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Kultur

Das neue "Memorium Nürnberger Prozesse"

65 Jahre nach Beginn der NS-Kriegsverbrecherprozesse in Nürnberg ist der damalige Schwurgerichtssaal restauriert. Eine Ausstellung dokumentiert das historische Geschehen. Es gibt weltweites Interesse.

Der Eingang in den Schwurgerichtssaal 600 (Foto: J. Hube)

Zum Schwurgerichtssaal

Hedy Epstein ist umringt von Fernsehkameras und kaum zu sehen. Die zierliche 86-Jährige lächelt und wirkt dabei etwas verloren. Dass sie an diesem Tag für die internationale Presse eine Hauptperson sein würde - das hat sie dann doch nicht erwartet. "Ich bin eigentlich dieselbe geblieben, die ich damals war", sagt sie. Damals, im Juli 1946, kam Hedy Epstein - die 1939 mit einem Kindertransport nach England emigrieren konnte - als Mitglied des amerikanischen Anklageteams zum Prozess gegen NS-Ärzte. Sie musste Dokumente und Beweise recherchieren. "Ich war völlig unvorbereitet und habe mir keine Vorstellung davon gemacht, welche Grausamkeiten Ärzte an unschuldigen Menschen begangen haben", erzählt sie.

Beobachter des Zeitgeschehens

Die beiden Zeitzeugen Hedy Epstein und Arno Hamburger (Foto: J. Hube)

Zeitzeugen: Hedy Epstein und Arno Hamburger

Auch Arno Hamburger konnte als Kind vor den Nationalsozialisten flüchten. Er wurde britischer Soldat und kehrte in seine Heimatstadt Nürnberg zurück, dort beschäftigte man ihn als Dolmetscher bei den Kriegsverbrecherprozessen. Was er dabei gehört hat, kann er bis heute nicht vergessen. Hamburger blieb in Nürnberg. Heute ist der 87-Jährige Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde.

Moritz Fuchs war erst zwanzig, als er nach Europa kam. Er hat alle Verhandlungen im Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes mit erlebt, denn er fungierte als Leibwächter des amerikanischen Hauptanklägers Robert H. Jackson. "Ich war nur ein Zeuge im Gerichtssaal, ein einfacher Infanterist, ein Beobachter", sagt er. Oft seien die juristischen Prozeduren langweilig gewesen - die Grausamkeiten jedoch, die in den Verfahren zur Sprache gekommen seien, die habe er niemals vergessen können. Heute ist Fuchs Priester, gelegentlich hält er noch Vorträge über die Kriegsverbrecherprozesse.

Westerwelle: Antwort auf "Perversion des Rechts"

Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte bei der Eröffnung des so genannten "Memoriums" am Sonntag (21.11.2010): "Die Nürnberger Prozesse waren die Antwort auf die Perversion des Rechts im nationalsozialistischen Deutschland." Neben Westerwelles russischem Kollegen Sergej Lawrow nahmen auch Vertreter der drei anderen Siegermächte USA, Großbritannien und Frankreich an dem Festakt teil.

"Dies ist ein einmaliger Ort, hier wurde Weltgeschichte geschrieben", so Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly. Er meint damit den historischen Schwurgerichtssaal 600, in dem ab 1945 die Prozesse gegen Hauptkriegsverbrecher, gegen NS-Ärzte, Juristen und andere Berufsgruppen stattfanden. Heute atmet der Saal eher den architektonischen Charme der sechziger Jahre und es ist nicht einfach, sich in die Nachkriegs-Atmosphäre zu versetzen - zumal hier immer noch Gerichtsprozesse stattfinden. Eine ambivalente Mischung aus aktueller Nutzung und historischer Bedeutung, der die neue und höchst informative Ausstellung im Dachgeschoss des Gebäudes mit Informationen und Dokumenten entgegenwirken will.

Fahnen der damaligen Alliierten vor dem Gebäude (Foto: J. Hube)

Fahnen der damaligen Alliierten

Geschichte und Aktualität

Hier erfährt der Besucher alles rund um die Nürnberger Prozesse und um ihre Vorbildwirkung für die internationale Strafjustiz von heute. Dass das historische Geschehen so gut dokumentiert ist, hatten die Ankläger damals beabsichtigt: Zeitungen, Rundfunk und Film sollten intensiv berichten und sie taten es. Prominente Zeitgenossen reisten an. Erich Kästner war hier, John Steinbeck, Ilja Ehrenburg. Auch Willy Brandt kam aus dem norwegischen Exil als Berichterstatter für skandinavische Zeitungen. 280 Zeugen wurden gehört - Opfer und Täter. So erfuhr die Weltöffentlichkeit vom nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen. 350 Dolmetscher sorgten dafür, dass Dokumente übersetzt, Aussagen in mehreren Sprachen protokolliert wurden.

Zwei Original-Anklagebänke (Foto: J. Hube)

Hier saßen die Angeklagten: zwei Original-Bänke

Filme und Texte beleuchten die Rolle der Angeklagten, die Urteile, die Nachfolgeprozesse. Schließlich aber auch die Entwicklungen bis hin zum heutigen Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Kriege und Menschenrechtsverletzungen nach 1945 forderten weltweit Millionen Opfer: In Argentinien, China, Ruanda, Äthiopien, Kongo, in Griechenland oder Jugoslawien und in vielen weiteren Staaten wurden Menschen diskriminiert, verfolgt, ermordet. Wahrheitskommissionen oder Gerichtsverfahren hat es bis heute nur in wenigen Fällen gegeben.

Tag der Erinnerung

Für die Zeitzeugin Epstein ist dieser Tag vor allem ein Erinnerungstag, wie sie sagt. Für Arno Hamburger ist er auch ein Anlass, stolz zu sein: "Nürnberg stellt sich mit dieser Ausstellung seiner Geschichte." Und Hans Christian Täubrich, der Leiter des Dokumentationszentrums meint: "Es war ein langer Weg bis hierher - wir schaffen hier Raum für Empathie und Emotion, aber wir zeigen auch eine Lektion für die Zukunft."

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Michael Wehling/Thomas Grimmer

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