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Afrika

Das lukrative Geschäft mit Afrikas Migrantinnen

4000 Nigerianerinnen sind letztes Jahr über das Mittelmeer nach Italien gekommen. Die meisten von ihnen sind Opfer skrupelloser Menschenhändler. Doch nur selten kommen diese vor Gericht - weder in Afrika, noch in Europa.

Wenn Staatsanwältin Angela Pietroiusti Überstunden macht, kann sie die nigerianischen Prostituierten von ihrem Bürofenster aus sehen. Sobald es dunkel wird, wird die Allee vor dem Justizplast von Florenz zum Straßenstrich. Rund 40.000 Ausländerinnen prostituieren sich laut Schätzungen in Italien. Ein Großteil von ihnen kommt aus Rumänien und Nigeria. Und fast alle sind Opfer von Menschenhändler-Ringen, die die jungen Frauen aus ihren Heimatländern bis nach Italien schleusen.

Angst vor magischen Kräften der Menschenhändler

Doch obwohl das Problem für sie sogar in Sichtweite ist, konnte Pietroiusti - zuständig für Organisierte Kriminalität und Menschenhandel im Großraum Florenz - in den letzten Jahren keine einzige "Madame" hinter Gitter bringen. Madame, so werden die nigerianischen Drahtzieherinnen des Menschenhandels bezeichnet. Die mächtigen Damen leben meist in Italien und kontrollieren von dort aus ihre Menschenhändler-Banden. Das sind oft kleine Netzwerke bestehend aus ein paar Anwerbern, die junge Frauen in Nigeria mit falschen Versprechungen anlocken, und einigen Schleusern, die sie dann durch die Wüste und über das Mittelmeer bis nach Europa bringen.

Italien Staatsanwältin Angela Pietroiusti (Foto: Scholz/Kriesch)

Schwieriger Kampf gegen Menschenhändler: Staatsanwältin Angela Pietroiusti

"Unser Problem ist, dass die Opfer meist große Angst haben, mit der Polizei zu sprechen", so die Staatsanwältin. Als Hauptgrund sieht sie sogenannte Juju-Rituale. Juju ist in der Region rund um die südnigerianische Millionenstadt Benin City, aus der die meisten der Opfer kommen, ein weit verbreiteter magischer Glaube. Juju-Priester, die mit den Menschenhändlern zusammenarbeiten, nehmen den jungen Frauen vor deren Abreise einen Schwur ab, dass sie ihren neuen Arbeitgebern in Europa gehorsam sind. Sonst drohe ihnen und ihren Familien der Tod. "Es ist für uns sogar schwierig, verlässliche Übersetzer zu finden, die die Dialekte der Mädchen verstehen", so die Staatsanwältin. Denn selbst diese fürchteten sich vor den magischen Kräften des Juju.

Die Polizei schaut weg

Doch Joy K. vermutet noch andere Gründe hinter der Straffreiheit so vieler Madames. Ihrer Meinung nach ignorierten die italienischen Behörden das Phänomen weitgehend, weil sowohl Täter als auch Opfer aus dem Ausland kämen und kaum ein Italiener direkt von dem Problem betroffen sei. Die Nigerianerin weiß, wovon sie spricht. Als sie 17 Jahre alt war, lockte eine Bekannte sie nach Italien und versprach ihr, dass sie dort bei einer wohlhabenden Nigerianerin als Babysitterin arbeiten könne.

LKW mit Migranten verlässt Agadez (Foto: Scholz/Kriesch)

Knotenpunkt Niger: Von Agadez starten die Transporte mit Flüchtlingen Richtung Mittelmeer

Es war der Beginn einer langen Odyssee für Joy K. Mit falschen Papieren wurde sie über die Schleuser-Hochburg Agadez in der nigrischen Wüste bis an die Mittelmeerküste gebracht. Von dort ging es im Schlauchboot über das Mittelmeer. In Italien angekommen, entpuppte sich die wohlhabende Nigerianerin schon nach wenigen Tagen als brutale Zuhälterin. "Sie sagte mir, dass ich ihr nun 30.000 Euro für die Reise nach Europa schulde und deshalb von nun an jede Nacht anschaffen gehen müsse", so die ehemalige Zwangsprostituierte.

Vor einem Jahr wurde die heute 23-Jährige schließlich von der italienischen Polizei aufgegriffen und in ihre Heimat Benin City abgeschoben. Dort versucht sie nun, ein neues Leben aufzubauen - und gegen ihre Peiniger von damals vorzugehen. "Sowohl Italien als auch Nigeria müssen dafür sorgen, dass das endlich aufhört. Es geht ja nicht nur um meine 'Madame'. Es gibt so viele von ihnen, die noch viel schlimmer sind", so Joy K.

Millionengeschäft mit vielen Mitverdienern

Doch auch zurück in Nigeria musste die ehemalige Zwangsprostituierte feststellen, dass die dortigen Behörden nicht gerade mit Hochdruck an der Verfolgung der Menschenhändler arbeiten. Auch Bibiana Emenaha bestätigt diesen Eindruck. Die Ordensschwester leitet ein Frauenhaus in der Region und hat viel Erfahrungen mit Nigerias Anti-Menschenhandels-Behörde NAPTIP sammeln können. Sie kommt zu dem ernüchternden Fazit: "Die machen ihre Arbeit einfach nicht richtig."

Schwester Bibiana Emenaha klärt Schülerinnen in Benin City über den Menschenhandel auf (Foto: Scholz/Kriesch)

Aufklärung über die Gefahr von Menschenhändlern: Schwester Bibiana Emenaha

Menschenhandel ist in Afrika zu einem Milliarden-Geschäft geworden, an dem viele mitverdienen. So entstehen in unmittelbarer Nähe der trostlosen Slums von Benin City, aus denen die meisten Opfer kommen, auch immer mehr prachtvolle Villen. Böse Zungen in der Stadt behaupten, die meisten dieser Prunkbauten seien der Alterssitz in ihre Heimat zurückgekehrter Madames. Gut 1000 Kilometer weiter nördlich, im nigrischen Agadez, wird noch deutlicher, wie sehr sich der Menschenhandel zu einem wichtigen Wirtschaftszeig in der gesamten Region entwickelt hat. Die Wüstenstadt gilt als Drehkreuz des Menschenhandels, fast alle Schleuser nutzen sie als Durchgangsstation - besonders seit im nördlich angrenzenden Libyen politisches Chaos ausgebrochen ist. Denn seitdem haben die Schleuser auf dem Weg zum Mittelmeer nicht mehr mit den strengen Kontrollen von früher zu kämpfen.

Gut 50 Prozent des Wirtschaftslebens soll der Menschenhandel in Agadez laut Schätzungen inzwischen ausmachen. Sieben Banken haben in den letzten Jahren in dem Wüstenort Filialen eröffnet, hinzukommen unzählige kleine Läden für Bargeld-Transfers. Kein Wunder also, dass die Behörden nur einen begrenzten Willen besitzen, diese sprudelnden Geldquellen auszutrocknen. So schiebt auch der Gouverneur von Agadez die Verantwortung lieber der internationalen Gemeinschaft zu. "Wir halten die Migranten ja schon oft ab, wenn wir wissen, dass sie illegal Grenzen überqueren wollen, um zum Beispiel Prostitution zu betreiben." Mehr könne man allerdings momentan leider nicht tun - ohne entsprechende finanzielle Mittel.

Niemand spricht die Wahrheit aus

Für Joy K. gehören all diese Erfahrungen der Vergangenheit an. Für sie ist klar: Noch einmal wird sie nicht auf die Menschenhändler reinfallen, die so vielen jungen Nigerianerinnen ein neues Leben in der Ferne versprechen. Inzwischen hat K. einen kleinen Lebensmittelladen in Benin City aufgemacht und verdient genug, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Porträt eines Opfers der Menschenhändler (Foto: Kriesch/Scholz)

Traum von Europa zerplatzt: Eine Nigerianerin, die zum Opfer von Menschenhändlern wurde

In ihrer alten Heimat versucht sie nun, wann immer es geht, andere junge Frauen vor der Reise zu warnen. Denn die Menschenhändler seien aktiver als je zuvor - und lockten die Frauen auch immer öfter mit anderen europäischen Ländern wie Großbritannien und Deutschland an. Zu viele andere Rückkehrerinnen trauten sich nicht, ehrlich über das zu sprechen, was sie in Europa durchgemacht hätten, meint K. - und dieses Schweigen spiele den Menschenhändlern direkt in die Hände. Nigeria sei sicherlich kein einfaches Land, so die 23-Jährige. "Aber in Europa ist es für uns leider auch nicht einfach."

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