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Fokus Osteuropa

"Das Moskauer Patriarchat will in Russland einen Religionsstaat errichten"

Der Vorsitzende des russischen Komitees für Glaubensfreiheit, der bekannte Menschenrechtler Gleb Jakunin, kritisiert im Gespräch mit der Deutschen Welle die heutige Position des Moskauer Patriarchats in Russland.

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Gleb Jakunin, russischer Priester und Menschenrechtler

DW-Russisch: Vater Gleb, kann man sagen, dass es nach dem Zerfall der Sowjetunion in Russland zu einer geistigen Wiedergeburt gekommen ist?

Gleb Jakunin: In Russland hat äußerlich eine geistige Wiedergeburt stattgefunden. Früher war die Mehrheit der Bürger Atheisten. Heute sagen fast 60 bis 70 Prozent der Menschen von sich, sie seien Gläubige, Orthodoxe. Statistisch gesehen nimmt das Moskauer Patriarchat eine herrschende Position ein. Das hängt damit zusammen, dass zum Zeitpunkt des Zerfalls der Sowjetunion alle anderen orthodoxen Kirchen sehr klein und unvorbereitet waren. Außerdem wandte sich die Staatsmacht gerade dem Moskauer Patriarchat zu. Die Folge war, dass Anfang der 90er Jahre das Moskauer Patriarchat 99,9 Prozent der Kirchengebäude erhielt. Ferner gelang es ihr, offizielle und inoffizielle Unterstützung vom Staat und den Oligarchen zu bekommen.

Man begann, das byzantinische Modell wiederherzustellen, in dem die Kirche mit dem Staat verbunden ist. Aber das Problem dabei ist, dass die Bindung an die Kirche ehemaliger Ungläubiger – von Feinden der Kirche aus der oberen Staatsführung – nach einem sehr einfachen Schema ablief. Wir erinnern uns noch daran, wie Jelzin in den 90er Jahren in die Kirche ging, dort eine Kerze hielt, und wie alle hochrangigen Staatsvertreter ihm hinterherliefen. Viele von ihnen wurden ironisch als Kerzenständer bezeichnet, da sie nicht einmal wussten, wie man sich bekreuzigt. Das war eine gewisse Demonstration einer wohlwollenden Haltung gegenüber der Religion, aber das war alles rein äußerlich.

Also fehlt es an inneren Werten und Inhalten?

Obwohl man Zugang zu den Medien besaß, wurde nicht der Versuch unternommen, unserem Volk den Glauben zu vermitteln. Die Kirche wählte eine sehr einfache Art der Heranführung der Menschen an den Glauben und der Staat nimmt dies einfach hin. Die Menschen kamen, ließen sich und ihre Kinder taufen. Aber die meisten von ihnen verstanden überhaupt nicht, was die Sakramente in der Kirche bedeuten, was die Kirche überhaupt ist. Eine Wandlung im Herzen, des Geistes und Verstandes, eine wahre Bindung an die Kirche gab es nicht. Es wurden nur die Rituale nach Außen getragen. Deswegen gibt es bei uns heute den Begriff "Ritualglaube". Dieser ist heute leider weit verbreitet.

Beispielsweise wird das Fasten propagiert. Die Priester fordern Alte und Kranke auf, noch mehr zu fasten. Sogar die katholische Kirche hat das Fasten bereits gelockert, aber bei uns hat es sich zu einem Fanatismus hin entwickelt. Vieles hängt vom Kirchensystem ab. Wir sehen, wie schwer es Ideen der Erneuerung haben. In unserem Kirchensystem, das jetzt vom Staat gestützt wird, ist kaum jemand daran interessiert, dass sich die Menschen geistig verändern, damit sie zu Gläubigen werden, die sich der Gesellschaft, dem Volk hinwenden, um der Gesellschaft, dem Staat zu dienen.

Wie steht es um das Verhältnis zwischen Staat und Kirche?

Der Staat nutzt für sich die Religion als Stütze. Ich würde sogar sagen, dass der Staat ein eigennütziges Interesse verfolgt. Noch unter Jelzin warb die Staatsmacht um die Gunst der Kirche. Wenn 60 bis 70 Prozent der Wähler erklären, sie seien Gläubige, dann muss auch der Staat sich der Kirche hinwenden und gute Beziehungen, Loyalität und Wohlwollen demonstrieren. Das Moskauer Patriarchat hat das Werben der Staatsmacht erkannt und die eigene Position gestärkt. Es will aber noch weiter und weiter gehen.

Die Kirche versucht, sich immer stärker in jede Pore des Staates hineinzudrängen. Vor kurzem wurde um ein Lehrbuch gekämpft. Das Moskauer Patriarchat wollte in den Schulen das Fach "Gesetz Gottes" – verbindliche Dogmen und Religionslehren – als Pflichtfach für alle Schüler, unabhängig von deren Glaubenszugehörigkeit, einführen. Das Moskauer Patriarchat versucht immer mehr Raum einzunehmen. Es will de facto das byzantinische Modell wiederherstellen, einen Religionsstaat errichten und die Idee "Moskau - das dritte Rom, und ein viertes wird es nicht gegeben", umsetzen. Und das, obwohl man in der heutigen Welt weiß, dass solche Ideen lebensunfähig sind. Kurz gesagt: Die Entwicklungen sind so reaktionär, dass sie in Russland nicht die Entwicklung von Demokratie und Freiheit fördern, sondern das Land ins Mittelalter befördern.

Das Gespräch führte Sergej Morosow

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