1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Das Netz der freien Worte

Die Zahl der Weblogs in Russland steigt rapide an. Wo die traditionellen Medien sich selbst zensieren, entsteht eine Plattform für freie Meinungsäußerung. Doch ob die Russen diese auch nutzen, ist umstritten.

Demonstration für Pressefreiheit in Moskau, Quelle: AP

Demonstration für Pressefreiheit in Moskau (Archivbild)

Journalistik-Studenten aus Dortmund sitzen mit russischen Studenten im "Newsroom" der Universität St. Petersburg. An jedem Platz steht ein neuer Computer mit Flachbildschirm. Von der Decke hängt ein Projektor und wirft Bilder auf die Leinwand. "Das ist ja moderner als bei uns", sagt ein deutscher Student. Russland ist weiter, als manch einer vermutet hätte. Es scheint aufwärts zu gehen - doch für das freie Wort gilt das nicht. "Die Presse ist gleichgeschaltet", sagt Erik Albrecht, Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Moskau. "Wenn die Opposition auf einer Pressekonferenz einen 'Marsch der Unzufriedenen' ankündigt, meldet die russische Nachrichtenagentur Interfax: Die Opposition hat sich nicht auf einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten geeinigt".

Wer kritisch ist, riskiert den Job

Auch Zeitungen greifen solche Protestaufrufe kaum auf. Für die St. Petersburger Journalistik-Studenten sind die Gründe der Selbstzensur offensichtlich: "Die Besitzer oder Herausgeber der Medien sind meist regierungsfreundlich eingestellt", sagt Student Pawel Rumjanzew, "wer trotzdem kritisch ist, riskiert seinen Job". Die Bevölkerung ist auch fast 20 Jahre nach Ende der Sowjetunion auf die sozialistische Parteipresse konditioniert. Russischer Journalismus sei traditionell meinungsbetont und erzieherisch, sagt dpa-Korrespondent Albrecht. "Er will den Lesern eine Richtschnur geben dafür, was sie denken sollen". Den Glauben, selbst etwas ändern zu können, haben die angehenden Journalisten verloren. "Wenn einer bei politischen Themen nicht seine Meinung vertreten kann, dann schreibt er halt lieber über Prominente", sagt Studentin Anna Rakhmanova.

Blogs als Gegengewicht

Das Fernsehen – das einzige Massenmedium, das auch entlegene Winkel des größten Landes der Erde erreicht – ist fest in staatlicher Hand. Mitarbeiter erzählen von schwarzen Listen mit Personen und Organisationen, über die nicht berichtet werden darf. Die Presse zensiert sich meist selbst. Nur wenige Medien wie der Radiosender Echo Moskwy oder die Tageszeitung Kommersant bemühen sich um ausgewogene Berichterstattung. Doch abseits der traditionellen Medien entsteht ein neuer Ort der öffentlichen Kommunikation: die Blogosphäre. Laut einer Studie des Web-Unternehmens Yandex wächst sie in Russland so schnell wie in keinem anderen Land der Welt – 2006 um 74 Prozent. Seit Anfang des Jahres ist die Zahl der russischsprachigen Weblogs um 800.000 auf zwei Millionen gestiegen.

Ein Gast sitzt in einem Internetcafe in der russischen Stadt Kolomna, Quelle: dpa

Ein Gast in einem Internetcafe in der russischen Stadt Kolomna

"In Blogs wird nichts zensiert", sagt Medienwissenschaftler Ruslan Bekurow aus St. Petersburg. "Die Offiziellen interessieren sich einfach nicht dafür." So konzentriert sich die russische Opposition immer mehr aufs Internet. Politiker wie Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow haben ihre eigenen Blogs, Protestmärsche werden dort angekündigt – bisher ohne Störaktionen. Bekannt sind nur wenige Hackerangriffe auf rechtsextremistische Seiten, auf denen zum Teil öffentlich Gewalttaten geplant wurden. "Wahrscheinlich sind diese Attacken vom Geheimdienst ausgegangen", vermutet Oleg Panfilow vom Moskauer Zentrum für Journalismus in Extremsituationen. Betroffen waren unter anderem Angehörige der inzwischen als verfassungsfeindlich verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands. "Die russische Blogosphäre ist so frei, dass leider auch Nazis und Faschisten sie nutzen", sagt Panfilow.

Frei, aber versteckt

Ob Blogs das freie Wort in der russischen Gesellschaft effektiv fördern, ist umstritten. Denn die meisten Blogs handeln nicht von Innenpolitik, sondern persönlichen Erlebnissen. Ihre Reichweite ist begrenzt: Nur jeder vierte Russe hat Zugang zum Internet; vier Fünftel der Blogger leben in Moskau oder St. Petersburg. "Nur Blogger lesen Blogs", meint Medienwissenschaftler Bekurow, "darum haben sie keinen Einfluss auf politische oder soziale Prozesse. Interessant sind bestenfalls Blogs von Journalisten, die im Internet Ansichten vertreten können, die ihnen der Arbeitgeber verbieten würde".

Gerade bei den politisch Aktiven sieht Ivan Zasursky von der Universität Moskau Potenzial. "Die geistige Elite tauscht sich über Weblogs untereinander aus", sagt der Blog-Experte, "deshalb sind sie wichtig für die Meinungsfreiheit in Russland." Allerdings ist die Blog-Elite noch klein: Der durchschnittliche russische Blogger ist laut Yandex 20 Jahre alt; Themenschwerpunkte sind zum Beispiel Musik, Psychologie und Sex. "Russen interessieren sich nicht für Politik, sondern fürs Geldverdienen", sagt Medienwissenschaftler Bekurow. Und während die Anzahl der Blogs weiter steigt, blicken die jungen Journalisten in St. Petersburg in eine ungewisse Zukunft. "Russen wollen keine kritischen Berichte über Korruption lesen, solange sie selbst ein Teil von ihr sind", sagt Pawel Rumjanzew. "Die Zivilgesellschaft und die Medien müssen sich parallel entwickeln". Weblogs sind zwar Multiplikatoren – aber nur, wenn es etwas zu multiplizieren gibt.

Aarni Kuoppamäki recherchierte als Stipendiat der Mercator-Stiftung eine Woche lang in St. Petersburg.

Die Redaktion empfiehlt