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Asien

Das neue Gesicht von Tibets Exil-Regierung

Der neue Premierminister der tibetischen Exil-Regierung heißt Lobsang Sangay. Er steht vor schwierigen Aufgaben – besonders nach dem angekündigten Rückzug des Dalai Lama aus der Politik.

Lobsang Sengey im März 2011 in Dharmsala vor der tibetischen Flagge (Foto: AP)

Der Jurist Lobsang Sangay wird neues politisches Oberhaupt der Exil-Tibeter

Es sind große Fußstapfen, in die Lobsang Sangay tritt. Der 43-jährige Harvard-Jurist wird neuer Premierminister der tibetischen Exil-Regierung. Er tritt ein Amt an, das mit völlig neuen Kompetenzen ausgestattet ist. In Zukunft übernimmt der Premierminister die zentralen politischen Aufgaben des Dalai Lama. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter hatte im März angekündigt, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen. Gu Xuewu, Politikwissenschaftler und China-Experte an der Universität Bonn sieht den Generationswechsel an der Spitze der tibetischen Exilregierung positiv. "Jetzt hat der Dalai Lama den Schritt gewagt, die Trennung zwischen Religion und Politik vorzunehmen." Gu glaubt, dass diese Entwicklung ein neues Kapitel in der tibetischen Geschichte bedeuten wird.

Lobsang Sengey im März 2011 bei seiner Ankunft zur Wahl in Dharmsala (Foto: AP)

Lobsang Sangay lehrt an der berühmten Harvard-Universität in den USA Jura

Premier aus der jungen Generation

Lobsang Sangay erhielt nach Angaben der exiltibetischen Wahlkommission 55 Prozent der Stimmen. Damit setzte er sich mit großem Abstand gegen seine Mitbewerber durch. Der designierte Premier konnte offenbar besonders junge Wähler mobilisieren. Sangay gehört selbst zur jungen Generation der Exil-Tibeter. Er wurde 1968 im nordindischen Darjeeling in einfachen Verhältnissen geboren und war selbst noch nie in Tibet. Mit einem Stipendium ging er in die USA, promovierte in Harvard und lehrt dort derzeit.

In der nächsten Woche wird er am Regierungssitz der tibetischen Exil-Regierung im indischen Dharmsala erwartet. Im August tritt er die Nachfolge des amtierenden Ministerpräsidenten Samdhong Rinpoche an. Der neue Premier ist der erste Nicht-Geistliche im Amt. Bislang ist Sangay politisch relativ unerfahren, eine Position in der tibetischen Exil-Regierung hatte er bislang noch nicht inne. "Das ist durchaus ein Vorteil, weil er jetzt die Möglichkeit hat, Neues auch anzugehen und nicht auf die alten Traditionen und Verpflichtungen Rücksicht zu nehmen", sagt der Vorsitzende der 'Tibet-Initiative Deutschland', Wolfgang Grader. Allerdings werde Sangay in seinem neuen Kabinett bestimmt auch altgediente Minister mit einbauen, glaubt der Tibet-Aktivist. "So wird der Übergang von Alt zu Neu gut bewältigt."

Frau mit gefalteten Händen, im Hintergrund eine tibetische Flagge (Foto: DW)

Stimmung in Dharamshala nach der Rücktrittsrede des Dalai Lama - im März 2011 gab der religiöse Führer bekannt, dass er als politisches Oberhaupt der Tibeter Exilregierung zurücktreten wird

Regierungschef vor schwierigen Aufgaben

Nach dem angekündigten Rückzug des Dalai Lama wird der neue Premierminister mehr Verantwortung schultern müssen als seine Vorgänger. Lobsang Sangay muss in Zukunft möglichst viel Unterstützung für die tibetische Exil-Regierung im Ausland sammeln. Das ist keine leichte Aufgabe. Trotz des großen Charismas des Dalai Lama und der weltweiten Sympathien für die Tibeter hat bis heute kein einziges Land die tibetische Exil-Regierung offiziell anerkannt.

Zwar genieße Sangay aufgrund seiner Biografie großes Ansehen besonders im Westen, sagt Politikwissenschaftler Gu Xuewu. Eine internationale Anerkennung der tibetischen Regierung sei jedoch äußerst unwahrscheinlich. "Wenn er es schafft, die Akzeptanz der tibetischen Exilregierung und ihre Legitimität auf internationaler Ebene zu vergrößern, dann hat er schon etwas erreicht."

Der Dalai Lama im Juli 2009, während einer spirituellen Veranstaltung in der Commerzbank-Arena in Frankfurt am Main (Foto: AP)

Der Dalai Lama bleibt geistliches Oberhaupt der Tibeter

Anerkennung durch China unwahrscheinlich

Die schwierigste Aufgabe des neuen Premiers wird allerdings der Dialog mit der chinesischen Regierung sein. Bislang erkennen die Machthaber in Peking die tibetische Exil-Regierung nicht an und lehnen jeden Dialog mit Regierungsmitgliedern ab. Die Gespräche zwischen der chinesischen Führung und Gesandten des Dalai Lama über die Tibet-Frage treten derzeit auf der Stelle. Ob der neue Regierungschef im Dialog mit der chinesischen Regierung überhaupt anerkannt wird, hält Wolfgang Grader von der 'Tibet-Initiative Deutschland' für eher unwahrscheinlich. "Es ist durchaus möglich, dass die chinesische Regierung sich nicht ändern und den neuen Positionen der tibetischen Regierung auch nicht anpassen wird." Vermutlich müssten daher weiterhin die Sondergesandten des Dalai Lama eine bedeutende Rolle spielen im Dialog mit Peking spielen.

Nach seiner Flucht aus Tibet 1959 gründete der Dalai Lama die tibetische Exilregierung in seinem Exil in Indien. Vor zehn Jahren wurde auf Drängen des Dalai Lama zum ersten Mal bei einer weltweiten Wahl der Premierminister bestimmt. Die tibetische Exilregierung kümmert sich um die Belange der etwa 140.000 Exiltibeter, von denen etwa 100.000 in Indien leben.

Autor: Christoph Ricking
Redaktion: Adrienne Woltersdorf / Esther Felden