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Bücher

Das literarische "Großmaul" aus Korea

In Korea nennt man Hwang Sok-yong gerne "Kura" - das Großmaul. Und tatsächlich nimmt der preisgekrönte Autor selten ein Blatt vor den Mund - und geht dafür auch ins Gefängnis.

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Hwang Sok-yong

Hwang ist heute 62 Jahre alt. Als Kind erlebte er den Korea-Krieg, der die Teilung des Landes zementierte. Gegen diese Teilung zu protestieren, ist eines der wichtigsten Anliegen seines literarischen und auch politischen Engagements. 1989 reiste er deshalb illegal nach Nordkorea. Für diesen Besuch drohte ihm in Südkorea eine Gefängnisstrafe. Vorübergehend floh er nach Berlin, wo er den Fall der Mauer erlebte. "Als ich das alles miterlebte, musste ich weinen, weil die Situation in Korea ganz anders war. Wir schliefen ja praktisch jede Nacht auf Waffen", berichtet er. Einige Jahre später ging er zurück nach Südkorea, wurde wie erwartet inhaftiert und kam erst Ende der 1990er Jahre wieder frei. Heute ist er unter anderem Präsident der koreanischen Künstlervereinigung.

Nordkorea Südkorea Plakat aus dem Koreakrieg

Plakat aus dem Koreakrieg (1950-53): Darauf steht: "Die Verteidigungsstrategie der südkoreanischen Armee"

"Die Geschichte des Herrn Han"

Das Leiden der Koreaner unter der Teilung beschreibt Hwang Sok-yong in seinem Kurzroman "Die Geschichte des Herrn Han", der gerade auch in Deutschland erschien. Auf Koreanisch erschien der Roman bereits im Jahre 1972 - es war das Debüt des heute preisgekrönten Autors. "In der 'Geschichte des Herrn Han' erzähle ich meine eigene Familiengeschichte. Deshalb fühle ich mich dieser Geschichte immer noch sehr verbunden, obwohl ich den Roman schon vor längerer Zeit geschrieben habe", erzählt Hwang Sok-yong. "Der Roman ist ein Beispiel für viele ähnliche Schicksale in Korea: Es sind etwa zehn Millionen koreanische Familien durch die Grenze zwischen Nord- und Südkorea getrennt worden."

Anti-amerikanisches Plakat aus Nordkorea

Anti-amerikanisches Plakat aus Nordkorea, 2003

Es ist 1950: Auf der koreanischen Halbinsel herrscht Krieg. Die nordkoreanischen Truppen werden in Südkorea mit Hilfe der von den USA angeführten UN-Verbände wieder zurückgedrängt. Die Fronten verändern sich. "Die erschöpften Menschen waren verzweifelt, das Land verwüstet", heißt es nüchtern in dem Roman. Der Protagonist Herr Han lebt mit seiner Familie in Pyöngyang, als der Korea-Krieg ausbricht. Er ist ein angesehener Arzt. Politisch aber misstraut man ihm, weil er sich vom Kommunismus nicht mitreißen lässt. Als die Südkoreaner Pyöngyang besetzen, flieht Herr Han nach Süden. Er ahnt nicht, dass er seine Familie nicht wiedersehen wird, weil kurz darauf die Grenze zwischen Norden und Süden gezogen wird.

Es ist ein sehr dichter Roman darüber, wie politische Verhältnisse ein Leben zerstören können. "Es gibt heute viele Menschen, die die Teilung und den Korea-Krieg als etwas ganz Normales empfinden", sagt Hwang. "Aber in den letzten Jahren gab es immer wieder Momente, in denen man befürchten musste, dass wieder ein Krieg ausbrechen könnte. Es herrscht ja nur ein formaler Waffenstillstand zwischen Nord- und Südkorea und kein Frieden."

"Der ferne Garten"

Auch in dem Roman "Der ferne Garten" (2000) arbeitet Hwang Sok-yong einen Teil der koreanischen Geschichte auf. Es geht um die Zeit der Protestbewegung gegen die Militärdiktatur in den 1980er Jahren. Wie aus der Perspektive eines umgedrehten Fernglases erzählt der Roman von unterschiedlichen Menschen, die in den Strudel der Demokratisierungsbewegung in Südkorea geraten. Das Stichwort dazu - im Text mit Großbuchstaben hervor gehoben - ist "Gwangju", eine Stadt im Süden des Landes, in der das Militär im Mai 1980 einen Volksaufstand blutig niederschlägt.

Südkorea Flagge

Südkoreas Flagge

Trotz der Niederlage war der Aufstand damals ein politischer Wendepunkt und zugleich ein Symbol der Demokratisierungs-Bestrebungen. Der Protagonist Oh Hyunuh ist Teil dieser Bewegung und er kommt dafür ins Gefängnis. Nach 17 Jahren Haft wird er Ende der 1990er Jahre in die Freiheit entlassen. Die Welt um ihn herum hat sich derart verändert, dass sie ihm alles fremd erscheint. In Gesprächen mit Freunden, in seinen Erinnerungen und den Tagebüchern seiner inzwischen verstorbenen Geliebten, der Malerin Han Yunhui, blickt er zurück - ein politischer und außerordentlich feinfühliger Roman.

Hwang erlebte den Aufstand in Gwangju selber mit. Er weiß, wovon er spricht, wenn er erzählt, wie es im Kopf eines Gefangenen in Einzelhaft aussieht ("Nichts wünschte ich mir mehr als einen einzigen Mithäfting, mit dem ich streiten und diskutieren konnte"), wie man in dieser Lage seiner Einsamkeit Herr zu werden versucht oder wie die Wärter danach trachten, den Widerstandsgeist des Gefangenen zu brechen.

Straßenbild von Seoul, Südkorea

Straßenbild von Seoul, Südkorea

Die Repressalien, denen er selbst ausgesetzt war, haben ihn nicht eingeschüchtert. Er polemisiert auch heute noch völlig unverblümt zum Beispiel gegen die Präsenz der Amerikaner im Land. Seinen Hauptwohnsitz hat er momentan allerdings in London - vielleicht, um Sicherheitsabstand zu Korea zu wahren.

Katharina Borchard / arn

Hwang Sok-yong: Der ferne Garten. Roman. Aus dem Koreanischen von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak. dtv. ISBN 3-423-24460-7. 520 Seiten. EUR 15

Hwang Sok-yong: Die Geschichte des Herrn Han. Roman. Aus dem Koreanischen von Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak. dtv. ISBN 3-423-24488-7. 140 Seiten. EUR 12

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