiner spektakulären Mozartschen "Entführung" noch im ernsthaften Verdacht, ein moderner Erbe des Bühnenrealismus von Hausgott Walter Felsenstein zu werden, verscherbelte Bieito Puccinis "Butterfly" in einem ballermannkompatiblen Secondhand-Bordell zu Billigstpreisen. Es wäre schade, wenn sich da ein kraftvolles Talent als Marke selbst verschleißen würde.

Große Namen

Leipzig beispielsweise hat sich als Chef für das Gewandhaus und erstmals seit Jahrzehnten auch wieder für die Oper den internationalen Pultstar Riccardo Chailly geleistet. Er inspiriert das Traditionsorchester zu ungeahnten Höchstleistungen. Mit einem "Maskenball" vom Allerfeinsten! Allerdings beschränkt sich der Maestro auf eine Aufführungsserie der Verdi-Oper und brachte ein Personal für die szenische Umsetzung aus Italien mit, das einen regelrechten Anschlag auf die Moderne zu verantworten hatte. Was Intendant Henri Maier da eingekauft hat, lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen.

Veränderte Akzeptanz

Bremer Theater Theater Bremen vor der Pleite

Das Bremer Theater kämpft gegen die drohende Pleite

Überhaupt finden sich solche Symptome eines von vielen gewünschten Rollbacks einer modernen Ästhetik auch andernorts. Nun ist das Thüringische Meiningen zwar nicht der Nabel der Theaterwelt, doch das abrupte Ende des ästhetischen Aufbruchs unter Res Bossharts aber ist ein bedenkliches Zeichen. Auch, dass das in diesem Jahr mit der ambitionierten wie geglückten Uraufführung von Kaltitzkes "Inferno" glänzende Theater in Bremen nur knapp an der Insolvenz vorbei geschlittert ist, gehört zu den Signalen, die auf eine veränderte Akzeptanz des deutschen Stadttheatersystems deuten. Eines Systems, das sich nicht nur in Bremen wacker und achtbar um die neue Oper bemüht, vor allem aber sein Wiederaufarbeitungsgewerbe betreibt. Und dabei gelegentlich übers Solide deutlich hinausgeht.

So spricht es beispielsweise entschieden für die deutsche Stadttheaterlandschaft, dass sich kleinere Häuser, wie das Pfalztheater in Kaiserslautern oder das Mainfrankentheater in Würzburg einen Kraftakt wie Wagners "Die Feen" zumuten und damit überzeugten! Oder wenn ausgerechnet das Theater in Trier die Ehre der deutschen Erstaufführung von Jacques Offenbachs romantischer Oper "Les Fées du Rhin" (Die Rheinnixen) für sich verbuchen kann. Das Außergewöhnliche wagen und den soliden Qualitätsanspruch nicht aufgeben - mit dieser Maxime stellten sich im Oktober auch Christof Loy und John Fiore an der Zweistädteoper Düsseldorf/Duisburg in beiden Städten der Herausforderung von Hector Berlioz' "Trojanern".

Trotzdem Niveau

Der "Untergang von Troja" fand in Duisburg statt und "Karthago" war dann Düsseldorf. Nach diesen "Trojanern" als Filetstück rundete die Deutsche Oper am Rhein mit einer "Belle Hélène" von Jacques Offenbach als Satyr-Spiel den Spielzeitschwerpunkt "Mythologie kompakt" ab. Und sie lieferte damit ein Musterbeispiel, wie sich Große Oper überzeugend machen und klug verkaufen lässt, ohne Abstriche vom Niveau hinzunehmen. Den Künstlern und dem Publikum zur Freude und Ermutigung! Am Ende eines - alles in allem - gar nicht so schlechten Opernjahres.

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