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Europa

"Das Modell Deutschland passt nicht für uns"

Krisenstimmung in Frankreichs Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordhoch und das Wachstum hinkt dem Deutschlands hinterher. Die Wissenschaftlerin Isabelle Bourgeois über den Reformbedarf ihres Landes.

Wahlkampfauftritt Nicolas Sarkozy(DW/ Bettina Kaps)

Der amtierende Präsident Sarkozy beim Wahlkampf auf der Place de la Concorde

Es ist eine bittere Bilanz für Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. In den fünf Jahren seiner Amtszeit hat sich die Arbeitslosigkeit erhöht, die Schulden sind dagegen gestiegen und der versprochene Wachstumsschub ist ausgeblieben. Die französische Industrie vernichtet immer noch bis 1000 Arbeitsplätze im Monat. Auf der Suche nach einem Vorbild hat sich Nicolas Sarkozy im vergangenen Jahr an Deutschland orientiert. Frankreich benötige ähnliche Reformen, wie sie der Sozialdemokrat Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 den Deutschen verordnet habe, so Sarkozy.

Deutsche Welle: Wochenlang war das "Modell Deutschland" in Frankreich Thema in den Medien. Wie sieht es heute im Wahlkampf damit aus?

Isabelle Bourgeois: Sobald es um europapolitische Themen geht, um die Schuldenkrise zum Beispiel, dann ist das Thema präsent, oder umgekehrt, wenn es darum geht zu sagen, wie stark doch ein sozialer Kahlschlag in Deutschland stattgefunden hat. Dann wird manchmal noch gedroht, wenn dieser oder jener gewählt wird bei den Präsidentschaftswahlen, dann werde das Thema wieder auftauchen. Ansonsten ist es etwas ruhiger geworden um das „Modell Deutschland“.

Welche Defizite hat Frankreich im Vergleich zur deutschen Wirtschaft, wenn wir über Modernität sprechen?

Isabelle Bourgeois, Wirtschaftsexpertin am CIRAC. Das CIRAC ist ein Forschungs- und Informationszentrum zur deutschen Wirtschaft und Gesellschaft und zu den deutsch-französischen Beziehungen in Cergy-Pontoise. (Foto: DW / Andreas Noll)

Die wichtigen Themen finden im Wahlkampf nicht statt, meint Isabelle Bourgeois

Frankreich hat eine ganze Reihe von Defiziten, die im Laufe der Zeit gewachsen sind. Das erste und vielleicht größte Defizit ist, dass Frankreich noch nicht erkannt hat, dass sich die Weltwirtschaft globalisiert hat. Ich vergleiche es gerne mit dem berühmten Bild des Asterix-Dorfes: Es ist immer gut, man kann auf diese blöden Römer hauen, aber damit ist das Problem der Globalisierung nicht gelöst, denn man muss mit ihr leben. Das ist in Frankreich noch nicht angekommen. Das zweite Problem ist: Frankreich hat auch nach Jahrzehnten nicht verstanden, was die europäische Integration eigentlich bedeutet, hat also Schwierigkeiten, sich dort einzuordnen.

Was meinen Sie mit Schwierigkeiten mit der Globalisierung? Glauben Sie, dass Frankreich auf eine neue Phase des Protektionismus zusteuert?

Vielleicht. Aber das scheint mir im Moment nicht das Wichtigste. Ich habe den Eindruck, das ist mehr ein Symptom des Populismus: Man weiß nicht, wie man das Problem der modernen Welt, in der wir nun einmal leben, Europa und der Globalisierung, angehen soll. Und das Aufschlussreichste vielleicht ist, dass in diesem Wahlkampf kein einziger der großen Kandidaten auf das eingegangen ist, worauf es eigentlich ankommt: Wie können wir die Schulden zurückfahren? Wie kann man die Industrie wettbewerbsfähiger gestalten? Wie können wir die Jugendarbeitslosigkeit senken? Wie können wir überhaupt die Strukturen so weit modernisieren, dass wir dem Wettbewerb der anderen standhalten?

Welche Folgen wird die Realitätsverweigerung, wie Sie es nennen, in den nächsten Monaten und Jahren für Frankreich haben? Einige Politiker denken ja schon etwas lauter über Protektionismus nach…

Protektionismus ist ja gar nicht möglich in der EU. Von daher wird sich die Frage gar nicht stellen. Das sind Wahlkampfparolen, denen jede sachliche Grundlage fehlt. Die werden sehr schnell wieder verschwinden. Spätestens nach den Parlamentswahlen im Juni wird dann ein böses Erwachen kommen, denn die Ratingagenturen liegen auf der Lauer, es geht um das Triple-A-Rating von Frankreich. Und dann werden wir sehr schnell auf das zu sprechen kommen, was im Moment nicht angesprochen wird: Wie wird Frankreich modernisiert und wie wird die Wirtschaft wieder in die Spur gebracht?

Frankreich hat eine lange Tradition in staatlich verordneter Industriepolitik. Ist das auch die Modernisierung, von der Sie sprechen?

Warum sollte der Staat das? Er kann es doch gar nicht. Industriepolitik ist ja ein Kernproblem zwischen Frankreich und Deutschland in der EU. Jeder versteht grundsätzlich Verschiedenes unter Industriepolitik. Für Deutschland bedeutet das, eine Rahmenordnung zu schaffen, die für die Industrie günstig ist und in der sie sich frei entfalten kann. Für Frankreich bedeutet das weiterhin die Fortsetzung der alten gaullistischen Industriepolitik: Der Staat bestimmt, welche Sektoren sich entwickeln sollen, wie sie sich entwickeln. Und es mündet in der Subventionierung der Industrie. Das ist aber heute zum Glück nicht mehr ganz so ausgeprägt.

Aber was kann die Politik denn ganz praktisch tun?

Die Politik könnte, wenn sie wollte, sehr viel tun. Zunächst einmal sollte sie damit aufhören, Deutschland als Vorbild zu nehmen. Statt dessen sollte sie überlegen, dass Benchmarking, denn das ist ja damit gemeint, auch bedeutet, dass man sich die eigenen Kräfte und Schwächen anschaut. Und da gibt es sehr viel zu tun in Frankreich. Es muss eine neue Schulpolitik gemacht werden, eine neue Ausbildungspolitik, eine Berufsausbildungspolitik muss entwickelt werden, eine Qualifizierungsstrategie. Es muss umgedacht werden, was das Personalmanagement angeht, beginnend bei der öffentlichen Verwaltung. Es darf nicht mehr nach Alter oder nach Status berechnet werden, wie die Karriere verläuft. Die Arbeitgeberverbände müssen wieder autonom werden, Verantwortung ergreifen. Die Gewerkschaften müssen wiederentdecken, dass sie nicht minikommunistische Parteien sind, sondern dass es ihnen erst mal darum geht, die Interessen der Arbeitnehmer zu verteidigen.

Die Übertragung der deutschen Rezepte auf Frankreich wäre also keine gute Idee?

Es wäre eine Katastrophe, weil es hier das Subsidiaritätsprinzip nicht gibt. In Deutschland ist ja alles auf dem Prinzip Eigenverantwortung aufgebaut. Auf jeder Ebene nimmt entscheidet jeder Akteur selbst und ruft erst die höhere Ebene an, wenn er das Problem auf seiner Ebene nicht lösen kann. Dadurch, dass wir einen Zentralstaat haben in Frankreich, dadurch, dass der Staat für das Wohl der Allgemeinheit zu sorgen hat, hat der einzelne Bürger gar keine Verantwortung in diesem Sinne.

Würde  es den Franzosen helfen, wenn die Deutschen dem Vorschlag der ehemaligen Finanzministerin Christine Lagarde folgen würden und hohe Lohnsteigerungen durchsetzen würden?

Das ist ein beliebter Sport in Frankreich: Wer Klassenprimus ist, der muss Hiebe einstecken. Ich würde diesen Wunsch nicht weiter kommentieren.

Also aus ökonomischer Sicht erhielte Frankreich dadurch keine Vorteile?

Jetzt überlegen Sie mal: Diese Sicht der Dinge bedeutet, dass man nicht verstanden hat, wie eng die Volkswirtschaften innerhalb Europas miteinander verquickt sind. Wenn Deutschland dadurch nicht mehr ganz so wettbewerbsfähig ist, dann leidet auch Frankreich darunter, dann leidet die ganze EU darunter. Deutschland muss also, ob die anderen es wollen oder nicht, wettbewerbsfähig bleiben. Wenn die Lokomotive plötzlich Schwächen zeigt, dann hat das auch entsprechende Folgen für die Partner.

Isabelle Bourgeois arbeitet als Wissenschaftlerin am „Forschungs- und Informationszentrum zur deutschen Wirtschaft und Gesellschaft und zu den deutsch-französischen Beziehungen“ (CIRAC) in Cergy-Pontoise. Sie beschäftigt sich dort schwerpunktmäßig mit Wirtschaft.

Das Interview führte Andreas Noll.

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