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Wirtschaft

Das Märchen von den Deflationsgefahren

Manche Ökonomen halten die Deflationsgefahren in Euroland für schlimmer als die Beulenpest. Alles grober Unfug, meint Rolf Wenkel aus der Wirtschaftsredaktion.

Glaubt man den beschwörenden Warnungen vorwiegend angelsächsischer Ökonomen und dem Internationalen Währungsfonds, dann ist die Deflation, also eine Periode sinkender Preise, ungefähr so schlimm wie die Beulenpest. Und die scheint in Europa gerade ausgebrochen zu sein, melden die Medien, weil laut europäischer Statistikbehörde die jährliche Inflationsrate seit September leicht negativ ist, sprich: Die Preise fallen. "Alle kreischen, als würde ein nackter Mann durch ein katholisches Mädcheninternat schleichen", wundert sich das "Neue Deutschland": "Hilfe, eine Deflation!"

Porträt - Rolf Wenkel

Rolf Wenkel aus der Wirtschaftredaktion

Das sei schlimmer als die Beulenpest, wollen uns einige Ökonomen weismachen, weil mit fallenden Preisen angeblich eine verhängnisvolle Abwärtsspirale in Gang gesetzt würde: Fallende Preise würden bei Investoren und Verbrauchern nämlich Attentismus, also eine abwartende Haltung erzeugen. Was durchaus rational ist: Wer mit weiter fallenden Preisen rechnet, verschiebt seine Anschaffungen auf einen späteren Zeitpunkt, weil dann alles billiger ist - die private Konsumnachfrage sinkt also.

Unternehmer, die eine sinkende Konsumnachfrage beobachten, werden ihrerseits keine Investitionen mehr tätigen. Denn Unternehmer investieren, wenn sie mit steigender Nachfrage rechnen - und nicht, weil die Zentralbank gerade die Zinsen nahe Null hält und den Banken das Geld hinterherwirft. Wenn aber Investitionen und Nachfrage einbrechen, dann ist auch der Zeitpunkt nicht mehr weit, an dem Aktien- und Immobilienpreise einbrechen und – in der nächsten Runde der Abwärtsspirale - die Arbeitslosigkeit steigt und die Zahl der Pleiten dramatisch zunimmt. Die große Gefahr einer Deflation liegt nach Ansicht dieser Ökonomen vor allem in einem sich selbst verstärkenden kumulativen Abwärtsprozess der Wirtschaft.

Doch gemach - so weit ist es noch lange nicht, und so weit muss es auch nicht kommen. Denn eine echte Deflation ist nicht ein nur vorübergehender, sondern dauerhafter Rückgang des allgemeinen Preisniveaus. Den aber haben wir noch lange nicht, nur weil die Inflationsrate in Euroland den einen oder anderen Monat mal leicht negativ war. Es ist deshalb auch nicht sinnvoll, von einer Deflation einzelner Güterpreise zu sprechen. Keiner muss also ein schlechtes Gewissen oder Ängste haben, nur weil der Ölpreis unter 50 Dollar pro Barrel gesunken ist.

Zweitens ist noch lange nicht ausgemacht, dass ein Rückgang der Inflationsrate notwendigerweise die Wirtschaft lähmt. Im 19. Jahrhundert hat man in vielen Volkswirtschaften die Beobachtung gemacht, dass das Sozialprodukt über einen längeren Zeitraum hinweg mehr oder weniger kontinuierlich gewachsen ist, obwohl die Preise sanken. Dies war damals auf verbesserte Produktionsbedingungen und steigende Produktivität zurückzuführen.

Eine echte Deflation ist erst ein einziges Mal beobachtet worden, nämlich in den USA 1929 bis 1933. Damals sank das Preisniveau um bis zu zehn Prozent im Jahr und lähmte die Wirtschaft. Aus dieser Zeit rührt die Deflationsangst der Amerikaner, das Gegenstück zur Inflationsfurcht der Deutschen. Aber die Deflation der 30er Jahre wurde dadurch ausgelöst, dass viele Banken pleite gingen und immer weniger Geld und Kredite zur Verfügung standen. Die Bankenrettung in der Eurokrise hat diesen "Credit-Crunch" erfolgreich verhindert. Und auch in Japan, wo über zehn Jahre lang eine Deflation zu beobachten war, ist in dieser Periode ein leichtes Wachstum verzeichnet worden.

Der Rückgang des Preisniveaus in der Eurozone ist übrigens nicht nur darauf zurückzuführen, dass die Preise für Sprit und Heizöl sinken oder dass die Europäische Zentralbank mit ihrer quasi-Nullzinspolitik das Ende der Fahnenstange erreicht hat. Nein, er ist vielmehr ein Indiz dafür, dass sich die Problemländer an der südlichen Peripherie der Eurozone auf dem richtigen Weg befinden.

Dort sinken die Preise nämlich stärker als anderswo, weil offenbar erste Reformen greifen. Da wird die überbordende Beschäftigung im öffentlichen Dienst zurückgestutzt, da werden Privilegien gestrichen, Löhne gekürzt. Ein schmerzhafter Prozess, sicher. Aber am Ende dieser internen Abwertung steht eine Belohnung, die letztendlich aus der Krise führen wird: Die Wiedererlangung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.