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Kultur

"Das Mädchen aus Ipanema" ist jetzt 50

Vor 50 Jahren wurde "The Girl from Ipanema" erstmals öffentlich gespielt. Seither hat der Bossa-Nova-Klassiker die Welt erobert. Das hat Spuren hinterlassen - in der Musik und an dem "Mädchen aus Rio".

Die Entstehungsgeschichte ist allseits bekannt: An einem sonnigen Tag im Jahre 1962 sitzen ein Komponist und ein Dichter in einem Strandlokal im gutbürgerlichen Stadtteil Ipanema in Rio de Janeiro. Sie trinken Bier, unterhalten sich und erfreuen sich an den weiblichen Schönheiten, die in der brasilianischen Sonne ihre Blickfelder kreuzen.

Eine 17-Jährige weckt mit ihren grünen Augen und dem wallenden Haar das besondere Interesse der Künstler.

Der Komponist Antônio Carlos Tom Jobim 1974 mit Gitarre. (Foto: ddp/AP)

Der Komponist Antônio Carlos "Tom" Jobim 1974.

Legenden sind dazu da, um außergewöhnliche Geschichten noch großartiger zu machen: So schrieb Beethoven seine Pastorale mitten in der Natur – natürlich ohne Klavier und Notenblätter. Und genauso – erzählt man sich – haben Tom Jobim und Vinícius de Moraes ihr Stück "Garota de Ipanema" (Mädchen aus Ipanema) eben dort in der Bar Veloso vor den Augen ihrer Muse verfasst.

Der brasilianische Musikwissenschaftler Ruy Castro – für seine Exaktheit ebenso bekannt wie für seinen Humor – meint dazu, die beiden hätten Heloísa Pinto (später Helô Pinheiro) durchaus schon häufiger gesehen: auf dem Weg zur Schule, zur Schneiderin, zum Zahnarzt … Und es sei auch überhaupt nicht die Art von Jobim und Moraes gewesen, an einem Kneipentisch Musik zu schreiben. Obwohl sie dort sicher die besten Stunden ihres Lebens verbracht hätten.

Durchbruch mit "Getz/Gilberto"

Wie auch immer es sich zugetragen hat: In jenem Jahr begann eine der größten Erfolgsgeschichten aller Zeiten. Nicht nur des Bossa Nova, der damals in Brasilien aufkam, sondern der internationalen Musik überhaupt.

Am 2. August 1962 wurde das Lied im Restaurant Bon Gourmet im Nachbarstadtteil Copacabana uraufgeführt, und im selben Jahr veröffentlichte der Sänger Pery Ribeiro die erste Aufnahme.

Der internationale Triumph folgte erst zwei Jahre später mit der Veröffentlichung auf dem legendären Album "Getz/Gilberto" des Jazz-Labels Verve. Die Platte vereint drei Brasilianer und einen US-Amerikaner: den Sänger und genialen Gitarristen João Gilberto, seine Frau Astrud und den minimalistischen Pianisten Antônio Carlos "Tom" Jobim sowie den Jazz-Saxophonisten Stan Getz, der sich bereits bestens mit den synkopischen Rhythmen des Bossa Nova auskannte.

Das Album eroberte die USA im Sturm und erhielt zahlreiche Grammys. Das Hauptstück, nun auf Englisch "The Girl from Ipanema", enterte zahlreiche internationale Hitlisten, erreichte Platz fünf der US-Charts und Platz 29 in Großbritannien.

Sonnenuntergang in Ipanema (Foto ddp/AP)

Sonnenuntergang in Ipanema.

Neue Leichtigkeit

Mitte der 50er Jahre hatte eine Gruppe junger, intellektueller Musiker - die meisten aus Rios oberen Mittelschicht - damit begonnen, den Bossa Nova zu entwickeln. Der wird gemeinhin als glückliche Mischung aus Samba und Cool-Jazz beschrieben. Doch Tom Jobim selbst wies diese Definition genau wie die Bezeichnung Jazz-Samba stets zurück; er betonte, dass der "Bossa" 100 Prozent brasilianisch sei.

Portrait des Dichters und Liedtexters Vinícius de Moraes. (gemeinfrei)

Der Dichter und Liedtexter Vinícius de Moraes.

Der Text von Garota de Ipanema ist vollkommen unprätentiös - geradezu frivol. Anfang der 60er Jahre eine kleine Revolution, labten sich brasilianische Lieder doch bisher an Herzschmerz und Pathos. "Meine erste Liebe starb wie eine knospende Blume und hinterließ Dornen in meinem Herzen …", schrieb Cartola, einer der bekanntesten Vertreter des Chorinho (etwa: Klageliedchen) – stattdessen schrieb Vinícius de Moraes nun von Sonne, Meer, gebräunten Körpern und schwingenden Hüften.

Selbst in der melancholischsten Passage überwindet er die Indifferenz der Angehimmelten ohne Drama: "Wenn sie nur wüsste, dass wenn sie vorbeigeht, die Welt lächelt, sich mit Anmut erfüllt und schöner wird wegen der Liebe."

Der englische Text von Norman Gimbel erhält die einfache Sprache, benennt den Samba, um die Bewegung der Schönen zu beschreiben und endet in einem sehnsüchtig staunenden "Ah…" ihrer Beobachter.

Die Melodie ist ebenfalls unkompliziert und basiert auf der Variation weniger Motive -  abgesehen von einem ausladenderen Mittelteil. So geht ein großer Teil der Faszination auf den damals neuartigen Rhythmus zurück. Statt einem vorgegebenen Schema zu folgen, tanzten die Akkorde synkopisch durch das Stück als schwebten sie durch die Luft.

Die Last des Erfolgs

Inzwischen wurde das Lied mehr als 200 Mal interpretiert, 40 Mal alleine zwischen 1963 und 1965. Die Interpretenliste reicht vom Komponisten Tom Jobim über praktisch alle brasilianischen Pop- und Jazz-Musiker bis hin zu internationalen Größen wie Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, Sarah Vaughan, Nat King Cole, Louis Armstrong, Stevie Wonder, The Supremes, Nana Mouskouri, Caterina Valente, Cher, Amy Winehouse und sogar zum klassischen Flötisten James Galway.

Und da nichts heilig ist, muss man auch die Gay-Variante "The boy from …" von Stephen Sondheim, bereits 1966 veröffentlicht, und die Satire des Mülheimer Multitalents Helge Schneider "Die Frau aus Castrop-Rauxel" erwähnen. Nur die Beatles-Ballade "Yesterday" kann mehr Versionen vorweisen.

Portrait von der Muse Heloisa Helo Pinheiro.(Foto: AP/dapd)

The Girl from Ipanema: Heloisa "Helo" Pinheiro war die Muse, die Jobim und Moraes inspirierte.

Auf ihrer Reise durch die internationale Musikwelt hat das Mädchen aus Ipanema vieles von ihrer musikalischen Subtilität eingebüßt: Von einer musikalischen Revolution wurde es zu einem Gemeinplatz in Hollywood-Soundtracks degradiert, dann ohne Gnade und Respekt von Madonna, der brasilianischen Metal-Band Sepultura, Mike Tyson und dergleichen massakriert und endete als Fahrstuhlmusik in Kaufhäusern.

Wie viel Anmut ist der Schönheit aus Rio 50 Jahre nach ihrem ersten Auftritt noch geblieben?